Meine Geschichte Teil 1 und 2

Meine Geschichte Teil 1 und 2

Sie hiess Schwester Klara, nicht Fräulein und auch nicht Frau. Sie war meine erste Erzieherin und Förderin ausserhalb meiner Familie.Schon im Jahre 1950 besaß die Gemeinde Russikon einen modernen Kindergarten an der Rosengasse. Ich erinnere mich noch heute sehr genau an schönen eingeschossigen Bau mit seinem großzügigen überdeckten Eingang und den Bankreihen zu beiden Seiten. Darüber waren die Kleiderhaken montiert, vorgesehen um unsere Straßenkleider und Pelerinen auf zu nehmen. 

Hier lernten wir unsere Schuhe fachgerecht zu binden und sie ordentlich unter den Bänken zu verstauen. Die Finken angezogen und die Ellenbogenschoner übergestreift und die Schürze angezogen, welche zu jener Zeit auch bei Knaben zum Standard einer Kindergarten-Bekleidung gehörte. Jetzt konnte es losgehen.

Unsere Schwester Klara. Was für eine liebenswürdige Frau, stets ein mildes Lächeln in ihrem lieben Gesicht. War es ihr Aeusseres,, von den Schuhen bis zum Hals ganz in Schwarz gekleidet, unterbrochen nur durch den weissen Kragen ihrer Bluse, welcher ihr die natürliche Autorität verliehen hat? Oder trug das weisse Häubchen welches ihre ergrauten Haare bedeckte dazu bei? Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass ihre pädagogischen Fähigkeiten jemals aus dem Ruder liefen. Alle gingen wir gerne zu ihr in den Kindergarten. Wir durften spiele mit farbigen Holzklötzchen und malen mit Farbstiften und Wasserfarben. Es gab „Kugelbahnen“, kleine Holzhäuschen, worin man sich herrlich verkriechen konnte. Die Mädchen übten sich in ihren ersten modischen Fantasien beim bekleiden und frisieren der Puppen. Dazwischen das Gekicher und Geplapper der grossen Kinderschar. Wenn es mal allzu laut wurde, genügte der Aufruf von ein paar Namen, manchmal auch nur der Blick von Schwester Klare und der Lärm beruhigte sich.

In den Pausen gewährte und die großzügige Außenanlage um uns richtig auszutoben. Es gab Klettertürme und andere Sportgeräte, sowie den obligaten grossen Sandkasten. Diese ganzen Spielsachen gab es bei uns zu Hause nicht. Sie waren zu jener Zeit einfach nicht wichtig fürs Überleben.

Wenn es das Wetter zuließ, wurde auch einmal ein Ausflug in die nähere Umgebung gemacht. Voraus unsere Schwester Klara, dahinter Hand in Hand, jeweils zwei Knaben oder zwei Mädchen, geordnet in einer sauberen Zweierkolonne. Dabei baumelte bei allen das farbige „Znünitäschli“ an der Seite.

Der Inhalt bei allen vermutlich der gleiche, ein halbes Stück Brot und ein Apfel. Der Jakob mag da eine Ausnahme gewesen sein. Seine Mutter hat ihm vielleicht etwas Leberwurst aufs Brot gestrichen, sein Vater war Metzger im hiesigen Schlachthaus. Arbeiterkinder waren wir fast allesamt und neidisch brauchte eigentlich niemand zu sein. Es war eine glückliche Zeit aber die unbeschwerte, verspielte Zeit sollte mir nur noch für kurze Zeit gewährt werden.

Unser Zuhause war die „Kreuzstraße“. Nein auf der Straße haben auch wir nicht gelebt. Das Gebäude war eines von fünf Kosthäusern welche es zu jener Zeit in Russikon gab. Sie hießen „Rigiblick“, „Gäntenwies“ und „Kreuzstraße“, daneben gab es noch zwei dieser Häuser im Unterdorf. Für mich hatten sie allerdings keinen Namen, hatten sie vermutlich schon, aber sie gehörten nicht zu meinem näheren Revier.

Das eigentliche Lebensumfeld ist jetzt beschrieben, es wird Zeit unsere Familie bekannt zu machen.

Wir, das waren mein Vater Hans, meine Mutter Verena, meine Brüder Reinhard und Hans, sowie meine Schwester Verena und der Schreibende. Sechs Personen, drei Zimmer. Wie geht das? Die Eltern hatten ihr Schlafzimmer, in welchem auch unser Bruder Hans sein Schlafgemach fand. Er war ja noch so klein und mit 3 Jahren hat sich seine Situation so­wieso verändert. Aber das gehört jetzt nicht an diese Stelle. Reinhard und ich teilten uns das zweite Schlafzimmer der Raumgröße entsprechend in zwei Betten, … immerhin. Un­sere Schwester Verena wurde in in der Stube einquartiert. Sie hatte so im Winter den Vorteil einer temperierten Schlafgelegenheit.

Aus meiner heutigen Sicht waren Kosthäuser ab Mitte des 19. bis spät ins 20. Jahrhundert eine grossartige Einrichtung des frühen Industriezeitalters. Im Zürcher Oberland findet man diese Häuser, wenn auch sanft renoviert auch heute noch. Sie gaben vielen Arbeitern das nötige Dach über dem Kopf. In diesen Häusern gab es kein Warmwasser. Geheizt wurde meistens mit zwei Kanonenöfen. Der einte stand in der Küche, der andere im Stübchen. Die Schlafzimmer wurden nie beheizt. Die Küche war ausgestattet mit einem Stein trog und einer Steingut-Abtropf rinne. Wir hatten allerdings schon zu jener Zeit einen Elektrokochherd mit Backofen. Daneben gab es auf der einen Seite den Tisch und die Stühle auf der anderen Seite Wandkästen und Ablagen und den Herd. Einen Kühlschrank gab es nicht. Der Boden in der Küche war geklinkert der Vorraum mit rötlichen Platten belegt.

Für was dieser Raum eigentlich gerechnet war, habe ich bis zum heutigen Tage nicht begriffen.Von meiner Mutter erfuhr ich dass in früheren Jahren (vor unserer Zeit) hier einmal die eigentliche Küche mit Holzofen bestanden hat. In späteren Jahren hauste hier einmal ein Zimmerherr worauf ich später zu sprechen komme.

In den Zimmern und der Stube waren Tannenriemen verlegt. Die Fenster waren einfach verglast, wobei im Winter zusätzlich Vorfenster eingehängt wurden. Das Fall-WC war immer ausserhalb der Wohnung angesiedelt, ohne Spülung wie hier noch erwähnt werden soll. Ein Waschbecken war nicht zeitgemäss im WC. Die Hände konnten genau so gut in der Küche gewaschen werden.

Das wirklich grossartige und soziale an diesen Kosthäusern war eigentlich etwas ganz anderes. Diese Häuser standen auf einer Fläche, welche mindestens 4 – 5 mal grösser war, als der Grundriss des Hauses. Eigentlich beherrschten die Nebenräume und der grossartige Garten die Siedlung. Die „Kreuzstraße“ war eigentlich ein Doppel-Mehrfamilienhaus getrennt durch eine Brandmauer. In beiden Hausteilen fanden fünf Familien ihr Zuhause. Jeder Mieter hatte seinen Natur keller, was auch wichtig war um gewisse Lebensmittel aufzubewahren. Milch wurde jeweils und zwar abends im „Milchhüsli“ geholt. Vor den eigentlichen Kellern gab es einen grossen Vorraum, wo Kinderwagen und in späteren Jahren auch Fahrräder eingestellt werden konnten.

Das Heizmaterial bestand aus Tannenzapfen, selber gesuchtem Holz und Unions-Briketten. Der 25kg-Bund kostete schon in jener Zeit 5 Franken, weshalb auch möglichst sparsam damit umgegangen wurde. Wir Kinder waren auch für das gesamte Heizmaterial zuständig. Tannenzapfen und Holz äste wurden mit einem Leiterwagen aus den umliegenden Wäldern geholt, nicht selten kritisch beäugt von einigen Bauern. Allzu dicke Äste auf dem Leiterwagen sah man gar nicht gerne. Die Briketten wurden mit dem Leiterwagen oder dem Schlitten beim örtlichen Depositär eingekauft.

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Zwischen den beiden Hausteilen war die große Waschküche angesiedelt. Die Ausrüstung bestand aus einem doppelten Trog, einem Waschbrett, dem großen Südhafen, welcher bestimmt gute 100 Liter Wasser fasste.

Mit einer großen Schöpfkelle mit langem Stiel wurde das heiße Wasser dann entweder in die Waschtröge oder die Badewanne befördert. Die große verzinkte Badewanne mit schweren Gussfüßen stand in dieser Waschküche. Und um den Komfort komplett zu machen gehörte auch eine Schwinge zum Inventar. Angetrieben wurde sie nicht mit Strom, sondern mit der Kraft des Wassers.

Die Technik dieser Schwinge hat uns Kinder natürlich immer fasziniert. Die Abwesenheit der Mutter wurde dann auch hin und wieder dazu benutzt die beiden Kleinsten etwas Karussell fahren zu lassen, dabei musste natürlich die Wasserzufuhr nach kurzer Zeit abgestellt werden. Heute bin ich froh, dass dabei nie etwas Ernstes passiert ist und der aufgetretene Schwindel ist jeweils nach kurzer Zeit verflogen.

Die Kochwäsche wurde im Südhafen erst einmal gekocht, um anschließend in den Trögen gewaschen und gespült zu werden, während die Handwäsche auf dem Waschbrett mit Kern- oder Marseillanerseife geschrubbt wurde. Der Südhafen diente noch einem anderen Zweck. Immer wenn die Mutter Waschtag hatte und das war alle drei Wochen, hieß das für uns Kinder auch Badezeit. Es verstand sich zu jener Zeit von selbst, dass alle Kinder im gleichen Wasser gebadet haben, zuerst die Kleinen, dann die Größeren Vermutlich haben die Eltern dann anschließend gebadet, gesehen haben wir dies natürlich nicht. So hatte also auch diese Waschküche für uns Kinder etwas sehr reizvolles, auch wenn der Zementüberzug jeweils ziemlich kalt werden konnte.

Die Nebenräume waren also das für uns Kinder das eigentlich schöne an diesen Häusern. Zwischen den Wohnungen gab es breite Gänge. Im Hochparterre waren sie mit Stein Platten belegt, eine nützliche Sache, waren doch auf diese Weise eingeschleppter Schmutz, nasse Schuhe und Kleider nicht ein allzu großes Problem. Die Treppen waren breit und allesamt aus Holz gefertigt. Im zweiten Stock, wo wir wohnten war ein großer Gemeinschaftsraum zwischen den zwei Wohnungen.

Im 2. Stock gab es nur noch eine Wohnung, der Rest wurde gebraucht für die Holzestriche der Mieter. Es waren riesige Dinger, welche bis unters Dach reichten. Hier konnte das Holz wunderbar trocknen und die gesammelten Tannenzapfen gingen jeweils auf das doppelte Volumen auseinander. Aber die Winter konnten lange werden, so dass die Räume in keiner Art zu groß bemessen waren. Darüber befand sich dann in voller Breite die eigentlich Winde. Hier wurde bei schlechtem Wetter die Wäsche getrocknet, im Winter musste man allerdings eher von gefriergetrocknet sprechen. Dieser Trocknungsprozess konnte auch mal zwei Tage dauern. Auch entsinne ich mich gut, wie jeweils der Schnee unter den Ziegeln hinein geblasen wurde. Ein kleiner Teil davon dürfte auch durch das schlecht verschließende Fenster hinein geweht worden sein.

Wir holten unsere Mutter oft ab in der „Webi“ und ich bin mir ganz sicher, dass sogar die Schlosserei welche natürlich zum Betrieb gehörte um einiges größer war als der kleine Bürotrakt. Das Verhältnis zwischen der arbeitenden und der verwaltenden Belegschaft muss unter 1 : 50 gelegen sein. Ob hier das Geheimnis verborgen liegt, weshalb die Webereien in der Schweiz nicht mehr rentieren? Vielleicht müsste man sich halt einmal Gedanken darüber machen. Wenn sich jedenfalls bald 80 Prozent im Dienstleistungsbereich tummeln, würde sich vielleicht ein Blick über die Grenzen nach Indien und China durchaus lohnen.

Die vier Weber meister welche es gegeben hat waren eigentlich immer an der Front, wo sie vielfach in ihrem kleinen Kabinchen saßen und so einen guten Überblick über die Arbeiterschaft hatten. Sie hatten auch das Privileg, dass sie von der Firma ein kleines Häuschen zur Verfügung gestellt bekamen. Eine qualifizierte Weberin wie sie meine Mutter mit Sicherheit war betreute in jenen Jahren schon ohne weiteres 8 Web Maschinen. In späteren Jahren stieg diese Zahl auf mehr als zwölf an. Es waren schon damals höchst leistungsfähige Webeiermaschinen von Rieter, Sulzer und Saurer. Manchmal nahm mich der Weberei-Meister mit in den riesigen Web Saal wo ein ohrenbetäubender Lärm herrschte. Nachwuchsförderung anfangs der 50-er Jahre. Ohr schütze musste ich dabei nie tragen, auch meine Mutter nicht. Sie hat von Montag bis Freitag 10 Stunden gearbeitet, am Samstag kamen dann nochmals 5 – 6 Stunden dazu.

Noch etwas zum Lohn in den Nachkriegsjahren. Meine Mutter, man würde sie heute sicher Fachkraft nennen, verdiente etwa 300 Franken im Monat (keineswegs wenig in jener Zeit), bei einer Arbeitszeit von etwa 230 Stunden monatlich. Einen eigentlichen Monatslohn allerdings kannte man nicht, Lohn wurde jeweils in zwei Tranchen ausbezahlt. Ferien hatte sie 14 Tage, dafür wurden monatlich sogenannte Ferien marken ausgehändigt.

Ich mag mich allerdings nicht erinnern, dass sie dann dem Müßiggang gefrönt hätte, sie fuhr vielleicht 2 – 4mal nach Pfäffikon im Jahr, um Sachen zu kaufen, welche es in unserem Ort nicht gab. Ich glaube man ging in jener Zeit auch nie in die Ferien. In meinem Bekanntenkreis hatte nie jemand von Ferien gesprochen. Mit einer mir noch bekannten Ausnahme. Die Bauernfamilie Winkler fuhr im Winter jährlich zum Skifahren nach Amden.

Der Liter Milch kostete aber auch nach dem 2. Weltkrieg bereits 47 Rappen. Täglich 2 – 3 Liter brauchten wir davon. Auf soziale Aspekte der Arbeiterschaft in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg werde ich noch öfters zurückkommen. Für unser Dach über dem Kopf mussten wir Fr 30.- Miete bezahlen, pro Monat wie hier noch erwähnt werden muss.

Was sonst noch alles in diesem Mietpreis enthalten war, darüber müssen noch ein paar Worte erzählt werden. Rechts neben dem Eingang zur Waschküche stand ein großer Brunnen. Sein sanftes Geplätscher hat uns beruhigt. In ihm konnte man so herrlich plantschen, daneben diente er uns auch als Wasserlieferant für all die Gärten rund ums Haus. Der Vorplatz auf der Seite zur Kreuzstrasse war belegt mich Bollensteinen. Die Gärten un­seres Hausteiles waren auf zwei Terrassen nach Westen ausgerichtet. Die ganze Anlage war eingefasst mit einer mächtigen Mauer. Ein Rostkastanienbaum wie ich ihn in dieser Größe nie mehr gesehen habe thronte gegenüber dem Rest. Kreuzstrasse auf der unteren Seite der westlichen Gartenanlage. Ein herrlicher Schattenspender im Sommer und zu­dem für uns Kinder ein Spielzeuglieferant.

Aus den Kastanien konnten wunderbare Hals Krallen und Unmengen von Tieren gebastelt werden. Meist verschwanden diese Kunstwerke im Winter in den Kanonenöfen, denn die nächste Ernte kam bestimmt. Was nicht unserer und der übrigen Dorfjugend für die kreativen Tätigkeiten zum Opfer fiel, wurde zusammen gelesen und dem Förster (damals noch ein Bauer im Nebenamt) für die Notfütterung von Rehen im Winter zur Verfügung gestellt. Die einzelnen Kastanien wurde mit Teilen von Zündhölzern verbunden.

Sie waren noch nicht mit Schwefel besetzt und wir konnten die großen Bünde für ein paar Batzen in der Zündhölzerfabrik Fischer in Fehraltorf kaufen. Aus ihnen wurden aber vor allem Häuser, Kirchen und andere Fantasieprojekte zusammen geleimt um anschließend über einer Kerze eine Patina zu erhalten. Vom Patron dieses Unternehmens soll übrigens der Spruch: „Soweit mein Auge reicht, alles gehört mir.“ kommen. So jedenfalls haben es die alten Russiker damals verbreitet. Wir dagegen verdienten uns dieses alleinige Spielzeug mit Handreichungen, welche wir für Mitbewohner und Bauern ausführten. Auch das Depot Geld von eingesammelten Flaschen verhalf uns jeweils zu einem bescheidenen Taschengeld. Es wurde jeweils in unseren „Tresoren“, will heißen in leeren Zündholzschachtel aufbewahrt.

Der Fehraltörfler Weiher war einer der Tummelplätze für die Jugend und der Stausee wurde angelegt für die Energiegewinnung der Zündholzfabrik. Das Wasser hat die Maschinen angetrieben. Die Zündhölzer allerdings, welch wir verbaut haben waren nur noch Handelsware. Als letzte der neun Betriebe, welche sich im Züricher Oberland seit 1845 mit der Produktion beschäftigt haben, hatte Fischer die Produktion 1945 eingestellt. Wer sich für diese andere Geschichte interessiert findet die interessanten Informationen im Zündholzmuseum Schönenwerd.

Im Süden und Osten waren weiter Gärten angelegt, welche auch rege benutzt wurden. Auf der Ostseite des Gebäudes gab es weitere Infrastrukturen. Da war einmal die Jauchegrube, die jeweils einmal im Jahr von einem Bauern geleert und auf die Felder gebracht wur­de. Etwa 15 Meter von der Fassade entfernt war der große Wäsche- Trocknungsplatz. Sie hatte für heutige Begriffe ein gigantisches Ausmaß. Dabei muss natürlich bedacht werden, dass es erstens viele Kinder und zweitens noch keine Pampers gab. Für einen Wicklungs­prozess brauchte es jeweils eine Gaze und eine Leinenwindel. Da kam also einiges zu­sammen während der drei Wochen zwischen den Wäschetagen. Auch eine Teppichklopfstange war hier aufgestellt. Sie diente uns natürlich hauptsächlich als Turnstange.

Die Mitbewohner

Im Parterre links lebte die Familie Grütter mit ihrem Sohn Jörg. Ja, ich glaube mich heute zu erinnern, dass Frau Grütter eine attraktive Frau war, was ich allerdings nicht mehr weiß, ist wer von beiden Elternteilen in der Weberei gearbeitet hat. Irgendwer muss es wohl gewesen sein, denn die Wohnungen wurden ja ausschließlich an Mitarbeitende der Weberei vermietet. Vielleicht hatte er auch eine Kader stelle im Betrieb, jedenfalls schien mir als seien sie wohlhabender gewesen als wir. Vielleicht hatte er aber auch in der „Huberi“ (sie hieß damals noch nicht Huber und Suhner) in Pfäffikon gearbeitet und nur sie in der Weberei. Von ihm sah man fast nie etwas.

Es lag aber vielleicht auch daran, dass er nie einem Huhn den Kopf abgeschlagen hatte, wie dies der Toni oben im Rigiblick jeweils hinter dem Transformatorenhäuschen getan hat. Einerseits war Frau Grütter fast zu schön um in einer Fabrik zu arbeiten. Man sah sie jedenfalls nie in einer Arbeitsschürze, und dies war fast schon ein Markenzeichen einer Arbeiterin. Wir hatten jedenfalls wenig Kontakt zu einander und der Jörg muss doch ein paar Jahre älter gewesen sein als ich.

Über uns wohnte die Familie Hausener mit ihrer Tochter Elsa. Sie sind aus dem Emmental ins Züricher Oberland zugezogen. Die beiden Eltern waren pensioniert. Man hörte nicht viel von ihnen, und Elsa ist mir erst in späteren Jahren wieder begegnet.

Unsere direkten Nachbarn und auch meine Liebsten waren ab meinem 8. Lebensjahr mei­ne Großeltern mütterlicherseits mit der Schwester meiner Mutter, meiner Tante Dora. Wie es dazu kam, will ich später berichten.

Im Hausteil nebenan wohnten Heidi und Richard Marek alleine mit ihrer Mutter. Heidi war eine Jahrgängerin von mir, Richard 2 Jahre älter. Wir hatten allerdings keinen großen Kon­takt zu ihnen. Ich glaube, sie haben dies auch nicht gewünscht.

Meine Mutter

Ich bewundere sie bis zum heutigen Tage. Ich sehe sie noch heute klar vor meinen Augen, wie sie nach dem Nachtessen jeweils in der Stube gesessen ist mit ihrer „Lismete“. Das ging zu wie der Teufel, pflegte man damals zu sagen. Und unsere Kleider wurden fast alle­samt durch ihre fleißigen Hände selbst hergestellt. Wäsche wurde mit oder ohne Dampf gebügelt und zusammengelegt. Dazu wurde ein Leinentuch im Wasserbecken getränkt und so über dem Kleidungsstück verdampft. Defekte Socken wurden gestopft zerrissene Kleider auf der alten fussbetriebenen Adler Nähmaschine wieder zusammen geflickt. Bei gröberen Fällen wurde auch einmal ein Stück Ersatzstoff darüber genäht. Geflickte Kleider konnten immer getragen werden, aber niemals zerrissene.

Die Wäsche wollte wieder gewaschen werden, die Wäscheküche wieder so verlassen wer­den wie sie angetroffen wurde, nämlich sauber. Aber auch die Fenster wollten gereinigt werden. Die Vorfenster mussten von der Winde geholt werden, was dann unser Job gewe­sen ist. Natürlich mussten auch sie gereinigt und wieder eingehängt werden.

Das Ein- und spätere Aushängen der Vorfenster ist die einzige Arbeit welche mein Vater zur Familienarbeit beigetragen hat. Den Rest seiner Freizeit hat er mit Kollegen im Wirtshaus verbracht. An zwei Samstagmittagen im Jahr wurden mit Stahlwolle die Holzböden im Hause gespänelt und dann wieder frisch ein gewichst. Dazwischen wurden die Böden mit dem Besen gereinigt. Diesen Arbeiten wurden auch auf den Treppen ausgeführt. Der Naturboden zwischen den Wohnungen sah nie eine Wichse, er war ganz einfach zu grob dazu. Er musste mit Javelwasser aufgenommen werden. Dann hat jeweils das ganze Haus nach Javel gerochen. Aber Javel ist ein hervorragendes Desinfektionsmittel und hat auch bleichende, fett lösende Eigenschaften. In südlichen Ländern wird es auch noch heute bevorzugt angewandt. Wir Kinder halfen wo wir nur konnten, waren aber meistens noch zu ungeschickt dazu.

Sind dann nach dem sonntäglichen Kochen, und dem Betten machen alle Arbeiten been­det worden war dann auch für meine Mutter ihre Ruhestunde gekommen. Bei schönem Wetter saß sie vor dem Hause auf der Bank und jodelte, allerdings nicht ohne während­dessen ein paar Socken zu stricken.

Das Jodeln hatte sie sich im Frauenchor angeeignet. Diese Vereinstätigkeit hat sie sich gegönnt, wenigsten das … Ihre Vorbilder war das Jodelduo Marteli Mumenthaler und

Vreneli Pfyl. Diese beiden Jodlerinnen trugen damals „Mys Landidörfli“ vor und trugen sicher auch zum Erfolg der Landesausstellung 1939 in Zürich bei. Ihnen hat sie hinterher geeifert. Aber wer sollte eine Jodlerin auf einer Gartenbank in Russikon schon entdecken?

Ihre kräftige und reine Stimme war aber echt stark. Ihrem Hobby gefrönt hat sie leider meistens nur in der Waschküche, denn Russikon lag mehr als 30 km von der Unterhal­tungsstadt Zürich entfernt. Man konnte sie dort nicht hören, auch wenn sie ein wirklich großes Talent war. Wir haben ihr gerne zugehört, auch wenn ihre laute Stimme uns des öfteren geniert hat.

Jodeln braucht enorm viel Luft, weshalb in späteren Jahren auch damit aufgehört werden sollte. Es überrascht mich immer wieder, wie viele Musiker und Sänger in hohem Alter ver­suchen diese Tatsache zu umgehen. Ihre Auftritte wirken für mich dann des öfteren eher peinlich. Der Mensch scheint nicht wahrhaben zu wollen, dass jeder einmal seinen Zenit überschreitet. Das Alter sollte zur Weisheit oder wenigstens zur Ruhe führen auf Kosten der Lautstärke. Ich hoffe, dass mir dieses Glück einmal beschieden ist.

Die Italiener

Im Parterre rechts wohnte eine italienische Familie, zwei Schwestern und ein Mann. Die unverheiratete hieß Maria und ich glaube mich zu erinnern, dass sie jeweils schon rot wur­de, wenn wir Kinder sie anschauten. Sie war ein richtiger Goldschatz und zudem eine gute Freundin meiner Mutter. Kein Wunder lernte meine Mutter fast im Handumdrehen die ita­lienische Sprache, waren doch weit mehr als die Hälfte der Weberei angestellten aus Süditalien. Alle drei haben sie in der Weberei gearbeitet.

Es wurde gesponnen, gewoben und in jenen Jahren auch noch konfektioniert. Ich glaube, dass sie alle als Hilfsarbeiter/innen gearbeitet haben und dabei je um die 250 Franken im Monat verdient haben. Sicherlich konnten sie damit auch noch ihre Eltern in Italien unter­stützen. Es waren fleißige Menschen, die deswegen aber nicht vergaßen ihre große Le­bensfreude auszuleben. Für uns eher trockenen Oberländer waren sie eine farbige Berei­cherung.

Ich denke gerne daran zurück, wie jeweils der ganze Flur von Knoblauch, Olivenöl und fri­schen Kräutern geduftet hat. Man hat so richtig italienisch gekocht. In 10 Liter Pfannen wurden Gnocchi produziert was das Zeug hielt. Dazu diese herrlichen Tomaten-Saucen, einfach herrlich. Den Parmesan dazu brachten sie jeweils aus Italien mit, natürlich auch die herrlichen weichen Salami und die glustigen Luganighe. Meine große Liebe für die ita­lienische Küche ist mir bis heute nicht verloren gegangen.

Oben im Rigiblick wohnten unter anderem die Familie Pirotta. In der gleichen Wohnung auch der Tönel. Sie erinnern sich noch. Der Hühnermörder. Bereits seit jenen Tagen weiß ich, dass ein Huhn, wird es an den Füssen gehalten mit dem Kopf nach unten, in eine Art Starre verfällt, so dass ihm eigentlich problemlos auf dem Scheiterstock der Kopf mit ei­nem Beil abgeschlagen werden kann. Gab es bei den Pirotta’s wieder einmal ein Suppen­huhn, konnte ich diesen Tötungsprozess öfters beobachten. Allerdings auch, dass ein ge­köpftes Huhn noch eine längere Flugreise unternehmen konnte. Dass dabei das Blut reichlich in der Gegend herum gespritzt ist, machte mir den Tönel noch unheimlicher. Ich habe ihn eigentlich auch nie sauber rasiert gesehen, immer etwas ungepflegt und schmud­delig. In welchem Verwandtschaftsgrad er zu den Pirotta’s stand, mag ich nicht mehr zu sagen, jedenfalls war er um einiges größer als die Beiden. Vielleicht ist er mir aber auch nur so in Erinnerung geblieben, weil er für mich als Kind halt etwas unheimliches an sich hatte. Ein Hühnermörder eben.

Die Eheleute Pirotta dagegen waren eher sanfte und liebe Leute, wenn … ja wenn der Ping nicht mal wieder etwas zu lange in der Kreuzstrasse gesessen hatte. Zuerst wurde aus dem Küchenfenster einige Male sein Name in Richtung Restaurant geschrien. Führte diese Taktik, wie meistens nicht zum Erfolg stürmte sie erzürnt vom Rigiblick an unserem Hause vorbei direkt ins Restaurant, um unverzüglich mit Ping im Gefolge wieder den Berg hoch zu traben. Wenn sie uns kreuzten, er ein paar Schritte hinter ihr, sehe ich sein Schmunzeln gegen uns Kinder immer noch klar vor Augen. Jedenfalls verargte hat er ihr das scheinbar nicht und ihr Zorn konnte auch nicht das sanftmütige Lächeln aus seinem Gesicht vertreiben.

Diese Geschichte wiederholte sich alle 14 Tage, immer dann, wenn Zahltag war in der Webi. Das mag auch der Grund gewesen sein, dass der Lohn welcher ja noch bar ausbe­zahlt wurde, einigen Männern nicht mehr selbst, sondern ihren Ehefrauen überreicht wur­de. So jedenfalls hat mir das meine Mutter geschildert. In der heutigen Zeit wäre dies ver­mutlich nicht mehr möglich, aber die Arbeitgeber jener Tage übernahmen zu einem nicht kleinen Teil Aufgaben, welche jetzt von Sozialämtern erbracht werden. Ich werde noch dar­auf zurück kommen. Wieso aber war der Antonio der Tönel und der Pietro der Ping? Diese doch wirklich nicht schwer auszusprechenden Namen wurden eigentlich nie in den Oberländer Wortschatz aufgenommen. Dieser Umstand betraf vor allem Italiener welche Kontakt zu den Einheimischen suchten. Als erste Handlung wurden ihnen einmal ihre Na­men eingedeutscht.

In ihrer Freizeit standen sie oft beieinander, dabei wurde mit Händen und dem ganzen Körper das gesprochene Wort untermalt. Dies trug diesen frohen Menschen schon bald einmal den Übernamen „Maiser“ ein. Vor allem die eher schweigsamen Bauern und Klein­gewerbler empfanden die Art der fremdländischen Unterhaltung als „großen Mais“ (Krach). Oft standen oder saßen die Männer, beieinander und warfen einander ihre Hände entge­gen, wobei sie immer eine Anzahl Finger streckten. Dabei schrien sie immer lautstark: Cinque,cinque, cinque … also die Zahl Fünf in ihrer Sprache. Das Spiel muss Cinque Lamora geheißen haben. Ich muss gestehen, dass ich dieses Spiel nie begriffen habe, den südländischen Gastarbeitern hat es aber ihren zweiten Übernahmen eingetragen, die Be­zeichnung „Tschingge“, oder auch „Tschingelemore“ . Erkennen sie die Ableitung dieses Wortes?

Die Wirtschaft schrie nach immer mehr Arbeitern, die Maschinen liefen ununterbrochen, bald auch einmal im Schichtbetrieb. Sie mussten gereinigt und geölt werden, Schwere Zettel mussten aufgelegt werden. Faden spulen wollten aufgesteckt sein, der gewobene Stoff wollte kontrolliert, die schweren Stoffrollen mussten in die Spedition gebracht werden. Taschentücher, Tisch- und Bettwäschen wollten zugeschnitten und eingesäumt sein. Es wurde verpackt und spediert.

Wo aber Menschen arbeiten, müssen sie auch schlafen. Langsam aber sicher musste auch Wohnraum geschaffen werden. Neue Arbeiter braucht das Land. Vorerst kamen sie auch noch aus Italien. Eigenartigerweise war es eine neue Art von Arbeitssuchenden. Sie waren noch bescheidener als ihre Landsleute in den aufstrebenden Industrien. Vor mei­nem Auge tauchen sie wieder auf, die Leute denen keine Arbeit zu schmutzig war. Sie ha­ben Schal tafeln gereinigt, Gräben ausgehoben, Beton gestampft, Mauermörtel um ge­schaufelt bis er die richtige Konsistenz hatte, sie schleppten die Backsteine mühsam ins wachsende Baugeschoss. Kräne wurden höchstens beim Bau einer Fabrik oder eines Schulhauses eingesetzt. Sie haben Fassaden mit Putzen beworfen mit einem „O Sole mio“, oder einem anderen sentimentalen Lied aus dem Süden auf den Lippen.

Wen sie Pausen machten, saßen sie auf einem Stapel Schalbretter, halbierten ihr „weißes „Pfünderli“ (ein halbes Kilo Brot), schnitten es der Länge nach auf, klaubten mit ihren Fingern das Weiche heraus und warfen es den Vögeln zum Fraße hin. Der Knoblauch (meist eine ganze Knolle) wurde geschält und halbiert und in den hohlen Brotkörper verfrachtet. Voilà, das Mittagessen war fertig. Dass diese Zeitgenossen oft etwas streng rochen, erklärt sich eigentlich von selbst. Zu dieser Köstlichkeit wurde dann noch 1- 2 Gläser ihres heimischen Rotweines getrunken. Was braucht der Mensch noch mehr um glücklich zu sein? Ihre Lieder jedenfalls bewegten so manchen Schweizer. Wen erstaunt es, dass in späteren Jahren immer mehr Einheimische in dieses gelobte Land reisen wollten. Viel von diesen Menschen sind wieder in ihre Heimat gezogen, vor allem dann, wenn die Kinder in Italien zurückgelassen wurden. Und dies war auch bei den Meisten der Fall.

Ich meine mich zu erinnern, dass sie und nicht nur die Saisonniers die Kinder gar nicht in die Schweiz nehmen durften. Jedenfalls hatte ich einen einzigen italienischen Mitschüler in all den Jahren, und das war Renato Scala. Er wohnte mit seiner Mutter und den beiden Schwestern in einem der beiden Kosthäuser im Unterdorf. Sein Vater ist sehr früh gestorben. Dies könnte ein Grund gewesen sein, weshalb die Kinder in die Schweiz kommen durften. Alles ist also nicht sehr vornehm verlaufen in der schweizerischen Ausländerpolitik.

Auch ein anderes Bild ist mir unvergessen geblieben. Wenn in Italien Wahlen statt fanden, ganz einfach heim gereist wurde in den Ferien, oder zu irgend welchen Familienanlässen, passierte dies meist mit der Bahn, später dann auch mit Bussen. Was da aber jeweils in beiden Richtungen mitgeschleppt wurde, übersteigt das heutige Reiseverständnis bei wei­tem. Koffer, Säcke und große Kartonschachteln alles mit Schnüren zusammen gehalten, wurden hin und her befördert. Das Ein- und Aussteigen in den Zügen war für sie sicher stressig, aber die Reise dauerte ja dann auch meist 20 Stunden oder auch mehr.

Ich frage mich, wie sich die Schweiz entwickelt hätte, wären uns in jener Zeit nicht all die Gastarbeiter zur Seite gestanden mit ihrer Schaffenskraft. Wie hätte sich die Spezi Schweizer entwickelt ohne die „Blutauffrischung“ durch diese„Fremden“. Hat nicht die le­bensfrohe Art dieser Menschen es erst ermöglicht, dass wir uns in der heutigen globalisier­ten Welt überhaupt noch zurechtfinden.

Beschämt bin ich noch heute, wenn ich an den 7. Juni 1970 denke, als über die Schwarzenbach – Initiative abgestimmt wurde. Immerhin 46% der Schweizer haben ein Ja in die Urne gelegt. Die Frauen durften dann erst ein Jahr später über eidgenössische Vorlagen abstimmen. Die Annahme dieser Initiative hätte zur Folge gehabt, dass 300’000 Gastarbei­ter unser Land hätten verlassen müssen. Unvorstellbar!

Ironischerweise war jener James Schwarzenbach der Spross einer großen Züricher Indus­triedynastie. Seine Familie hatte also zweifellos von diesen Gastarbeitern profitiert. Sein eigener beruflicher Werdegang war allerdings eher von Misserfolgen geprägt. Dies mag auch der Grund gewesen sein, weshalb er sein Ego auf dem politischen Parkett recht er­folgreich aufgemöbelt hat. Jedenfalls hatte von nun an die ganze Schweiz seinen Namen auf den Lippen.

Heimat

Die Gemeinde Russikon im Züricher Oberland liegt auf einer Sonnenterrasse oberhalb Pfäffikon. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg zählte man rund 1800 Einwohner. Zur Ge­meinde gehörten auch die Orte Rumlikon, Madetswil, sowie die Weiler Ludetswil,Bläsi­mühle, Gündisau, Sommerau, Sennhof und Wilhof. In Madetswil und in Rumlikon wurden eigene Primarschulen betrieben. Beide Schulhäuser wurden allerdings noch in meiner Kindheit anderen Zwecken zugeführt. Die 7. und 8. Primarklasse wurde in jenen Jahren in die Realschule umfunktioniert. Untergebracht wurden alle Primar- und Realschüler in einem monumentalen Bau, der sich bis heute erhalten hat. (Sunneberg 1) . Es gab für die Primarklassen drei, für die Realschule einen Lehrer. Hobeln, sägen und hämmern unterrichteten ein Lehrer im Nebenamt. Allerdings wurden schon Aushilfskräfte für die Handarbeiten und den Koch-Unterricht der Mädchen eingesetzt. Der Religionsunterricht wurde durch den Pfarrer direkt angeboten. Den Unterhalt der beiden Schulhäuser besorgten das Abwarte-Ehepaar Strahm.

Russikon betrieb bereits eine Sekundarschule und zwar von der ersten bis zur dritten Klasse. Wir wohnten also in einer privilegierten Gemeinde. Die Gemeinden Weisslingen und Fehraltorf schickten ihre Drittklässler der Sekundarschulen in unser Dorf. Mit dem Fahrrad natürlich. Wenn sich einer zu etwas höherem berufen fühlte, wurde ihm schon sehr früh beigebracht auch etwas dafür zu leisten. Immerhin 5km bedeutete dies für den einfachen Weg der Weisslinger um die 2.5km die Distanz für die Fehraltörfler. Im Sommer wie im Winter. Stets gut gelaunt habe ich sie trotzdem immer erlebt.

Meine Lehrer/Innen waren:

In der 1. und 2. Klasse Frl. Derungs, später Frl. Asshauer (vielleicht auch umgekehrt)

In der 2. und 3. Klasse Paul Schmider

In der 5. und 6. Klasse Hans Keller

In der Sekundarschule Peter Ernst und Walter Linsi

Ich werde die Damen und Herren noch gebührend würdigen.

Russikon war früher mit Sicherheit eine reformiert Gemeinde. Die schöne Kirche oben auf dem Berg erfreute schon uns mit ihrem schönen Glockengeläute. Mein Pfarrer hieß Robert Hieronymi. Dieser freundliche Mensch war in den Jahren 1959 – 68 in Russikon tätig. Ich ging zu ihm in den obligatorischen Konfirmandenunterricht. Man wäre sonst nicht konfir­miert worden. Ob dies wirklich so war? Ich hatte jedenfalls keine Lust dies zu prüfen und so wurde ich von ihm dann 1961 in die kirchliche Welt der Erwachsenen aufgenommen.

Die katholische Bevölkerung musste nach Pfäffikon in die Kirche. Dies betraf natürlich vor allem die Italiener. Ob sie davon fleißig Gebrauch gemacht haben mag ich mich nicht mehr erinnern. Es kam deshalb auch zu unkonventionellen Handlungen.

Es gab an der Wilhofstrasse eine methodistische Kapelle, wo auch viele Kinder stets ger­ne in die Sonntagsschule gingen. Auch wenn sie reformierten Glaubens waren. Vorne auf dem Altar stand ein Negerlein, welches immer genickt hat, wenn man eine Münze einge­worfen hat. Aber auch sonst ist mir diese Einrichtung in guter Erinnerung. Es wurde öfters mit den Kindern etwas unternommen. Es wurde auch einmal mit Autos nach Winterthur gefahren, wobei ich in einem 2 CV mit dabei war. Jede Kurve hat mir unheimlich Spaß gemacht, man konnte ganz einfach nicht glauben, dass sich das Auto nicht überschlägt. Heute weiß ich das dieses bekannte Fahrzeug damals nur eine Höchstgeschwindigkeit von 65 km/Std. erreichte. Und die Bodenhaftung war so phänomenal,dass man eigentlich in Kurven gar nicht ab dem Gas gehen musste.

Und da war noch das riesige Kuchenbuffet, jedes Kind hat sich so richtig satt essen können. Mit Speck mag man Mäuse fangen, mit glustigen Kuchen aber sicher Kinder, welche das Leben nicht all zu sehr verwöhnt hat. Dass wir aber auch methodistisch konfirmiert wurden war vor allem meiner Großmutter dann doch des guten zu viel.

Eine weitere kirchliche Institution, welche allerdings nicht vielen bekannt sein dürfte, gab es in Russikon. Es war die neuapostolische Gemeinde, welche sich jeweils bei den Ge­schwistern Oberholzer in der erweiterbaren Stube traf. Auch mein Großvater, ein gläubiger Reformierter, ist da öfters hingegangen. Man schien irgendwie ziemlich flexibel gewesen zu sein.

Das Gewerbe

Die Weberei Russikon war größter Arbeitgeber in der Gemeinde. Daneben gab es aber auch noch einen hohen Anteil Erwerbstätiger in der Landwirtschaft. 7 Wirtshäuser, 3 Bä­ckereien, 2 Coiffeure, 5 Lebensmittel-Läden sowie mindestens eben so viele Textil-Verkaufsstellen, die meisten kaum größer als ein Stübchen. Die Metzgerei/Wursterei

Ehrenbold, einen Viehhändler Fritz Aeschlimann in Ludetswil, er war viele Jahre Gemeinde­präsident,1 Wagnerei im Unterdorf, 1 Schuhmacher, 1 Zimmerei an der Kirchgasse, die Schreinerei Maag gegenüber der Metzgerei, die Schmiede an der Berggasse , welche für die Landwirte enorm wichtig war. Hier konnten sie ihre Pferde beschlagen und ihre ersten Maschinen reparieren lassen. 1 Elektroladen, und im gleichen Gebäude das Milchhüsli, den Dachdecker Wintsch in Rumlikon, 2 Gärtnereien, 2 Malereibetriebe, wobei die Male­rei Mäder auch noch eine Tanksäule betrieb, eine zweite gab es vor dem Rest. zur alten Post, die Strohmattenweberei von Herrn Sommer. Eine Besamungsstelle für die Kühe gab es an der Berggasse. Eine Käserei in Madetswil, verbunden mit einem Filialbetrieb in Gündisau. Es gab aber auch das Brennstofflager der Familie Spörri am Rebenweg, wo wir Kinder neben den Briketten im Winter auch Kartoffeln und Lagerobst einkaufen konnten. Zwischen unserem Zuhause und der Webi gab es auf der rechten Straßenseite alles Kleingewerbler. Angefangen mit den Geschwistern Oberholzer. Er war Velomechaniker, dann folgte das schöne Haus von Schneidermeister Würgler und anschließend ein „Märlihaus“, die Sattlerei Sandmeier. Nicht unerwähnt sollte auch der Schnapsbrenner Egli aus dem Wilhof bleiben. Er fuhr jeweils im Winter mit seinem Brennwagen auf Stör. All diejenigen welche bestimmt auch noch zum intakten Gemeinwesen beigetragen und nicht erwähnt blieben mögen mir verzeihen, sie sind mir einfach nicht mehr präsent.

Zwei Poststellen gönnte sich die kleine Gemeinde. Die Eheleute Keller betreuten die Poststelle Russikon, wobei sie den Schalter betreute und er zusammen mit einem Briefträ­ger fast das ganze Gemeindegebiet versorgte. Zwei Postautolinien bedienten das Dorf und verbanden es in Richtung Kollbrunn, Turbental, Fehraltorf und Pfäffikon.

Das Gesundheitswesen war natürlich auch von großer Bedeutung. Herrn Dr. Wolf musste ein Genie gewesen sein. Von der Gemeinde ließ sich vermutlich nicht leben. Man begnüg­te sich mit Essig-saurer Tonerde, Salbei und anderen Hausmitelchen. Fuhr aber das Post­auto um die Mittagszeit von Fehraltorf auf den Postplatz, muss ich heute noch schmunzeln wie die Damen aus der Stadt Zürich ein wahres Wettrennen zur Praxis am Rebenweg ver­anstalteten. Er schien manchen Beinleiden der Damen große Linderung gebracht ha­ben.Wichtige Medikamente wurden zu jener Zeit in der Praxis abgegeben, Saridon und Aspirin und die wichtigsten Pflaster und Salben kaufte man im Usego-Lädeli. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich die Praxis je von innen gesehen habe. Wie so er mich trotzdem einmal zu Hause betreuen musste erfahren sie später.

Auch einen Zahnarzt gab es bereits ab ca. 1954. Jedenfalls wurde Roland Hotz ein Jahr­gänger von mir in der 5. Klasse bei uns eingeschult. Die Praxis von Dr. med. dent. Dr. Grütter und auch die Wohnung befand sich unterhalb der Metzgerei Ehrenbold. Er war auch Schulzahnarzt. Die Schule muss irgendwie den jährlichen Besuch der Kinder beim Zahnarzt überwacht haben, jedenfalls war das Pflicht, und die Gemeinde hat die Rechnun­gen für ärmere Leute, wie wir mit Sicherheit waren mit einem maßgeblichen Anteil unter­stützt. Auch wenn die Honorare noch bescheidener waren und Zahnkorrekturen völlig un­bekannt, unser bescheidenes Budget wäre trotzdem gesprengt worden. Roland hat sich schon als Kind fast ausschließlich mit Zeichnen und der Malerei beschäftigt. Ich durfte ihn oft zu Hause besuchen. Seine Schwester Erika ist immer hinter den Büchern gesessen und war als Mädchen für mich sowieso nicht allzu interessant. Er hat sich in seinem späteren Leben dann auch der Kunst zu gewandt. Leider habe ich ihn nach meiner Kindheit nie mehr gesehen. Und Klassenzusammenkünfte mögen einem begnadeten Künstler eher außerhalb seiner Lebenswelt gestanden sein. Aus ihm wurde ein bekannter Bildhauer, der sich auch als Lehrkraft an vielen Kunstschulen betätigt hat. Der Blick ins Internet hat mich aufgeklärt.

Die Gemeindeveraltung wurde heute kaum mehr vorstellbar durch die Familie Gubler fast alleine betrieben. Die Effizienz ergab sich natürlich auch dadurch, dass es viele Ämter noch gar nicht gab. Arbeitslosigkeit scheint es gar nicht gegeben zu haben. Ein Sozialamt war noch gar nicht im Wortschatz schweizerischer Politik aufgetaucht. Die Familie Gubler Senior wohnte sogar im gleichen Hause.

Die Vorschulzeit

Die haben ja nur gespielt und in der Welt herum geträumt, mag der geneigte Leser bis da­hin mit bekommen haben. In gewissem Sinne traf dies in meinem Vorschulalter auch zu. Jedenfalls vermag ich mich nicht zu erinnern, was wir außer dem Geschirr abtrocknen, dem Einkaufen in den Usego-Lädeli’s der Familie Graf an der Dorfstraße und den Kägi’s an der Kirchgasse sonst noch großartiges geleistet hätten.

Erwähnenswert wäre da höchstens noch den täglichen Besuch in der Milchhütte, dies war aber keine eigentliche Arbeit. Hier traf sich die halbe Dorfjugend vor dem zu Bett gehen, was natürlich in der kälteren Jahreszeit, wenn es schon dunkel war ziemlich spannend war. Meist kamen die Knechte mit Velo und Anhänger. Es gab aber auch Kleinbauern, welche keinen Knecht hatten und deshalb die Angetraute zur Milchabgabe schickten. Ihr wurde dann vom Käser geholfen die schweren Milchkannen in die Gießwaage zu leeren. Die größeren Betriebe hatten bereits einen Rapid, oder sie kamen mit Pferd und Wagen. Es war ein illustres Treiben beim Milchhüsli und wir konnten schon einmal an der Welt der Erwachsenen schnuppern.

Ich muss 4 Jahre alt gewesen sein, als ich meine Familie das erste mal in Angst und Schrecken versetzt habe. Jedenfalls muss ich Reißaus genommen haben und das Ober­dorf bergab ins Unterdorf verlassen haben. Zu jener Zeit kannte noch fast jeder jeden im Dorfe. Jedenfalls erkannte mich eine Arbeitskollegin meiner Mutter und hat mich auch prompt angehalten. „Wo wotsch dänn au hie Kurtli“? „An es Oertli und an es Bördli, wo dich gar nüt agaht“, ließ ich verlauten und marschierte Richtung Pfäffikon weiter. Sie muss ziemlich irritiert gewesen sein. Nach 500 m muss ich dann links über den Bachtel-Bach gegangen sein, den ich allerdings auch noch zuerst untersuchen musste. Gab es doch auch schon zu meiner Kindheit kein offenes Gewässer mehr durch das Oberdorf. Dann ging es hinauf in den Rebenweg, vorbei an den Lehrerhäusern und der Arztpraxis von Dr. Wolf, um heimlich wieder auf heimisches Gelände zu schleichen.

Ein sehr beliebtes Ziel war natürlich immer die Familie Winkler an der Dorfstraße. Hier bin ich immer sehr willkommen gewesen. Ich durfte den Karli besuchen, wann immer ich Lust hatte. In seinem Zimmer gab es immer etwas zu schrauben, war er doch stolzer Besitzer von einer großen Menge Meccano- Spielzeugteilen, einem Elektromotor inklusive. Wie vie­le Stunden ich in seinem Zimmer verbracht habe. Es gab neben ihm noch zwei Schwes­tern, die Ursula welche gleich alt war wie ich und Trudi, zwei Jahre älter als ich. Damals lebte auch noch s’Müetti Winkler, welche ebenfalls liebevoll zu Hause umsorgt wurde.

Und eine Köchin war diese Frau. Sie muss sehr schnell gemerkt haben, wie sehr ich ihr selbst gemachtes Joghurt und ihr Bauernbrot geliebt habe. Jedenfalls verging kein Besuch bei ihnen, ohne dass sie mir eine Schale dieses feinen Joghurts aus dem großen braunen Steingutsbecken gespendet hätte. Gerne erinnere ich mich an diese feine, säuerliche Köstlichkeit, welche auf unserem Speiseplan aus Kostengründen gestrichen war. Der Milchverbrauch war so schon groß genug. Kein Vergleich übrigens auch mit heutigen in­dustriell und stichfest hergestellten Natur-Joghurts.

Daneben betrieb diese tüchtige Frau aber auch noch einen der drei Textil-Verkaufsstellen im Dorfe. Auch wenn der Laden klein war, es gab eigentlich alles zu kaufen für den Le­bensbedarf. Auch ein Spielsachen-Sortiment welches zur Weihnachtszeit jeweils erheblich aufgestockt wurde gab es im Angebot. Ich befürchte, dass meine Familie nicht zu ihren Kunden zählte, auch wenn meine Mutter jeweils bei ihr die Wolle gekauft hat um damit un­sere Kleider zu stricken (anfangs auch die Hosen). Die liebenswürdige Frau hat mich viel­leicht auch deswegen sehr verwöhnt.

Die Küche war natürlich sehr groß, wie bei allen Bauernfamilien. Es hatten gut und gerne 10 Personen Platz an dem großen Tisch. Gekocht wurde im Winter natürlich mit Holz und mit Tresterstöckli, was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass der herrliche Kachelofen in der Stube eine sehr angenehme Wärme spendete. Ich meine mich zu erinnern, dass es daneben auch noch einen Elektroherd gab. Neben der Küche war der Vorratsraum und die Backstube, mit der großen hölzernen Brotmulde. Darin wurde zum einen der Teig geknetet und zum anderen das gebackene Brot, fein säuberlich mit einem Tuch zugedeckt, auf­bewahrt. Gebacken wurde übrigens nur einmal in der Woche. Auch wenn das Brot gegen Ende der Woche naturgemäß etwas trockener wurde, geschmeckt hat es auch dann noch köstlich.

Was aber sind Tresterstöckli? Es war halt eben so, dass die einten Bauern Schnaps ge­brannt haben aus den Rückständen der Most Herstellung. Das machte naturgemäß aber nur dann einen Sinn, wenn der Schnaps danach auch getrunken wurde. Die Anderen, so auch die Familie Winkler haben es vorgezogen diese Rückstände aus dem Mosten ander­weitig zu verwenden. Das Obst wurde damals zu Schnitzeln verkleinert, und anschließend manuell in einer Presse ausgedrückt, was eine große Menge an Trester übrig ließ. Dieser wurde bei den Winkler’s durch eine Presse zu einer Wurst gepresst und anschließend zu 20cm langen Stücken geschnitten. Diese Tresterstöckli wurden so unter dem Scheunen­dach zum Trocknen aufgestellt. Auf diese Weise ist für den Winter ein vorzügliches Heiz­material entstanden.

Eine andere oft und gerne besuchtes Haus war jenes der Familie Fehr an der Kirchgasse. Sie hatten drei Kinder, und hießen Jörg, Jakob und Hans. Der Jakob war ein halbe Stunde nach mir geboren und vielleicht auch deswegen ein wirklich guter Freund. Er war im Ge­gensatz zu Karli allerdings eher der Begleiter auf meinen Abendteuern an der frischen Luft. Mit ihm konnte durch die Gegend gestrolcht werden und er war auch immer dabei, wenn mal wieder Krieg geführt wurde gegen die Knaben aus dem Wilhof. Wie es jeweils zu diesen Kriegserklärungen mit dem Nachbardorf kam, entzieht sich heute meinem Erin­nerungsvermögen. Eine andere Sache allerdings ist mir unvergessen geblieben. Wenn ich den Jakob jeweils zu Hause besuchte, erhielten wir beide stets ein herrliches Leberwurst­brot. Und weil seine Mutter das Brot immer in der Bäckerei Huber gekauft hat, welcher mit Sicherheit das beste Brot im Dorfe hergestellt hat, war dies ein wahrer Luxus in meinem damaligen Leben. Mein Vater war nie der Meinung, dass das beste Brot gekauft werden muss, sondern dass alle drei Bäckereien im Dorfe zu berücksichtigen seien. Diese Maxi­me wurde auch für den Coiffeur ausgegeben, wobei wir Kinder zusammen entweder zum Coiffeur Fust oder Coiffeur Schmid geschickt wurden.

An der gleichen Straße wohnte auch die Familie von einem weiteren guten Freund, Rolf Naef und seinen drei Schwestern. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt mit einem Textil­laden wo es aber auch noch allerlei anderes zu kaufen gab. Die Eltern waren schon eher im Alter von Großeltern. Sie haben trotzt ihren gesundheitlichen Problem ihr bestes gege­ben. Rolf war wie auch Jakob ein Mann fürs Grobe. Auch er gehörte zur hiesigen Krieger­schar, war aber auch sonst gerne zu jedem Streich bereit. Schon in seiner frühen Kindheit hat er eine große Leidenschaft zum reparieren und tüfteln entwickelt. Kein defektes Fahr­rad, kein sonstiges Gerät ist von seinem Zugriff sicher gewesen. Meist hat sein Eingreifen auch Früchte getragen. Seine mechanische Leidenschaft hat er später auch zu seinem Berufe gemacht und ist dabei sehr erfolgreich geworden.

Am Sonntagmittag gab es für mich und meine Geschwister noch einen anderen wichtigen Besuchsort. Wir durften im kleinen Saal des Restaurant Krone jeweils die Fernsehsendung „Fury“ anschauen. Dies war damals eine sehr beliebte Kindersendung, eine Art Western. Geschossen wurde nie in dieser Sendung. Die eigentlichen Stars waren das in­telligente Pferd Fury, und ein komischer, schrulliger, krummbeiniger alter Kerl, dessen Na­men ich aber nicht mehr weiß. Wir durften damals ohne etwas zu konsumieren diese heiß geliebte Sendung bei der Familie Weber mitverfolgen, wobei noch zu erwähnen ist, dass es im ganzen Dorf damals höchstens drei Fernsehgeräte gab. Auch Autos gab es nur eine Hand voll. Dies hat sich dann allerdings sehr schnell geändert.

Für uns Kinder gab es noch weitere Kulturereignisse. Einmal im Jahr veranstalteten die Firmen Peter, Nestlé, Cailler und Kohler eine Trickfilmvorführung für die Dorfjugend im großen Saal der Krone. Gezeigt wurden meistens Micky-Mouse Trickfilme, welche schon damals farbig vorgeführt wurden. Anschließen wurden noch großzügige Werbegeschenke, sprich Schokolade verteilt. Dass dies bei uns Kindern auf großes Wohlwollen traf ist sicher verständlich. Auch eine Theatervorstellung der Dorfvereine gab es jährlich, wobei jeweils am Samstag -nachmittag eine Kindervorstellung gezeigt wurde. Die vier Kinder der Familie Weber zählten in der Vorschulzeit noch nicht zu meinen Spielkameraden.

 

Erziehung

Über Erziehung gibt es bekanntlich mancherlei Ansichten. Es ist weder meine Absicht ir­gend jemanden zu belehren noch anzuklagen. Dies ist der Grund weshalb ich dieses Kapi­tel vor meiner Schulzeit abhandeln will.

Körperliche Züchtigung an Knaben (Mädchen waren davon ausgeschlossen) waren in den 50er Jahren in Familien und in der Schule eine weitverbreitete Geschichte. Von den vier Lehrern welche mich durch meine Schulzeit begleiteten, übten drei teilweise massive Ge­walt gegen die Schüler aus. Die zwei Lehrerinnen übten keinerlei Gewalt aus. Da wurden Tatzen mit Schilfrohr stecken verabreicht. Um die Züchtigung noch etwas zu verstärken waren diese Stöcke mit Schnüren umwunden. Bis zu fünf Schlägen auf eine Hand (Mini­malstrafe), aber auch bis zu zehn Schlägen auf beide Hände (Maximalstrafe). Diesen Schlagstock haben wir einmal zerbrochen, was uns aber keinen Vorteil gebracht hat. Wir mussten eigenhändig einen neuen herstellen. Es wurde an den Ohren gezogen bis man fast den Bodenkontakt verloren hat, massive Kopfnüsse mit den Knöcheln der Faust wur­den ausgeteilt. Ein Lehrer pflegte jeweils in den Pausen ein Hopse-Reite mit einem oder gar zwei Mädchen auf den Knien zu veranstalten. Dabei hat er jeweils gestrahlt und genüsslich einen Apfel gegessen. Dass er noch Junggeselle war mag hier eine Rolle ge­spielt haben, ich vermag es nicht zu beurteilen. Die Mädchen wurden allerdings nie be­straft, mindestens nicht körperlich.

Gewichtige Schlüsselbunde wurden noch in der Sekundarschule gegen die gegnerischen Köpfe geworfen. Die meisten der Betroffenen konnte diesen Attacken durch blitzschnelles Ducken dann aber ausweichen.

Auch in den Familien wurde teilweise schwer geprügelt. Auch mein Vater verabreichte eine oder mehrere Ohrfeigen um uns nachher mit einem Fußtritt und dem verwehren des Nachtessens ins Bett zu befördern.

Ich bin deswegen weder selbst gewalttätig geworden noch habe ich einen seelischen Schaden davon getragen. Auch wurden in meinem Erwachsenendasein weder die eigenen Kinder noch andere Mitmenschen je einmal körperlich angefasst, wie das Psychologen heute so gerne glaubhaft darstellen möchten.

Heute hat sich das Ganze ins Abstruse gewendet. Kinder glauben ihre Eltern und ihre Leh­rer erziehen zu müssen. Lehrer/Innen nehmen Auszeiten und müssen durch Psychologen betreut werden und auch Eltern müssen von externen Personen bei ihren Erziehungsauf­gaben unterstützt werden, weil sie schlicht und einfach nicht mehr in der Lage sind den Kindern den wohl nötigen Verhaltensrahmen für das spätere Leben angedeihen zu lassen. Der Leser mag sich dabei seine eigenen Gedanken machen. Ich jedenfalls verüble weder meinem Vater noch meinen Lehrern ihre seinerzeitige Erziehung, im Gegenteil, ich bin ih­nen dankbar dafür.

2. Kapitel

Die 1. Klasse

Im Frühjahr 1952 war es dann soweit. Noch eher zaghaft meldete ich mich bei Fräulein Derungs zum ersten Schultag. Sie betreute die 1. und 2. Klasse. Seitenweise wurden Buchstaben „gemalt“ und die Anfänge des Ein x Eins geübt. Zur Auflockerung dazwischen versuchte man sich in der Kunst des Zeichnens.

Mit der Schulzeit begann aber auch der wirkliche Ernst des Lebens. Von nun an wurde auch in der Familie mehr von mir gefordert. Bis dahin begnügten wir Kinder uns noch mit dem Abwasch, will heißen wir wurden zum Abtrocknen des Geschirrs und zum einkaufen heran gezogen. Ab der Einschulung kam eine neue Aufgabe hinzu. Wir mussten in den umliegenden Wäldern Tannenzapfen und Holz suchen, was uns allen eigentlich einen großen Spaß bereitet hat. Wir füllten unseren Leiterwagen bis es fast keinen Platz mehr gab. Anschließend musste die Ladung gesichert werden. Diesen Vorgang nannte man „Brüechen“. Dazu wurde ein Seil an den beiden seitlichen Gattern befestigt und mit Hilfe ei­nes starken Steckens wurde es gespannt. Diese Technik hat uns ein „Bürdelimacher“ im Walde beigebracht. Auf diese Weise brachten wir dann das große Fuder heil nach Hause. Die eigentlichen Probleme fingen eigentlich erst an, wenn es um Scheiten der Äste ging. Auch beim hinauf tragen des Brenngutes in den 3. Stock musste ich mich ständig nach dem entschwundenen Bruder umsehen. Die Romantik des Waldes war halt im heimischen Gefilde nicht mehr gegeben. Irgendwie haben wir es aber trotzt allem immer wieder geschafft die Arbeiten abzuschließen, den Vorplatz zu reinigen und den Scheiterstock in den Keller zu rollen.

Keiner zu klein Helfer zu sein. Dieser Spruch galt keineswegs nur für die Grafen-Kinder. Auch viele anderen Schulkameraden mussten schon sehr früh zu Hause mit anpacken. Die Kinder stammten fast ausschließlich aus Arbeiterfamilien und bei den Bauern ist die frühe Mithilfe der Kinder auch fast schon historisch. Es war also völlig normal und keiner hat sich daran gestört, man war fast eher noch stolz, dass man schon etwas zum Funktio­nieren des Familienalltages beigetragen hat. Wie schon beschrieben wurde auch in der Weberei am Samstag noch gearbeitet, dass der ganze Haushalt damit noch nicht gemacht war, brauche ich nicht speziell zu erwähnen. Mein Vater hat am Samstag Nachmittag noch den Fahrzeugpark der Metzgerei Ehrenbold auf Vordermann gebracht. Für das Verzerren des 3-Kilo schweren Fleischpaketes welches er als Entlohnung erhielt, hat er dann allerdings unsere Mithilfe nicht mehr gebraucht. Fleisch oder auch Wurst hat auf dem Speiseplan für uns Kinder eigentlich ganz gefehlt. Dieses Verhalten konnte ich ihm leider nie mehr verzeihen, später sind dann allerdings noch weit dramatischere Dinge dazu ge­kommen.

Keiner zu klein Baumeister zu sein. Jedenfalls entwickelte die Dorfjugend jener Tage eine wahre Manie im erstellen von Baumhütten. Was der wahre Hintergrund war? Vielleicht eine versteckte Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause. Keine Buche war uns zu hoch, um ein eigenes Paradies zu schaffen. Später reichte auch das nicht mehr, es mussten Burgen sein, zur Beobachtung, zum Hort des Pläne schmiedens, als eigentliche Festun­gen in späteren kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Wilhöflern.

Welcher Teufel uns allerdings geritten hat, als wir solch eine Hütte bei Karli Winkler bauen mussten, entzieht sich meinen Kenntnissen. Jedenfalls schritten mein Bruder Reini, Karli und ich zur Tat und bauten diese Hütte an die Scheune im Baumgarten meines Freundes. Als solches wäre dagegen nicht viel einzuwenden gewesen, wäre uns nicht der verrückte Gedanken gekommen, darin eine Feuerstelle einzurichten. Das vom Wetter schon arg ge­trocknete Holz der Scheunenfassade nahm jedenfalls die Flammen unseres Ofens dank­bar an. Jedenfalls brannten die Sprießen der Bretter ziemlich schnell an, und wir mussten Hilfe holen. Es gelang mit vereinten Kräften und der Unterstützung von Karlis Vater jeden­falls den beginnenden Brand zu ersticken. Was sonst passiert wäre? Ich mag heute noch nicht daran denken, denn eines war sicher, eine Haftpflichtversicherung kannten wir damals noch nicht.

Es war vermutlich das letzte Mal, dass wir Beiden zu Hause eine gehörige Tracht Prügel kassierten von unserem Vater. An die Streiche, welche zu früheren Züchtigungen führte vermag ich mich nicht mehr zu erinnern.

Die Wochen zogen dahin und der Schulunterricht hat mir großen Spaß gemacht. Jeden­falls spiegelte sich meine Arbeit in guten Zeugnissen nieder. Aber auch nur einen 5er Mo­cken als Belohnung hat es dafür nie gegeben. Es war einfach nicht wichtig in unserem Überlebenskampf. Etwas mussten wir in frühen Lebensjahren schon miterleben. Unser Vater brachte es fertig sein Einkommen mit Kollegen und Wirtshaus besuchen selbst zu verprassen.

Meine Mutter hat sich damals eine Sparuhr bei der Patria angeschafft. Damit diese Ding aber funktionierte, mussten 1 Frankenstücke eingeworfen werden. Für wie lange die Uhr dann lief weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls wurden die Ersparnisse vierteljährlich vom örtlichen Patria-Vertreter abgeholt, will heißen die Kasse wurde dann geleert. Trotzdem schaffte es mein Vater von dieser Police noch Geld abzuheben, und dies obwohl die Versi­cherung auf den Namen meiner Mutter lief. Es waren halt noch komische Usancen da­mals. Die Sache ist aufgeflogen als der Vertreter die Zinsen für das Darlehen bei meiner Mutter eintreiben wollte. Jedenfalls gab es darauf verständlicherweise einen Urknall in un­serer Stube. Meine Mutter hat doch tatsächlich mit einem Stuhl auf den Vater eingeschla­gen, wobei der Stuhl in Kleinholz verwandelt wurde. Sie war maßlos enttäuscht, was ihr niemand verargen konnte. Wie oft habe ich mich in meinem späteren Leben dann gefragt wie gut es uns hätte gehen können, hätte sich auch mein Vater an den Lebenskosten be­teiligt. Sie werden später noch erfahren, dass auch meine Mutter an dieser Geschichte nicht ganz unschuldig war, sie war halt wirklich reichlich gutmütig, ein klares Erbgut mei­nes Großvaters.

Meine Grosseltern

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir eigentlich wenig bis gar keinen Kontakt zu den Eltern meines Vaters. Sie haben beide in der Weberei Moos in Weisslingen gearbeitet, betreuten ihr Häuschen in Theilingen und pflegten den Garten in der Freizeit. Rückblickend stelle ich fest, dass das Verhältnis zu den Enkelkindern generell nicht sehr gepflegt wurde. Dies war, so glaube ich auch bei meinen Schulkameraden nicht wesentlich anders gelaufen. Der „Stolz“ auf die Enkelkinder war noch nicht in Mode. Jedenfalls haben wir sie bis dahin ein einziges Mal besucht, und zwar mit dem gewaltigen Achtzylinder einem schweren Buick, den die Metzgerei Ehrenbold meinem Vater ab und zu am Sonntag ausgeliehen hat.

Von meinen „wirklichen“ Großeltern weiß ich da schon mehr zu berichten. Vieles aus Ge­sprächen, das Meiste aber selbst erlebt. Meine Großmutter stammte aus Dresden hatte Jahrgang 1897 und ist wie viele deutsche Mädchen nach dem 1. Weltkrieg in die Schweiz gekommen. Sie war Köchin in Zürich, wo auch mein Großvater, Jahrgang 1898 als Kondi­tor und Bäcker gearbeitet hat. Was gibt es da noch zu sagen, sie lernten sich auch damals des öfteren am Arbeitsplatz kennen. Man heiratete und ging den goldenen 20er Jahren entgegen.

Mein Urgroßvater betrieb in Madetswil eine bescheidene Landwirtschaft und ging im Win­ter als Metzger auf die Stör bei den Bauern. Er muss ein beliebter Metzger gewesen sein in der Gegend.

Ob meine Großeltern bei der Gründung einer eigenen Existenz von meinem Urgroßvater unterstützt wurden vermag heute niemand mehr zu sagen. Jedenfalls wurde in Wetzikon eine Bäckerei/Konditorei gekauft und man machte sich frohen und stolzen Mutes ans Werk. Mein Großvater verstand sein Handwerk, und meine Großmutter konnte gut mit der Kundschaft umgehen, gar keine Frage, das Geschäft entwickelte sich gut.

Dann aber kam die Weltwirtschaftskrise. Viele Kunden verloren ihre Arbeit und konnten das tägliche Brot nicht mehr bezahlen. Und meine gutmütigen Großeltern konnten es nicht übers Herz bringen ihren Mitmenschen das tägliche Brot zu verwehren. Und so was spricht sich in solchen Zeiten sehr schnell einmal herum. Es kam so wie es in solchen Fäl­len bekanntlich immer kommt. Sie organisierten auf diese Weise ihren eigenen geschäftli­chen Niedergang. Man stand auf der Straße, viele Leute hatten keine Arbeit.

In Deutschland herrschte Krieg. Trotzdem schaffte Christoph der Schwager meines Groß­vaters zusammen mit seiner Familie uns in der Schweiz zu besuchen. Er war ein recht er­folgreicher Kaufmann, und hat meinen Onkel Adolf später in die Versicherungs- Branche eingeführt. Er und seine Frau Elsa hatten nur einen Sohn und der hieß Reinhold. Ihr einzi­ger Sohn war wie viele andere auch in der Hitlerjugend. Jedenfalls propagierte er die Wun­dertaten des Adolf Hitler so lange bis meinem Großvater die Hand ausgerutscht ist. Dies muss in so kräftiger Art geschehen sein, dass dieser Junge durch die ganze Stube geflo­gen sei. Für meinen Großvater muss diese geballte Prahlerei so schlimm gewesen sein, dass er, der gewaltlose Mensch sich zu dieser Attacke verführen ließ. Die Eltern saßen da­neben. Vielleicht haben sie diesen neutralen Angriff für gut befunden. Er war ein großer Patriot, der sich bis ins Alter mit der Schießerei im Russiker Schützenverein einen guten Namen gemacht hat. Sein dunkelbrauner Medaillenschrank war jedenfalls voller Anden­ken, während die Großmutter des öfteren geklagt hat, dass der Schießsport einfach zu viel Geld koste. Er ließ sich dieses Hobby aber nie nehmen.

Was mich bis heute mächtig stolz macht ist die Tatsache, dass mein Großvater keinen ein­zigen Tag ohne Arbeit war. Aber welchen Preis musste er dafür bezahlen. Er hat sich aufs Fahrrad geschwungen, fuhr die 27 Kilometer nach Zürich mitten in der Nacht und mittags wieder zurück. Sein früherer Arbeitgeber, er muss sehr zufrieden gewesen sein mit ihm, bot im erneut eine Stelle als Bäcker/Konditor an. Sein Lohn betrug 50 Rappen/Std. Auch wenn der geneigte Leser jetzt die Augen hebt, so wenig war das damals noch nicht ein­mal, verdiente doch meine Mutter in der Schuhfabrik Glogg in Fehraltorf nach der Schule erst 20, dann 25 Rappen/Std. Die Freundschaft die sie damals mit der Frau des Besitzers schloss hielt viele Jahre lang an. Wie lange mein Großvater nach Zürich radelte, vermag heute leider niemand mehr zu sagen. Auf jeden Fall entschloss sich die Gemeinde Russikon das damalige Riet am Fuße des Banners zu entwässern. Mein Großvater tauschte das Fahrrad gegen Schaufel und Bickel und half bei diesen Arbeiten mit. Dieses Wühlen in der Erde muss ihn irgend wie beglückt haben und sollte ihn sein restliches Le­ben nie mehr loslassen.

Zuerst kam aber noch ein anderes Intermezzo. Das Graben im Riet hat ihm die nötige „Qualifikation“ eingetragen haben, dass er darnach eine Anstellung als Betriebsmaurer in der Gummifabrik Huber in Pfäffikon gefunden hat. Vielleicht hat dem Personalchef aber auch nur imponiert, wie sich mein Großvater bis dahin durchgeschlagen hat. Auch dorthin ist er natürlich mit dem Fahrrad gefahren, ein Weg war jetzt aber nur noch 5 ½ Kilometer. Ob ihm das Träumen an den Gestaden des Pfäffikersees während der Mittagspause dazu verleitet hat wusste vermutlich nur er selbst. Jedenfalls entdeckte er dabei, dass direkt am See, gegenüber dem Tennisplatz ein großes Stück Land zur Pacht angeboten wurde. Und jetzt kam ihm eine Idee …….

Dahlien sollten gepflanzt und gezüchtet werden. Der Bauer pflügte ihm das ganze Feld, es konnte los gehen. Die Dahlien aber auch die Tageten wurden zu seinem eigentlichen Le­bensinhalt. Es beglückte ihn, die Erde in den Fingern zu zerkleinern. Drei Treibbeete wur­den direkt am See gemauert. Diese Arbeiten mussten zwar kurz unterbrochen werden, da er beim graben im lehmigen Boden auf Boote der Pfahlbauer stieß. Sie hatten sich im Lehm über die Jahrtausende erhalten und wurden erst einmal dokumentiert. Was dann aber mit ihnen geschehen ist, weiß ich nicht. Alsbald wurde produziert, Stecklinge ge­schnitten aus den Dahlien, in den feinen Boden gesteckt und so vermehrt. Auch das Züchten neuer Sorten wurde vorangetrieben. Er hat damit zwar großen Erfolg gehabt (kei­nen finanziellen) und trotzdem bis an sein Lebensende davon geträumt eine weiße Tagete zu züchten. Dieser Erfolg war ihm allerdings nie beschieden.

Mehr schlecht als recht ha­ben meine Großeltern von diesem Traum leben können, glücklich waren die Beiden trotzt allem bis an ihr Lebensende. Wenn die Situation wieder einmal kritisch war, pflegte mein Großvater zu sagen: „Fröuli“ es kommt schon. „Fröuli“ war stets sein Kosewort an meine liebenswürdige Großmutter. Vielleicht hat er halt bis zuletzt mit Freude an sein deutsches Fräuleinwunder geglaubt. Sie hat ihn jedenfalls neben den vier Kindern so gut wie möglich unterstützt, und das soll ihr heute jemand nachmachen. Sozialhilfen waren jedenfalls keine zu bekommen und einen bescheidenen Wohlstand erreichten die Beiden eigentlich erst als sie die AHV-Rente bekamen.

Freude herrscht! Mein Großvater schaffte sich ein 2-Gang Motorfahrrad der Marke Puch an, welches mit dem bekannten Sachsmotor ausgerüstet war. Von nun an musste nicht mehr gestrampelt werden.

Bekannte Leute hatten eigentlich im Züricher Oberland immer einen Zusatz vor dem Na­men. Der „Schrieber Gubler“ Gemeindeschreiber, der „Bote Köbel“ pensionierter Briefträ­ger. Weil es aber auch viele Bosshard gab, wurden sie auf diese Art namentlich auseinan­der gehalten. „De Bosserte Heiri“. Mein Großvater erhielt schon bald einmal „De Dahlie-Bossert“ als Erkennungsnamen. Und wenn der Knecht auf dem Landwirtschaftshof bei der Weberei am Sonntag nach dem Wirtschaftsbesuch im Restaurant Kreuzstrasse wieder mal ein paar Flaschen Most zu viel getrunken hatte und alsbald johlend und schwankend am Abend zum Melken ging wurde er mit dem Kürzel „De Johli“ ausgezeichnet. Bekannt sein konnten also nicht nur reiche Leute.

Überlebensdrang

 

Not macht erfinderisch. Diese Sprichwort hat schon für meinen Großvater gegolten. Da die Arbeiten im Winterhalbjahr nicht mehr zu einer Vollbeschäftigung reichten, erinnerte er sich an sein altes Hobby, die Korbflechterei. Als Naturfreund wusste er nur zu genau, wo Korbweiden (Salix vimimalis) zu finden waren. Es gab entlang von Bächen und Feucht – -gebieten genügend dieser Weiden.

Man musste sie im Herbst einfach abschneiden, und sollte die Produktion ausgeweitet werden, schnitt man im Frühjahr die jungen Triebe um sie an einem anderen feuchten Ort wieder in den Boden zu stecken. Der Erfolg war garantiert

Und so schleppte er im Herbst ganze Bünde dieser Weiden nach Hause, in allen Dicken. Im nächsten Jahr haben sie um so schöner wieder ausgetrieben. Es gilt bei den Weiden dasselbe wie bei anderen Sträuchern.

So saß er dann im Winter in seiner Werkstatt, was heißen will in der warmen Stube nahe am Fenster und präparierte die Weidenruten um sie zu flechten. Die dickeren wurden für die Herstellung von stabilen Zeinen und Körben verwendet. Die ganz Dicken wurden ge­spalten und mussten für die Abstellkufen herhalten. Wollte er ein farbiges Muster haben, wurden die Ruten erst geschält. Wollte man aber ein kleines Nutzkörbchen herstellen, wurden die Weiden auch mal mit dem Messer halbiert. Die umliegenden Bauern waren je­denfalls dankbare Abnehmer dieser massiven Körbe und Zeinen, um ihr Obst damit aufzu­lesen. Sie haben dann auch meist ein Leben lang gehalten. Sehe ich in der Neuzeit auf Märkten solche Körbe aus Fernost kann ich nur noch schmunzeln. Länger als eine Saison dürften dies nämlich kaum mehr halten. Vielleicht muss dies einfach so sein.

Auch das Pilze sammeln, meist am morgen früh, vorwiegend am Sonntagmorgen noch vor dem Kirchgang hat sein Herz beglückt. Korbweise hat er die größten Köstlichkeiten nach Hause getragen. Eine sehr willkommen Abwechslung für uns alle. Er hat dieses Handwerk so gut verstanden, dass ihm andere Sammler gerne die Pilze zur Kontrolle vorgelegt ha­ben. Da auch Italiener leidenschaftliche Pilzsammler waren und die einheimischen Wald­früchte nicht alle gekannt haben, standen auch sie gerne mit ihren vollen Körben bei mei­nem Großvater zur Kontrolle an. Hin und wieder spendete einer eine Flasche Nostrano, dem selbst erzeugten Rotwein aus ihrer Heimat. Der Großvater hat ihn alsbald inert ein paar Tagen verkostet. Er war für alle da, auch wenn er für diese Tätigkeit nicht entschädigt wurde. So war er halt unser Großpapi.

Die Schnapsbrennerei Egli

Im Winter kam die grosse Zeit der Schnapsbrennerei Egli. Er ist dann mit seinem fahrbaren Brennofen auf die Stör gefahren. Erstellte sich an verschiedenen Orten der Gemeinde auf und die Bauern brachten ihm das Brenngut und das benötigte Brennmaterial.

Der Schnapsbrenner Egli war ein grosser sehr kräftiger Mann. In seinem Mund steckte fast immer ein Stumpen, so dass er eigentlich immer auf den Stockzähnen gelacht hat. Wir Kinder trieben uns gerne um dieses eigenartige Gefährt, das so herrlich rauchte und dampfte.

Handys gab es noch keine und so wurden wir Kinder bei Bedarf zu den Bauern geschickt, falls irgend etwas fehlte. Und dabei ist das Unglück geschehen. Ich wurde zum Frohofer Walter in den B’hofgeschickt, da das Brennholz auszugehen drohte. Das Holz war bereits verladen auf einem eisenbeschlagenen 4-rädrigen Heuwagen. Diese Art von Rädern war damals der Standard, weswegen auch die Wagnerei im Unterdorf ihre Existenz hatte. So wurden die beiden Pferde eingespannt. Ich rannte voraus, der Winkler Walter mit seinem Gefährt hinterher, leider nicht ohne seinen Hund. Und dieser fand meine Beine angeblich so verführerisch, dass er mich angesprungen hat. Das hat mich so erschrocken, dass ich auf der Naturstraße ausgerutscht bin und meine beiden Beine vom schwer beladen Wa­gen überrollt wurden.

Wie das meine Beine ohne Bruch überstanden habe, ist mir heute noch nicht klar. Weil ich nur 100m vom Unglücksort entfernt gewohnt habe, trug mich der Bauer erst einmal nach Hause. Man legte mich ins Bett. Die beiden Beine schmerzten fürchterlich unter der De­cke. Der Doktor Wolf musste her. Vermutlich hat man ihm das Unglück geschildert in sei­ner Praxis. Telefon gab es bei uns noch lange nicht, also musste irgend jemand den Arzt gerufen ha­ben. Er kam jedenfalls mit einem großen Schutztunnel daher, untersuchte die Beine auf Brüche und verschaffte mir mit dem Tunnel schon mal einen Schutz gegen die drückende Bettdecke. Was medizinisch sonst noch unternommen wurde vermag ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls wurde auch dieser Fall zu Haus auskuriert. Der Doktor hat mich nach ein paar Tagen noch einmal besucht, was übrigens auch der Walter Winkler getan hat. Er war ein Freund meines Vaters und die Sache hat, so glaube ich, ihm ziemlich leid getan. Die essigsaure Tonerde hat wieder einmal wertvolle Dienste geleistet.

Die beiden Pferde dieses Bauern erhielten vermutlich einiges zu viel an Hafer, weswegen sie auch des öfteren durchgebrannt sind. Dabei wählten sie eigentlich immer den Weg hin­ab vom Rigiblick zur Rückseite unseres Hauses. Wenn wir die Hufe trommeln hörten, wussten wir immer dass Gefahr im Anzug war. Einmal ließen wir unseren kleinen Bruder Hans im Kinderwagen in größter Panik stehen hinter der etwa 80cm hohen Stützmauer beim hinteren Hauseingang. Die Mauer hat das schlimmste verhindert, denn eines der Pferde ist über das ganze hinweg gesprungen. Es waren auch mal riskante Abenteuer, welche wir im alten Russikon erlebten.

In dieser Zeit wurden die oben beschriebenen Heuwagen langsam ersetzt durch solche mit Gummipneus. Die Gummifabrik Huber dürfte es gefreut hab, den Wagner im Unterdorf vermutlich weniger.

Ich kann mich gut erinnern wie der Bauer Frohofer an der Dorfstraße seine ersten beiden Pneu wagen voller Stolz, mit Blumen geschmückt am Sonntagmorgen beim Dorfbrunnen der Bevölkerung präsentiert hat. Solche Investitionen kamen vor der Anschaffung eines Automobils.

3. Kapitel

Veränderung

Der Kastanienbaum hatte die ersten saftigen Blätter getrieben und unter ihm parkierte an einem Samstagmorgen der orange Lieferwagen eines Schweinezüchters aus dem Senn­hof, ein Tempo Matador. Dieses Fahrzeug hat mich schon als Kind regelrecht begeistert, standen doch seine Hinterräder in unbeladenem Zustand extrem schräg auf dem Boden. Wir Kinder bewunderten das Auto, während der Schweinezüchter und mein Vater sein Bett, die Militär-Utensilien und Kleider aufgeladen haben. — Meine Eltern sind geschie­den.

Wir Kinder 3, 5, 7 und 8 Jahre alt, waren so glaube ich wenigstens die einzigen Schei­dungskinder in der Gemeinde Russikon. Scheidungen auf dem Lande waren noch nicht in Mode. Vieles wurde neu organisiert und dabei hatte die Weberei einen erwähnenswerten Anteil. Indem sie die Wohnung auf dem gleichen Geschoss für meine Großeltern und ihre Tochter frei machte, konnte verhindert werden, dass die Vormundschaftsbehörde des Be­zirkes Pfäffikon uns Kinder bevormundet hat. Für uns Kinder ein absoluter Glücksfall. Ich verneige mich noch heute in großer Dankbarkeit von der sozialen Arbeit, welche die Webi in jenen Zeiten für die Arbeiterschaft vollbracht hat. Wir aber erhielten nur einen soge­nannten Beistand. Strenge Sitten hatte das Land in jenen Tagen. Die Verwaltung der Fi­nanzen innerhalb unserer Familie habe ich im zarten Alter von 8 Jahren übernommen, im wahrsten Sinne des Wortes, weshalb ich auch so detailliert darüber in Kenntnis bin.

Nicht der Elternteil welcher das Sorgerecht hatte erhielt die Kinderzulagen, es war in je­dem Fall der Vater. Diese Schwachstelle im Gesetz hatte betrübliche Konsequenzen für unsere große Familie. Die Kinderzulagen betrugen 60 Franken je Kind und Monat. Macht nach Adam Riese 240 Franken im Monat.

Einmal konnte ich diesen Betrag eingehen sehen. Irgend ein Konto gab es nicht. Es wurde per Postboten angezeigt und konnte alsdann auf der Post abgeholt werden. Es folgten drei Monate mit 120 Franken und wurde später auf 60 Franken reduziert. 60 Franken Kinder­zulagen für 4 Kinder. Unser Vater hat also durch die Existenz von von uns Kindern monat­lich 180 Franken in die eigene, will heißen in die Tasche seiner neuen Familie, welche schon bald wieder mit 3 Kindern gesegnet war umgeleitet. Diese Charaktereigenschaft hat das Verhältnis zwischen uns nachhaltig getrübt. Mein Kopf und mein Herz haben ver­hindert, dass ich später an seinem Grab gestanden bin.

Meine Mutter hat sich nie gegen diesen Betrug gewehrt. Realistischerweise muss ich heu­te sagen, dass unsere Familienfinanzen sich um diese läppischen 60 Franken erhöht hat und ein Mann weniger verpflegt werden musste. Und Fleisch hat es auch vorher nie gege­ben.

Ein Besuchsrecht gab es schon damals (einmal im Monat). Ich denke wir waren etwa zehn Mal in Elsau und etwa fünf Mal in Schottikon. Hätte sich Rosemarie seine zweite Frau nicht dafür eingesetzt, wären wir vermutlich überhaupt nie bei unserem Erzeuger auf Be­such gewesen. Bemerken sie den Unterschied. Ich kann es nicht ändern.

Etwas letztes ist hier noch anzufügen. Rosemarie war uns gegenüber immer sehr nett und hat uns mit ihrem guten Essen auch richtig verwöhnt. Dass sie es schaffte nie in ihrer Ehe zu arbeiten zeigt mir, dass bestimmte erwachsene Männer, vielleicht auch Frauen immer einen Rahmen gesetzt bekommen müssen um zu funktionieren. Meine Mutter hat dies lei­der nie geschafft.

Das Leben geht weiter

Nun wurde auch mein Bruder Reini schon bald 7Jahre alt und somit stand auch für ihn die Einschulung vor der Türe. Gemeinsam stiegen wir den Schulhausweg hoch und saßen bei unseren neuen Lehrerin im gleichen Schulzimmer. Sie hieß Fräulein Asshauer, war trotzt ihrer Schönheit und Jugendlichkeit eine gute Erzieherin. Während sich mein Bruder noch mit der Schiefertafel abmühen musste gab es für uns Zweitklässler, glaube ich wenigstens bereits Schulhefte. Dies hatte aber auch zu Folge, dass wir uns jetzt in der großen Kunst der „Schnürlischrift“ üben mussten. Auch die Rechnerei wurde anspruchsvoller. Gefallen hat mir die Schule aber immer noch, schließlich traf man dabei auch die Schulkameraden.

Die Noten bei Fräulein Derungs waren bestimmt schon gut. Fräulein Asshauer hat aber noch einen drauf gesetzt. Es war mir schon fast peinlich als ich mit einer Durchschnitts- -note von 5,5 am Examen die 2. Klasse verließ. Rechnen war halt immer meine Leiden -schaft und Renato, Hansruedi und ich lernten um die Wette. Gut aber war trotzdem, dass uns schon bald ein neuer Lehrer empfangen hat, und uns auf den Boden der Realität zu­rück genommen hat. Aber dazu später.

Sensible Leser sollten jetzt vielleicht die nächste halbe Seite überspringen. Weil sie aber auch zu meinen „Lebenserfahrungen“ gehören, muss ich über sie berichten.

In diesem Alter entwickelte sich noch ein neuer Ort des Interesses. Was heute sicher nicht mehr möglich wäre, war damals eine völlig natürliche und deshalb normale Tatsache. Willst du Fleisch essen, musst du Tiere töten. Dies kannte ich ja schon seit dem Hühner­schlachten von Tönel. Ab und zu mal konnten wir solche Tötungsprozesse auch beim Bauern sehen, wenn er mit einem Knebel einem Huhn einen Schlag auf den Kopf gab um es in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Der Kopf wurde ihm erst anschließend vom Kör­per getrennt. Eine humanere, als die italienische Methode von Tönel. Auch Kaninchen, welch mit einer „Chüngelipistole“ getötet wurden, war für uns Kinder Alltag.

So war der Schritt hin in den Schlachthof der Metzgerei Ehrenbold nur noch ein kleiner. Niemand dachte jedenfalls daran uns den Zugang zu verwehren und schließlich war ja Jakobs Vater selbst Metzger. Damals wurden alle Tiere geschossen, mit einer Ausnahme, den Kälber wurde erst ein Strick um ein Bein gelegt, und anschließend von zwei Metzgern an einen Hacken gehängt. Es folgte ein Schlag auf den Kopf mit einem Eisenschlegel, um es anschließend zu entbluten. Wieso man diese Art wählte vermag ich nicht zu sagen, der Prozess war eigentlich fast der gleiche. Betäuben und ausbluten.

Wurden in jener Zeit allerdings mal 10 Schweine geschlachtet war dies schon fast Hoch -konjunktur. Kein Vergleich mehr mit heutigen Schlachthöfen. Die Schlachtabfälle waren gering. Därme wurden gereinigt und bis zur Wurstverarbeitung in großen Salzbottichen ge­lagert. Heute werden sie aus Südamerika importiert. Aber dies soll ja jetzt auch schon wie­der geändert werden. Aber vielleicht steckt sich der heutige Mensch halt wirklich lieber Kunststoffdärme in den Mund. „En Guete“.Auch Leber, Lungen, Milz und Herzen wurden noch von Menschen gegessen und mussten so auch nicht in Katzenfutter umgewandelt werden. Dass die Mägen noch gereinigt und zu leckeren Kutteln verarbeitet wurden, ver­steht der heutige Homo sapiens auch nicht mehr. Jedenfalls waren Kutteln in jenen Tagen noch heiß begehrt, nicht nur bei den Italienern, ob mit Tomatensauce, Kümmel oder auch beidem gekocht.

Die „Abfälle“ hielten sich also noch in überschaubaren Mengen. Öfters konnte ich den Vater von Jakob ins Riet gegenüber der Weberei begleiten. Dort wurden sie vergraben. Bis zum heutigen Tage bin ich deswegen nicht zum Vegetarier geworden.

Nun wohnten wir also mit unserer Großmutter fast Tür an Tür. Sie hat für uns Kinder stets das Mittagessen zubereitet. Und weil sie gelernte Köchin war, mussten wir auch nicht dar­ben. Der Garten in dem wir älteren drei, also auch meine Schwester Vreni kräftig mitarbei­ten mussten hat uns reichlich mit Gemüse, Salaten und Beeren versorgt. Unser Benjamin Hans durfte derweilen noch seine Jugend genießen. Mit einer Ausnahme: Zum Holzen wurde auch er schon mitgenommen.

Die Erziehung von uns Kindern hat ab dieser Zeit klar meine Großmutter in die Hände ge­nommen. „Saper di mon Dieu“ ihr Autoritäts- Ausruf habe ich jedenfalls bis heute nicht ver­gessen. Allerdings wussten wir dann alle, dass der Spaß nun wirklich vorbei war. Was es bedeutet hat, ist uns nie klar geworden. Aber dies spielt bei Kindern offenbar auch gar kei­ne Rolle. Die bei diesem Ausruf getragene Mimik sprach jedenfalls Bände und verfehlte ihre Wirkung niemals.

Sie war halt aus Deutschland und die vermeintlich französische Sprache hat ihr vermutlich Schwierigkeiten bereitet. Ich meine, es sollte so etwas wie: „Bei meinem Herrgott“ bedeu­ten. Auch das Leo Wörterbuch konnte mir aber nicht wirklich weiter helfen. Sie sprach übri­gens ein perfektes Oberländer Dialekt, mir der winzigen Einschränkung, dass sie bis an ihr Lebensende nie „Guggumere“ sagen konnte. Es blieben immer Gurken für sie. Diese jun­gen Gurken in Essig einzulegen verstand sie dann allerdings wie keine Zweite.

Daneben hatte meine Großmutter aber auch noch eine schwere Bürde zu tragen. Ihr drit­tes Kind Dora verfiel im Alter von achtzehn Jahren der Schizophrenie. Sie muss von einem Mann misshandelt worden sein. Ich glaube die Sache wurde aber nie untersucht. Es war halt Gottes Wille.

Ihr Brüllen zwischen den beiden Wohnungen wurde für uns schon bald Alltag. Verdammter „Sauhund“ und „E verschlageni Wuche gha“, sowie „gar nöd nei will nei“ begleiteten uns in unserem Zusammenleben. Man hat sie auch einmal operiert im Burghölzli in Zürich. Die­ser Eingriff hat aber ihre Krankheit nur noch verschlimmert. Später wurden dann Medika­mente auf den Markt gebracht welche ihr enorm gut geholfen haben und ihre Anfälle völlig eliminiert haben, sie aber leider ziemlich apathisch gemacht haben

Geliebt haben wir unser Tante Dorli aber trotzt oder gerade wegen ihrer Krankheit. Wenn sie uns in friedlichen Zeiten umarmt hat, störten wir uns höchstens an ihrem massiven Stoppelbart. Zum einzigen Mal hat mit ihr unsere Familie vom schweizerischen Sozial-System Gebrauch gemacht. Dorli respektive meine Großeltern erhielten eine IV-Rente für die Betreuung zu Hause. Ich glaube es waren runde 320 Franken. Jedenfalls hätte die externe Betreuung ein vielfaches gekostet. Um mitzuhelfen im Garten oder Haus war sie absolut unfähig. Täglich mehrmals traten ihre Anfälle auf. Und wenn sie dann trotzdem mal in den Garten ging, hat sie bestimmt etwas frisch gepflanztes aus gejätet. Verschiedene Versuche wurden unternommen sie irgend wie zu beschäftigen, es war nichts zu machen. Im Nachhinein muss ich sagen dass auch unsere Mitbewohner im Hause dieses Schicksal tapfer mitgetragen haben. Jedenfalls gab es nie irgend welche Reklamationen. Es war halt noch die gute alte Zeit.

Mein Freund der Winkler Karli hat mir ein Buch ausgeliehen. Es war Robinson Crusoe. Ich habe es verschlungen, so gut dies halt mit acht Jahren möglich war. Jedenfalls war mir da­mals unverständlich, dass man in einer Nacht so ein dickes Buch lesen konnte. Mein Großvater, dem ich es zum Lesen gab, hat dieses Wunder vollbracht. Am nächsten Sonn­tagmorgen jedenfalls traf ich ihn in der Stube an, er war bereits an den letzten Seiten. Ei­gentlich traurig, man konnte sich nicht mal solche kleinen Freuden wirklich leisten. Als ich später mein erstes eigenes Geld verdienen konnte, war ich über Jahre ein sehr aktives Mitglied der NSB. (Neue Schweizer Bibliothek). Bestimmt hätten meine Großeltern auch gerne mehr gelesen, aber eine Bibliothek gab es damals noch nicht im Dorfe, und kaufen …? Aber man hatte schon einen Radioapparat von den beiden Buben geschenkt bekom­men. Schnell eigentlich gab es ein paar Lieblingssendungen außerhalb der Nachrichten. Der Heiner Gautschi mit seinen Nachrichten aus New York und die sonntäglichen Sportsendungen am Landessender Beromünster wurden nie verpasst. Da konnte mein Großvater stundenlang mit verschränkten Armen am Radio sitzen. Ballemann am Ball … so tönte es aus dem hölzernen Kasten. Er muss ein bedeutender Spieler gewesen sein, dass ich mich noch heute an diesen Namen erinnern kann. Dazu hat er jeweils friedlich seinen Burrus Tabak gekaut. Hin und wieder ist er aufgestanden und hat einen mächtigen Strahl in den Ofen gespuckt. Unser „Grossmami“ hat das ewige „Schiggen“ ziemlich gestört, konnte ihm das weit verbreitete Übel aber nicht austreiben. Etwas besser gestellte Zeitgenossen leisteten sich aber eine Brissago oder gar einen Tosccani. Es waren damals die Freuden des kleinen Mannes und man brauchte auch kein Geld für die Ferien beiseite schaffen…… man hatte keine.

Die Nahrung blieb einseitig. Butter oder auch Käse, gestrichen auf unserem Speiseplan. Ich erinnere mich gut wie ich jeweils meiner Großmutter mit großer Sehnsucht beim But­terbrot schmieren zugesehen habe. Alleine sie konnte uns nichts abgeben, ein 100g Mö­deli Butter musste ihnen eine Woche reichen. Ich glaube es hat sie sehr geschmerzt, wenn ich wieder mal am „Guenen“ war. In dieser Zeit ertappte ich meine Schwester dabei wie sie sich hinter den Fetttopf her machte. Also hat uns sicher etwas gefehlt, auch wenn ich schon damals übergewichtig war. In der zweiten Klasse hat uns die Lehrerin aus „Die rote Zora und ihre Bande“ vorgelesen. Einer der Abenteurer in diesem Buche war der di­cke Skalek. Ich hatte während vieler Jahre einen neuen Namen: Skalek, allerdings ohne den Zusatz „dicke“. Für das bin ich dann schon etwas zu kräftig gewesen. Unsere Nah­rung war extrem auf Kohlenhydrate, Salate und Gemüse ausgerichtet. Ich entsinne mich gut, wie wir jeweils zur großen Freunde meiner Großmutter ein wahres Wettessen veran­staltet haben. Vor allem wenn es rohe Kartoffelpuffer, die echte Spezialität von ihr, oder To­maten Spaghetti gegeben hat. Wie mühsam das für sie gewesen sein muss die vielen Kar­toffeln auf der Bircher Reibscheibe von Hand zu verarbeiten wurde mir erst bewusst als ich später selbst aktiv gekocht habe. Bis zum heutigen Tage ist mir aber kein Aufwand zu groß Frischprodukte zu verarbeiten. Diese frühe Lektion ist gesessen.

Nach und nach mussten auch neue Aufgaben übernommen werden. Für mich hieß das, die Küchenkästen und den blechernen Brotkasten neu mit Papier auszukleiden. Und dabei ist es passiert. Ich entfernte das Papier und stopfte es in den Kanonenofen um es an­schließend anzuzünden. Unglücklicherweise hat meine meine Mutter am Vortag Zahltag gehabt und das Zahltagssäckli unter das Papier im Brotkasten gesteckt. Sie können sich denken, was nun passiert ist. Der Lohn von 14 Tagen Arbeit hat sich in Rauch aufgelöst. Zwar konnten wir noch die Münzen aus der Asche lesen ich weiß noch heute, dass es etwa 7 Franken waren. Und dies musste ausgerechnet dem Finanzminister passieren. Ob­wohl mich meine Mutter und auch s’Großmami getröstet haben, die Tränen rannen über mein Gesicht. Zu gut kannte ich die Konsequenzen, denn Reserven gab es keine. Unser Grossmami hat uns aus der großen Not geholfen. Das kurzfristige Überleben war wieder einmal gesichert.

Noch zwei Aufgaben gehörten zu uns Kindern. Da war einmal das Mischen des Kaffees mit Zichorienpulver (Kaffeeersatz). Dazu wurde eine Doppelseite einer Zeitung ausge- breitet, Kaffee und Zichorien darauf geleert und so lange hin und her gewälzt, bis das Mahl gut richtig gemischt war.

Dazu gehörte aber auch die Zubereitung des Toilettenpapiers. Wir waren für den Nachschub verantwortlich. Die Kiste auf dem hölzernen Plumsklo diente als Vorratsbehälter.

Auch das Abfallwesen, dass es damals noch nicht gab lag in unserer Hand. Zwar organi­sierte die Gemeinde zweimal jährlich eine „Güselabfuhr“, was aber dazwischen angefallen ist musste selber mit dem Leiterwagen in die Grube gefahren werden. Das war allerdings nicht so viel, da Grünabfälle sowieso kompostiert wurden und der Gartenabraum direkt im Garten verbrannt wurde. Der Besuch der Grube in der „Tüfi“ war für uns Buben allerdings eher ein Abenteuer und hat uns immer begeistert. Eisen und andere metallische Abfälle wurden nach Hause geschleppt und deponiert. Wir machten diese Arbeiten vielfach zusammen mit Rolf Naef, dem Spezialisten im Team.

Das Schützenhaus bediente uns auch mit solchen Ressourcen, durchsuchten wir doch des öfteren den Scheibenstand nach Gewehrkugeln. Wir wurden immer fündig und ver­kauften das Blei und das nicht verwendbare aus der Grube dem Alteisenhändler Oeschger in Pfäffikon. So und ähnlich wurde unser bescheidenes Taschengeld verdient und gleich­zeitig Recycling betrieben.

 
Der Ganzer Esel

Es muss uns finanziell etwas besser gegangen sein. Meine Mutter wollte es endlich etwas einfacher haben. Sie war deshalb ziemlich empfänglich als ihr eine Abends ein gut geklei­deter Herr offerierte eine noch in dieser Woche eine moderne Waschmaschine vor zu füh­ren.

Und ein paar Tage später standen zwei gut angezogene Herren in unserer Stube. Uns Kin­dern vielen fast die Augen aus dem Kopf. Nadelstreifenanzüge und dazu noch geschmückt mit einer Krawatte und das ganze mitten in der Woche. Wir kannten schon schwarze An­züge bei Beerdigungen, aber so etwas. Wir müssen die Beiden richtig umringt haben, und die beiden Herren schienen sichtbar Spaß daran gehabt zu haben.

Aus der Vorführung dieses Wundergerätes wurde eine eigentliche Verkaufsschau. Ein neuer Beruf war geboren, der Vertreter. Es hat sie natürlich schon gegeben, aber sicher wurde bis dahin keine Privatkundschaft besucht. Die Wirtschaftskraft der Arbeiterschaft war bis dahin zu gering. Scheinbar hat sich dies jetzt aber entschieden geändert, auch wenn wir davon noch nicht gespürt haben. Aber der Regelfall war ja auch, dass zwei Per­sonen im Haushalt einer Beschäftigung nachgingen.

Nach einer ganzen Weile wurden Sprüche geklopft und Witze erzählt. Wir Kinder an Besu­che solcher Art im einen und dem Witze hören im besonderen mussten Lachen, dass sich die Balken bogen. Die richtige Verkaufsatmosphäre war schon einmal geschaffen.

Endlich wurde das Objekt unserer Begierde ausgepackt. Eine schneeweiße Wasch- -maschine kam zum Vorschein. Auf der Türe waren zwei große Buchstaben in Schnürlischrift angebracht. G E . Ich musste meine Neugier stillen. Was sollten diese beiden Buchstaben bedeuten? Ich kannte ja bis dahin nur Firmenlogos von Hürlimann und Rapid. Mit großem Spaß erklärte uns der eine Vertreter. „Dies sei der Namen seines Chefs“ und der hieße eben Ganzer Esel. Die Lacher hatte er damit, wie schon den ganzen Abend auf seiner Seite. Wie konnten nur zwei so gut gekleidete Herren noch einen Chef haben?

Fairerweise hatte er uns dann aber doch noch aufgeklärt. Diese gute Waschmaschine sei vom weltbekannten Hersteller der Firma General Electric. Diese Maschine hat sich dann tatsächlich als äußerst stabil herausgestellt. Dies war aus heutiger Sicht aber keine so großes Wunder, dienten doch diese Maschinen nur dem Waschvorgang, die Kunst des Schwingens kannten sie noch nicht. Und gerade das Schwingen belastet ja die Innereien einer Waschmaschine extrem. Das Aus winden der Wäsche übernahm immer noch die wasserbetrieben, kupferne Schwinge in der Waschküche. Schade eigentlich nur, dass es diese Maschinen noch nicht gegeben hat, als die großen Windeln berge angefallen sind.

Nach damaliger Kaufkraft hätte die Maschine allerdings wesentlich weniger kosten sollen. Nur gab es halt auch noch keine Fabrikationsroboter und Fließbandfertigung. Die 670 Franken die sie gekostet hat, wurden von meiner Mutter in Raten bezahlt, den so viel Ba­res war dann doch nicht in unserer Kasse. Die Vertreter fanden dies aber völlig normal. Ihre Abschlussprovision hat sich dadurch nicht geschmälert. Meine Mutter konnte sich endlich mal ein bisschen entlasten. Ich meinerseits war mich auch gewohnt, dass die Le­bensmittel und auch die Milch mit dem sogenannten Milchbüchli eingekauft wurden. Be­zahlt wurde alle 14 Tage. Und dies machten eigentlich alle Leute.

Dieser Umstand hatte den drei Dorfläden das Überleben noch für ein paar Jahre möglich gemacht, auch wenn seit längerem schon die Migros Verkaufswagen im Dorfe anhielten. Bei Migros musste immer bar bezahlt werden. Was war das jeweils für ein Spektakel, wenn die Verkaufschauffeure die Seitenwände seines „modernen“ Wagens aufklappten. Zwei Drittel nach oben der Rest nach unten, fertig war der Verkaufsladen. Der Verkaufs- -chauffeur hatte eine metallene Kasse umgehängt und die Verkäuferin hat mit horrendem Tempo ihre verzinkten Schubladen aus dem Innern des Fahrzeuges gezogen und so die gewünschten Einkäufe auf den Korpus gelegt.

Dann kam der finale Abschluss. In unglaublichem Tempo wurden die Artikel vom Chauffeur zusammen addiert, mit dem Bleistift, denn er stets hinter dem Ohr getragen hat, der End­preis auf einen Zuckersack oder eine andere papierene Verpackung geschrieben. Unter dem Staunen der Kundschaft hat er anschließend das Geld einkassiert. Und das Retour­geld nicht minder geschwind aus seiner Bauchkasse getoggelt. Ein neuer Traumberuf? Ich jedenfalls habe begriffen, dass es vielen Möglichkeiten gab, Zahlen zu addieren. Gestimmt hat es immer, auch wenn die Rechnung von vielen Skeptikern, auch von mir, nachgeprüft wurde.

Die Masten – Wixer

Eine riesige Hochspannungsleitung führte an Russikon vorbei. Irgendwie mussten ja die Häuser und die vielen Textilfabriken im Züricher Oberland mit Strom versorgt werden.

Da die riesigen Masten Wind und Wetter ausgesetzt waren, mussten auch die nötigen Unterhaltsarbeiten ausgeführt werden. Zu dieser Zeit war es wieder einmal so weit. Eine Malermannschaft ist im Dorfe eingerückt. Alle nannten sie nur die Mastenwixer. Diese Leu­te hatten eine sehr gefährliche und deswegen auch gut bezahlte Arbeit. Sie mussten die Farbe dieser Hochspannungsmasten mit einem neuen Farbanstrich versehen, ohne dass der Strom dabei abgestellt worden wäre. Immerhin sind schon damals 16 KV Strom in je­der einzelnen Leitung geflossen. Schon schnell einmal kannte das ganze Dorf die wil­den, fremden Männern. Einquartiert haben sie sich im Gasthof Krone. Schon bald gingen die wildesten Gerüchte durchs Dorf. Stellvertretend soll eine erzählt werden. Der Seniorwirt im Gasthof Krone war dafür bekannt, dass er ziemlich schnell zu Stelle war, wenn er hörte, dass Münzen auf den Tisch gelegt wurden. Wollte eine Gast bezahlen, war er jeweils sofort zur Stelle um mit zittriger Hand und auf schwachen Beinen das Geld einzustreichen. Und diese 4 Männer haben dieses Verhalten schnell einmal bemerkt und sich ab sofort einen Mordesspass daraus gemacht, kurz vor dem Zugriff des alten Wirtes das Geld wieder einzustecken. Dies jeweils sehr zu Freude der anwesenden Gäste. Den Mut für solche Untaten hätten die Einheimischen nicht gehabt, allerdings konnten sie in ein paar Wochen auch nicht einfach ihr Bündel packen und weiter ziehen.

Wo unsere Mutter diese wilden Gesellen kennen gelernt hat vermag ich nicht zu sagen. Als Reini und ich jedenfalls an einem Sonntagmorgen schlaftrunken in die Küche traten, um uns den Schlaf aus den Augen zu waschen, saß diese 4er Bande mit meiner Mutter am Tisch beim Kaffee.

Es gab in unserer Familie wieder einmal ein männliches Wesen. Nicht nur eines. Es waren deren vier. Und was für Kerle wir da anzustarren hatten. Da war mal der Vorarbeiter, mit einem Aussehen wie Clark Gable, ein Auge stets halb zugekniffen, verwegen aussehend, ein Traummann für uns Kinderaugen. Er wohnte in St. Gallen war Vater von 2 Kindern und hieß Hermann Geiger. Er kam also nicht aus Hollywood. Schon bald einmal forderte er uns Kinder auf am Schüttstein unsere Oberarme zu trainieren. Wir sollten von nun an täglich abwechslungsweise unsere Arme trainieren, indem wir versuchen sollten das Waschbecken anzuheben. Er hat uns dies sehr zur Freude von uns beiden vorgeführt. Er war klar der Chef im Ring….Unsere Kinderaugen müssen geleuchtet haben, endlich ein richtiger Mann im Hause….

Der zweite welcher aus vielen Gründen gut in Erinnerung geblieben ist hieß Ruedi Iten. Erstens weiß ich seitdem, dass alle Iten von Unterägeri, oder wenigstens aus Oberägeri kommen wie er uns erklärt hat. Zum zweiten demonstrierte er uns bald seine ungeheuren zeichnerischen Fähigkeiten, indem diese Truppe in Rekordzeit auf ein Blatt Papier karikierte wurde. Eine Fähigkeit, welch mir leider nie beschieden war. Dieser unterhaltsame Mann begleitete uns dann einige Zeit in unserem Leben. Er blieb in Russikon hängen, die ewige Turnerei an den Hochspannungsmasten muss ihm verleidet gewesen sein. Ich komme später darauf zurück.

Der Dritte war ein hagerer, baumlanger Kerl und der Vierte ein großer Schweiger. Von ih­nen war nicht viel zu erfahren. Sie kannten keine Kunststücke und haben sich auch sonst nicht groß profiliert. Nett waren die Beiden trotzdem. Alle vier zusammen haben sie uns noch einmal besucht. Eine dankbare Abwechslung in unserem Leben.

In der folgenden Woche braute unser Grossmami einen großen Krug Kaffee. Wir sollten ihn den „Mastenwixern“ an ihre Arbeitsstelle bringen. Sie waren zu dieser Zeit südlich vom Plattenhof in Richtung Rumlikon. Das Team kam aus Richtung Hittnau, schon bald einmal sollten sie das Gemeindegebiet von Russikon und damit eben auch uns wieder verlassen. Wahre Vagabunden in einer Zeit, wo noch nicht alle paar Jahre gezügelt wurde. Zum ers­ten Mal überhaupt bemerkte ich das Summen des fließenden Stromes. Ein schriller Pfiff holte mich aus meinen Träumereien. Alle vier winkten sie vom Masten der so hoch war wie der Kirchturm (vermutlich noch höher). Ein Transportseil wurde nach unten gelassen und der Kaffee nach oben gehievt. Schnell wurde eine Sammlung befohlen, durch wen muss nicht explizit erwähnt werde, das Geld in ein Tuch gewickelt und zu uns nach unten gewor­fen. Nahezu 10 Franken waren im Tuch. Eine ungeheure Summe. Wir bedankten uns ent­sprechend was die Männer natürlich sehr freute. Sie dürften mit dieser Tat nicht verarmt sein, uns Kinder führten sie damit für einen Moment in eine uns unbekannte Welt. Dies aber haben diese wilden Maler vermutlich nur allzu genau gewusst. Schnell trugen wir das viele Geld nach Hause. Wie haben es unserem Grossmami übergeben. Mit ihrem wohl bekannten „Nei, aber au nei, nei“ hat sie es dankbar entgegen genommen. Sie konnte es gut gebrauchen.

Wie bereits erwähnt, einer von ihnen ist in Russikon hängen geblieben. Nicht etwa wegen unserer Mutter, Ruedi Iten war ein überzeugter Junggeselle. Er muss Arbeit im Dorf gefun­den haben, ich kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern. Er hat sich bei uns ein­quartiert im großen Raum zwischen den Zimmern. Ihn dieser Zeit gab es fast täglich Un­terhaltung pur in unserer Familien, sogar unsere Großmutter, welche wir nicht oft lachen gesehen haben, konnte angesteckt werden. Der Ruedi brachte dieses Kunststück alle weil fertig.

Ruedi war ein großer Fan des Radrennsportes. Schnell einmal stand ein Rollentrainer in seinem „Schlafzimmer“. Täglich wurde auf dem Fahrrad gestrampelt. Auch Reini und ich wurden schnell einmal in diese Technik eingeführt.

Und dann kam ein großer Tag für uns beiden Ältesten. Ruedi wollte unbedingt mit uns ins Hallenstadion in Zürich-Oerlikon fahren. Es war 6-Tage Rennen. Und in dieser Nacht sollte das 100 Kilometer Américaine Rennen stattfinden. Ein klares Muss für Ruedi. Wie wir nach Zürich und in der Nacht auch wieder nach Hause gekommen sind oder ob Ruedi be­reits ein Auto besessen hat? Ich weiß es nicht mehr.

Jedenfalls wir waren das erste Mal in Zürich im riesigen Hallenstadion. Und was da abge­gangen ist , war für uns zwei Landbuben ein so gewaltiges Ereignis, ich konnte es nie mehr vergessen. Das war ein Spektakel. Radrennfahrer sausten in horrendem Tempo durchs Oval. Angefeuert durch den Speaker, grölte, klatschte und pfiff die Menschen- -masse. Noch nie hatte ich so viele Leute gesehen. Das Hallenstadion war bis auf den letzten Platz besetzt.

Dazwischen führte uns Ruedi hinaus in die Galerie. Wir erhielten ein Getränk und eine Bratwurst. Jeder eine …. wir brauchten sie noch nicht einmal zu teilen. Mit den heißen Würsten ging es wieder zurück, wir durften nichts verpassen.

Ruedi hatte aber noch eine große Leidenschaft, weswegen mir aus heutiger Sicht auch klar ist, dass er für eine Ehe absolut nicht getaugt hätte. Dies muss er selbst gewusst ha­ben. Ich habe ihn jedenfalls nie mit einer weiblichen Person gesehen, aber ich habe sicher auch nicht alles gesehen. Die volkstümliche Musik und vor allem Jost Ribary Senior und sein Band, welcher auch in Oberägeri aufgewachsen ist, beglückten seine musikalische Seele. Er war stolzer Besitzer eines Grammophons und zweier riesigen Lautsprechern. Getanzt hat er nicht eigentlich, er ist herum gewirbelt, wenn sich seine Platten, damals noch mit 78 Touren auf seinem Grammophon gedreht haben. Ich entsinne mich noch gut, wie jeweils die Nadeln des öfteren ausgewechselt werden mussten. Eine ganz Schachtel Ersatznadeln hatte er zur Verfügung. Zu gut war sein Gehör, und jedes leise Kratzen bei der Musikübertragung ließ ihn zur Tat schreiten. In seinem Plattenschatz gab es auch die ersten „Schlager“. „Wo der Wildbach rauscht, dort im grünen Wald“ und „Du schwarzer Zi­geuner, komm spiel mir was vor“ …. klingt mir noch heute in meinen Ohren.

Und da Musik erstens Allgemeingut und zweitens unentbehrlich ist, musste ein Ruedi Iten an einem Sonntagmorgen die großen Lautsprecher an den Kastanienbaum hängen. Die Russiker sollten endlich begreifen, dass es neben dem Arbeiten auch noch Jost Ribary gab. Er mag arg enttäuscht gewesen sein, dass sich die Dorfbevölkerung auch nicht nach einer Stunde und der maximalen Beschallung seiner Lautsprecher unter dem gewaltigen Baum versammelt hat.

Ließen sich die Russiker schon nicht durch seine Musik begeistern, sollten Reini und ich wenigsten die Ohren geschult erhalten für diese musische Art. Ein zweites Mal, wollten wir nach Zürich fahren. Diesmal sollte es aber wirklich in die Stadt gehen. Das Züricher Nie­derdorf war unser Ziel wo Jost Ribary in einer Bar aufgetreten ist. Und wieder hatten wir Neuland betreten. Wir erlebten die volle Größe dieser Stadt.

Die Bar war gerammelt voll. Rauchschwaden zogen durch den Raum. Das Publikum tobte vor Vergnügen bei den Klängen des Orchesters. Alles Live und ohne Verstärker, es gab sie noch gar nicht. Dazwischen trat auch eine Jodlerin auf, begleitet vom Handharmonika-Spieler der Band. Es war für uns ein großes Erlebnis. Die Freude an der Musik ist mir ge­blieben, auch wenn es inzwischen gerne einmal Klassik sein darf.

Ruedi Iten ist jetzt vorgestellt, es gab aber noch einen zweiten Iten der Jahre später ins Dorf einzog, davon später.

Die 3. und 4. Klasse

Und wieder ist der Kastanienbaum voller jungen, hellgrünen und saftigen Blättern. Diese Botschaft bedeutete immer auch den Beginn eines neuen Schuljahres. Paul Schmider hieß mein neuer Lehrer. Er stand wahrscheinlich kurz vor der Pensionierung und betreute die 3. und 4. Klasse. In diesen Zimmer musste immer Platz sein für bis zu 36 Kindern. Die­ser Lehrer hat mich nachhaltig geprägt. Ab jetzt stand nämlich Naturkunde und Geografie mit auf dem Schulplan. Und was uns dieser Pädagoge zu bieten hatte, war erste Sahne. Wir hatten öfters Unterricht in der freien Natur. Und was wir da alles neues dazu gelernt haben. Wir untersuchten die alte Kiesgrube eben so exakt wie das Bachbett des Dunkel­bachs. Er wohnte übrigens im Sennhof und kannte sich da exzellent aus. Er erklärte uns die Entstehung der Nagelfluh in der Kiesgrube und verwies dabei auf die Rigi welche aus dem gleichen Material stammt. Er zeigte uns Frösche und Kröten und deren Verhalten und war auch ein bekannter Kenner der heimischen Flora. Nie ist er mit uns durch die Gegend gestreift, ohne das er irgendwelche Taschenbücher bei sich gehabt hätte. Kurzum, dieser geniale Naturforscher hat uns damals die Augen für die Natur bleibend geöffnet. Ich habe profitiert von ihm, auch wenn er ein strenger Lehrer war. Stets trug er einen sauber und gepflegten Schnauz und hatte rosarote Wangen. Ich glaube, er war Vegetarier oder hat halt auch sonst gesund gelebt. Jedenfalls ist er sehr alt geworden.Die Noten allerdings wurden wieder auf eine realistische Stufe gesenkt. Das Kegelschüleralter war vorbei.

Je älter je wilder. So könnte man die weitere Entwicklung treffend beschreiben. Erstmals durfte ich vor den Weihnachtsferien am Schulsilvester teilnehmen. Wir älteren Kinder durf­ten ab 4 Uhr unser Unwesen treiben. Wobei klar angesagt war keinen Sachschaden zu verursachen. Es wurden Gartentore ausgehängt, Mist-Karretten versteckt und sonstigen Blödsinn gemacht. Anfangs rauchten wir noch Nielen in späteren Jahren wurden es dann auch einmal Parisienne Zigaretten. So kamen wir uns dann schon ziemlich stark vor.

Die Geschichten wurden in späteren Jahren immer dramatischer, teilweise wurde der Be­völkerung und auch den Lehrern ziemlich üble Streiche gespielt. Da wurde auch einmal ei­nem Lehrer eine Karette Mist vor die Haustüre gekippt. Die frühe Rache für eingesteckte Schläge.

Einmal ist das ganze völlig aus dem Ruder gelaufen. Wir kamen auf die Idee einen Jauche wagen kontrolliert ein Bord hinunter zu fahren. Die Bremsen des ungeladenen Wagens auf dem nassen Grass hatten wir aber völlig überschätzt. Kurz und gut, das Gefährt rasierte die Umzäunung eines Hühnerhofes weg. Unglücklicherweise gehörte er dem Schulpräsi­denten der Unterstufenschule dem Herrn Zürcher an der Berggasse. Dieser beliebte und weise Mann wusste sich aber zu helfen.

Jedenfalls standen wir am letzten Schultag so lange vor unseren Bänken bis die Täter­schaft ermittelt war. Das ausgesprochene Verdikt war klar Jeder Beteiligte musste sich beim Geschädigten melden, entschuldigen und 5 Franken abliefern. Das schmerzte. Es war das letzte Mal, dass solche Streiche gespielt wurden. Das Geld haben wir zum Schul­silvester des kommenden Jahres zurück erhalten. Noch heute denke ich noch mit großem Wohlwollen an unseren Schulpräsidenten Zürcher.

4. Kapitel

Das Zeitungsvertragen

Ich glaube es war auch in meinem 3. Schuljahr als wir mit Grossmami und dem Postauto nach Pfäffikon gefahren sind. Wir sollten uns vorstellen bei der Redaktion des Pfäffiker Tagblattes, weil vorgesehen war, dass wir diesen Bezirksanzeiger in Zukunft auszutragen hätten. Dort wurden die Konditionen mitgeteilt und als wir einverstanden waren, die Abon­nentenlisten übergeben. Wir sollten 1 ½ Rappen pro Exemplar und Tag erhalten. Die Zei­tung hatte damals in Russikon 117 Abonnenten. Diese Tätigkeit sollte uns also Fr. 1.75 pro Tag einbringen. In diesem Preis war auch noch der viertel- halb- oder ganzjährige Einzug der Zeitungsabonemente inbegriffen. Zahltag war dann jeweils einmal jährlich. Nun muss­te es an die Planung gehen. Betroffen waren Verena, Reinhard und ich. Also wurden die Touren verteilt, wobei die Schwester den Ortskern, mein Bruder das Unterdorf und der Äl­teste der ich nun einmal war das Oberdorf bis hinauf zur Platte bediente. Diese Arbeiten waren in der Mittagszeit auszuführen, was bedeutete dass sich unsere Mittagszeit ab so­fort auf eine halbe Stunde verkürzte. Pünktlich um 12.30 Uhr kam das Postauto erst von Fehraltorf und dann von Pfäffikon.

Was ich bis dahin noch nicht einmal wusste, war die Tatsache, dass Renato Scala und sei­ne Schwester Ceserina bereits den Zürcher Tagesanzeiger ausgetragen haben. Seine Zei­tung kam dann auch ein paar Minute vorher, so dass er bereits die Bünde aufgeschnitten und die Zeitungen abgezählt hatte. Sie hatten allerdings weniger Exemplare auszutragen als wir. Es ist ein eigentlicher Wettbewerb unter uns ausgebrochen. Die Mutationen der Abonnenten oder auch Meldungen von Kunden die reklamiert hatten, dass ihre Zeitung nicht oder nicht rechtzeitig zugestellt wurden sind uns täglich mit den Zeitungsbunden zu­gestellt worden. Immer höflich aber bestimmt. Die Sache hatte sich aber schnell einmal zur Routine ausgewachsen. Ich kann mir vorstellen, dass die Post zu jener Zeit aufge­schlagen hat, weswegen diese Art der Zustellung gewählt wurde. Früher brachte diese Zeitung jedenfalls immer der Briefträger, auf seiner zweiten Tour am Nachmittag. Aber eine Zeitung zu vertragen, welche nicht am Morgen auf der Poststelle eintraf, kann sich für die Post auch gar nicht mehr rentiert haben. Auch viele Kunden störten sich an dieser Tat­sache, hätten sie die Zeitung verständlicherweise lieber früher erhalten. Vermutlich sind die Zeitungsdruckmaschinen jener Tage noch nicht so schnell gelaufen. Basta! Das Zei­tungsabonnement hat pro Jahr einst Fr. 27.50 pro Jahr gekostet.

Ich musste mich jeweils mächtig sputen, wollte ich vor der Schule welche um 14 Uhr ja wieder begann, alle Exemplare ausgetragen haben. Dass dieser Job auch bei Regen und Schneefall perfekt auszuführen war ist klar. Manchmal hat die Pausenglocke des Schul­hauses uns heran stürmenden Grafen-Kinder direkt ins Klassenzimmer geführt. An man­chen Tagen hatte man Glück und man traf den einten oder anderen Abonnenten unter­wegs an. Man lernte also schon sehr früh die hohe Kunst des Organisierens. Dies konnte naturgemäß einen Zeitvorteil bedeuten. Allerdings traf ich nie den Bauern oder Knecht vom Plattenhof und dies hätte ja am Meisten eingebracht. Man kannte uns, und wir das Dorf.

Den kleine Zahltag hatten wir jeweils beim Einziehen. Hat doch der eine oder andere Abonnent um 30 oder 50 Rappen aufgerundet. Gut gestellte Leute haben uns auch mal einen Franken gegeben. Allerdings hatten wir auch die volle Verantwortung über das Geld. Jedenfalls haben wir diesen Job ein paar Jahre gemacht, wobei gegen Ende diese Arbeit von den beiden jüngsten ausgeführt wurde. Ich mag mich nicht mehr entsinnen, wer ihnen dabei geholfen hat. Sie leider auch nicht mehr.

Von der Entlohnung wurden jeweils jedem eine Hose oder sonst etwas gekauft. Die Marke Manchester war jetzt groß in Mode. Ob sich diese Tätigkeit wirklich gelohnt hat, möchte ich heute bezweifeln. Trotzdem hat es wieder etwas in die Familienkasse beigesteuert.

Einen Schuhmacher welche die abgelaufenen Sohlen für wenig Geld ersetzt hat gab es ebenfalls im Dorfe. Bei diesem Schuhmacher Wüthrich sind wir oft in der warmen Bude gesessen, vor allem wenn es draußen so richtig gestürmt hat. Er hatte seinen Betrieb in der ehemaligen Bäckerei Huber. Wir zogen den Geruch des Kontaktleimes ein und schau­ten ihm beim hämmern und schleifen auf der großen Maschine zu. Er muss ein Kinder­freund gewesen sein, hatte immer eine Tosccani im Munde und hat stets friedlich vor sich hin gelächelt. Seine Kinder sind mit meinen jüngeren Geschwistern zur Schule gegangen. Auch er hatte einen berühmten Namen wie oben beschrieben. De „Schueni“. Abends tuckerte er dann friedlich mit seiner Ledermütze auf dem Kopf zurück nach Gündisau, wobei seine Tosccani fast eben so viel Rauch entlassen hat wie sein altes Motorfahrrad.

Eine neue Tätigkeit

Unser Großvater ging langsam den Sechzig zu, die Arbeit hat ihm zunehmend gewisse Schwierigkeiten gemacht. Seine Leidenschaft jede Erdkrume einzeln zu bearbeiten hat er aber beibehalten, wobei er inzwischen den Betrieb nach Auslikon verlegt hat. Dieser Um­stand führte mehr und mehr dazu, dass der Reinhard und ich mit anpacken mussten. Dazu müssen uns irgend welche Bekannten zwei Militär-Fahrräder gespendet haben. Je­denfalls fuhren wir ab sofort jeden freien Schulnachmittag mit den Fahrrädern nach Ausli­kon um dem Großvater zu helfen. Dahlienknollen wurden im Akkord in den Boden gebud­delt. Auch die Frühlingsferien wurde in den Dahlienanbau investiert. Bis unser Großvater jeweils ein Loch ausgehoben hat, die Erde ringsum fein säuberlich zwischen den Fingern zerrieben hat, bepflanzten wir beiden Kinder ein ganzes Beet. Ihn hat das zwar irgendwie gefreut, weil er 2 Monate später sehen konnte, dass unsere Arbeitstaktik genau so erfolg­reich war. Von seinen Streicheleinheiten an die Mutter Erde konnte er trotzdem nicht las­sen. Seine finanzielle Situation war auch jetzt noch nicht berauschend. Es brauchte jeweils die größten Überredungskünste von Reini und mir, dass unser Großvater nach dieser an­strengenden Arbeiten uns jedem 20 Rappen spendete. Wir wollten uns für die Heimreise (auch wieder 7km), jetzt aber bergauf, noch stärken, und in der Bäckerei Senn in Auslikon jeder ein Glacee kaufen. Einen Lohn haben wir gar nie erwartet, wussten wir doch zu ge­nau wie viel Arbeiten unser Grossmami für unsere Familie ja auch unentgeltlich geleistet hat.

Mit dem Pflanzen waren die Arbeiten auf dem Dahlienfeld bei weitem nicht abgeschlossen. Es musste gejätet werden, Stecken bei jeder Pflanze eingeschlagen werden, mit Bast schnüren die Dahlien an die Stecken gebunden werden und wieder gejätet werden. Auch die verblühten Blumen wollten weg geschnitten sein.

Im Juli kam dann das Finale. Die große Dahlien schau konnte eröffnet werden. Die Gäste kamen vor allem an Sonntagen in Massen, sofern es nicht geregnet hat. Eintritt wurde er­hoben, einen Franken und zehn Rappen, wobei die zehn Rappen als Billetsteuer dem Obolus zur Verfügung gestellt wurden. Die Haupteinnahmequelle waren allerdings die Sträuße, welche von uns allen geschnitten wurden. Meine Mutter hat sich in dieser Kunst allerdings am Meisten profiliert. Sie machte die schönsten Sträuße und war auch sehr be­liebt bei den Kunden. Mein Großvater begleitete die Kunden in anderem Interesse. Er schrieb eifrig Bestellungen für die zu verkaufenden Dahlienknollen. Mein Grossmami über­nahm die „wichtigste“ Arbeit …. sie saß natürlich an der Kasse, verkaufte Billetts und nahm das Geld für die Sträuße in Empfang. Stündlich wurde Kassensturz gemacht. Ich glaube sie war an diesen Anlässen die glücklichste Frau der Welt. Wer konnte es ihr ver­übeln.

Der Transport meiner Mutter und meiner Großmutter wurde ganz genial gelöst. Es gab Eine Familie Gätzi in einem Haus bei der Weberei. Er war Bäcker/Konditor wie mein Groß­vater, während sie in der Weberei gearbeitet hat. Dieser Mann, gesundheitlich angeschla­gen, verdiente sich einen Zustupf zum Familieneinkommen mit dem Verkauf von Magen­brot auf Märkten und Kirchweihen. Fabriziert hat er es aber nicht selbst, er hat es irgend wo im Zürcher Oberland gekauft, möglicherweise in Wald, von wo die Familie zugezogen ist. Stets hat er seinen Tisch an „unserer“ Dahlien schau aufgeschlagen und dem ganzen ein kleines Kirchweihe – Ambiente gegeben. Sehr gerne hat er dann auch die beiden Damen in seinem Auto mitgenommen. Seine Söhne Jörg und Peter gehörten auch zu meinem näheren Kameradenkreise. Sie waren sehr gut als Krieger in unseren Schlachten zu gebrauchen, lasen sie doch stets die Tarzan Heftchen. Und mutige Kämpfer brauchte man bei unseren Schlachten mit den Wilhöflern.

Im Januar/Februar kam dann Grossvater’s große Zeit. Er fuhr mit seinem Töffli bis nach Zürich um die bestellen Knollen auszuliefern. Die Spedition mit der Post wäre sicher preis­werter gewesen. Das aber das menschliche Wesen nicht immer nur das vernünftige son­dern manchmal auch das für ihn richtige machen muss, habe ich inzwischen längst begrif­fen. Denn diese persönliche Zustellung mitten im Winter, brachte ihm, so glaube ich, eine gewisse Abwechslung. Er kam jeweils ziemlich glücklich nach Hause und hatte sich unter­wegs vielleicht auch einmal ein Bierchen genehmigt.

Dass diese Unart nicht übertrieben wurde, plünderte meine Großmutter abends als erstes sein abgenutztes Portemonnaie. Diesen Vorgang hat er jeweils schmunzelnd über sich er­gehen lassen, während mein Grossmami vergnügt die Münzen aber auch die Noten zähl­te. Dies hat sie kaufmännisch korrekt immer zwei Mal gemacht. Das Vergnügen dabei konnte man ihr deutlich ansehen. Anschließend wurde das Ganze in eine Schatulle ge­sperrt. Man hatte wieder Geld. Nun musste sie dem Großvater auch nicht mehr androhen, dass er demnächst seine Dahlienknollen verspeisen könnte.

 

Die Kriegszüge gegen die Wilhöfler

 

Einen eigentlichen Krieg gegen die Wilhöfler haben wir nie geführt, Kriegsspiele allerdings schon. Große und kleine Steinschleudern, Pfeilbogen aus Haselnussstecken und Pfeile aus Schilfrohr, der besseren Flugeigenschaften wegen, wurden sie mit Holunder zapfen versehen, gehörten zur Bewaffnung. Aber auch aus Holz geschnitzte Dolche wurden mit- getragen.

In späteren Jahren wurde die Armee auch noch motorisiert. Wir wurden von Hansruedi Weber mit dem Hürlimann-Traktor seiner Eltern in einer angebauten hydraulischen Trans­portbühne von Schauplatz zu Schauplatz gefahren. Dies machte natürlich einen Riesen­spaß, vor allem wenn der Traktor in den höchsten Gängen gefahren wurde. Dieses Ge­fährt war natürlich äußerst geländegängig, konnte so auch querfeldein bestens eingesetzt werden. Bei „Nahkämpfen“ wurde auch mal von Mann zu Mann gekämpft, wobei die Schwächsten anschließend an einen Baum gefesselt wurden. Sie mussten dann später von den eigenen Truppen wieder befreit werden, unter großem eigenen Risiko. Von sol­chen Maßnahmen wurden die gegnerischen Truppen genau so betroffen wie die eigenen.

Verletzte gab es allerdings nie bei diesen „Auseinandersetzungen“, jedenfalls ist mir keine mehr präsent. Die Wilhöfler entwickelten dann aber perfide Methoden. So wurden einem Gefangenen aus unseren Reihen, den wir wegen der starken Bewachung nicht befreien vermochten übel mitgespielt. Dem armen Kerl wurde ein Bein an seinem Gürtel hoch ge­bunden, und die Fußsohlen mit Salz bestreut. Eine herbei geschaffte Ziege leckte dann das Salz so genüsslich von seinen Füssen, dass er eine Lektion fürs Leben erhielt.

Diese Tat führte jedenfalls zum Abschluss eines umfassenden Friedensabkommens. Von nun an wurde nur noch verbal gekämpft. Es blieben die Hänseleien unter Knaben.

In dieser Zeit entwickelte sich auch die große Freundschaft mit den Kronen Buben Hans­ruedi, Peter und Heinz. Susanne ihre Schwester wurde als Mädchen nicht in diesen Freundeskreis aufgenommen. Nett waren wir aber trotzdem zu einander.

Von nun an verbrachten wir fast jeden Sonntagmittag in der Krone. Die Kinder besaßen ein Luftgewehr. Von nun an wurde Jagt auf Spatzen gemacht. Diesem Abenteuer frönten wir jedenfalls einige Jahre und übten uns schon in frühen Jahren in der Kunst des Schie­ßens. Von Hand zu Hand ging das Luftgewehr und es entwickelte sich ein eigentlicher Wettbewerb daraus.

Spatzen waren, da sie die Weizenfelder plünderten ungern gesehene Vögel bei den Bau­ern. Auf Krähen, Ehrenhäcksler und Elstern existierte damals eine Abschussprämie. Ein Franken wurde bezahlt für jedes paar Füße dieser Vögel, und so versuchten auch wir un­ser Glück.

Es gab noch andere Feinde in jener Zeit. Die Engerlinge die während ihrer Zeit in den Äckern ungeheure Schäden an den Kulturen angerichtet haben. Kurz vor ihrer Ge­schlechtsreife haben sich an Blätter der Buchen hergemacht. Ganze Buchenwälder wur­den kahl gefressen. Es war eine eigentliche Plage.

Wir Schulkinder wurden zur Bekämpfung dieser Tiere eingesetzt. Dazu wurden Tücher un­ter den Buchen ausgelegt und die Käfer von den Bäumen geschüttelt. Sie waren jetzt kurz vor dem Ableben und es musste verhindert werden, dass die Weibchen ihre Eier erneut in die Felder legten. So sammelten wir unter der Anordnung der Obrigkeit diese lästigen Schädlinge in Eimern. Sie krabbelten wie verrückt in den Kesseln. Die Dorfjugend trugen diese Plagegeister auf den Schulhausplatz, wo sie in einem riesigen Brühhafen vom Leben in den Tod befördert wurden. Der Gestank, welcher dabei entstanden ist, war enorm. Entschädigt wurden diese Arbeiten nicht, sie seien von eigenem Interesse erklärten uns die Lehrer, Hungersnöte könnten durch diese Viecher entstehen. Das hat uns eingeleuch­tet.

Später wurden dann Flugzeuge gegen die Maikäfer eingesetzt. Sie waren jedenfalls sehr viel erfolgreicher in der Bekämpfung. Wir sahen, wie diese neumodischen Geräte das Schädlingsbekämpfungsmittel über den Buchenwäldern versprühten. Und diese Methode war so erfolgreich, dass man schon bald einmal nur noch vereinzelt Maikäfer sah.

Eine andere, wenn auch weniger sinnvolle Tätigkeit übten wir noch aus. Wir sammelten Weinbergschnecken, welche wir vorab in den Brennnesseln im Riete zu Haufen fanden.

Wir verkauften sie dann einem Händler. Dies passierte jeweils auch auf dem Schulhaus-platz, wurde aber vernünftigerweise bald einmal verboten. Von nun an wurden sie aus Frankreich importiert. Die Feinschmecker in den besseren Häusern mochten nicht auf die­se Leckerei verzichten.

Thomas Lämpel

 

Und wieder trug der Kastanienbaum die frischen Knospen der neuen Blätter. Wieder die zum Neubeginn in einer neuen Schulklasse. Ich kam jetzt in die 5. Klasse und hatte einen neuen Lehrer. Hans Keller.

Im Januar besuchten wir wie jedes Jahr die Kindervorstellung der Theatergesellschaft Russikon. Ein Mann dominierte die Vorführung in großartiger Weise. Thomas Lämpel war dieser Akteur.

Und jetzt stand ich vor ihm. Thomas Lämpel, in Wirklichkeit mein neuer Lehrer Hans Keller. Ein Hüne von einem Mann, verheiratet mit der fast kleinsten Frau des Dorfes. Sie war eine gute Gesangskollegin meiner Mutter und hieß Anneliese Fridöri mit ledigem Namen. Die beiden wohnten in einem der Lehrerhäuser am Rebenweg, hatten aber, so glaube ich wenigstens keine Kinder.

Diesem, meinem neuen Lehrer oblag die wichtige Aufgabe in diesen zwei Jahren heraus zu finden, wie sich unserer weitere schulische Zukunft weiter fortsetzen sollte.

Vor allem in der sechsten Klasse wurden wir überhäuft mit Prüfungsaufgaben. Algebra und weitere Fächer sind nun dazu gekommen. Hansruedi Künzle und Renato Scala gehörten in rechnerischen Belangen weiterhin zu meinen Konkurrenten. Dieser gesunde Wettbe­werb hat uns alle weiter gebracht, und so konnte ich meinen eher durchschnittlichen Leistungen in der deutschen Sprache wieder schnell einmal kompensieren. Es machte sich halt wirklich negativ bemerkbar, dass wir wenig lesen konnten.

Etwas sehr positives ist in diesen beiden Jahren entstanden. Wir unterstützten uns gegen­seitig wo wir nur konnten. Das dies vor allem zu Hause geschah muss hier speziell er­wähnt sein, denn eines war sicher: Spicken in der Klasse war bei einem hünenhaften Leh­rer wie es Hans Keller war, ein fast unmögliches Vorgehen. Um so mehr tauschten wir un­sere gegenseitigen Stärken in den Pausen aus. Eine wirklich positive Entwicklung. So hat­te ich zum ersten Mal auch einen häufigen Kontakt mit Ursula Winkler.

Ihr Vater Karl Senior unterstützte diese Beziehung wo er nur konnte. Wir durften jeweils in seinem Büro unsere schulischen Fähigkeiten trainieren. Und Ursula war zwar überaus in­telligent, aber sie kokettierte halt lieber mit Gleichaltrigen herum. Ganz hat ihr Vater mei­nen Fähigkeiten nicht getraut, vielleicht aber war er ganz einfach nicht sicher, ob seine Zweit geborene irgend wann ihre Träumereien ablegen konnte. Jedenfalls wurde sie noch in ein Weiterbildungsseminar gesteckt. Zu wichtig war für ihn die Weichenstellung in die­ser, der sechsten Klasse.

Herr Winkler war zwar Bauer, für mich ist er aber immer ein Schöngeist geblieben. Er war jener Zeit um Jahre voraus, konnte stets klar argumentieren und überzeugen. Nicht um­sonst war er deswegen auch Präsident der Oberstufe. Gut vorstellbar, dass seine berufli­chen Träume in seiner Jugendzeit völlig anders gelagert waren. In erster Linie galt es aber den Bauernhof weiter zu führen. So war das eben damals. Es muss ihn dann sicher mäch­tig gefreut haben als seine älteste Tochter später einen jungen Bauern kennen gelernt hat und mit ihm eine echt gute Ehe eingegangen ist.

Ein exzellenter Pädagoge war er außerdem. Ich sage dies nicht nur weil er uns mit seinem neu erworbenen schwarzen Austin auf der großzügigen Hofanlage unbeschränkt herum fahren ließ. Wir durften das Auto sogar selbst aus der Garage holen. Einzige Bedingung blieb, dass wir nicht auf die Straße fuhren.

Und auf diese Art und Weise machten wir unsere ersten Erfahrungen mit einem Auto. Karli hat uns die ersten Stunden verabreicht und schon bald beherrschte wir den bequem 4-Gänger., welcher noch mit mechanischen Zeigern ausgerüstet war. Eine Bemerkung steht allerdings noch an. In diesem Alter beherrschte eigentlich jeder Bube welcher bei den Landwirten aushalf das Traktorfahrern aus dem FF. Seinen Zetor Diesel, ein tschechisches Produkt beherrschten wir in großartiger Weise. Von diesen großartigen Traktoren gab es übrigens ein paar in Russikon. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es in der Nähe einen örtlichen Vertreter gab, wissen tue ich das allerdings nicht. Und weil wir beim Grasen und Heuen nach dem Vorfahren uns sofort wieder aus dem Sattel schwangen um beim aufla­den oder nach rechen zu helfen, war dies vielleicht der Lohn für unseren stetigen Einsatz.

Ganz generell kann gesagt werden, dass die Motorisierung rapid schnell angestiegen ist. Zetor Diesel war schon bald einmal der Übernamen von Ruedi aus dem Unterdorf. Auf sei­nem Schulweg bewegte er stets seine angewinkelten Arme auf und ab, und gab die Motor­geräusche des Traktors zum besten. Es gab also nicht nur Hürlimann, Bührer, und Vevey-Traktoren auch ausländische Fahrzeuge waren auf dem Markt. Einen ebenso bekannten Traktor ist in meiner Jugenderinnerung geblieben. Es war die 3-rädrige Zug -maschine der Lokomotive und Maschinenfabrik Winterthur. Bei diesem Gerät konnten die Hinterräder separat gebremst werden, was dem Gefährt die Eigenschaft gab, dass es fast an Ort und Stelle wenden konnte. Aus heutiger Sicht würde man sagen: Ein klarer Mehrwert in der Landwirtschaft.

Schon bald einmal hatte jeder Bauer einen Rapidmäher. Dieser geniale Einachser hat schon bald vieles vereinfacht im strengen Alltag der Bauern.

Entschuldigen sie meine technischen Schilderungen an dieser Stelle. Aber wir Buben be­geisterten uns zunehmend für die Motorisierung. Am Sonntag saßen wir dann oft auf der gewaltigen Mauer unter dem Kastanienbaum und notierten die Kantonszeichen und Mar­ken der Autos. In dieser Tätigkeit hat sich auch meine Schwester gerne geübt.

Jedenfalls waren ab dem 5. Schuljahr unsere Einsätze in der Landwirtschaft stetig ange­stiegen. Vorab bei den Winkler’s wurde geholfen und auf diese Weise die steigenden Kräf­te abreagiert. Ursula das kleine neckische Weib hatte dabei immer ihren Knecht den Angelo geneckt. Sie konnte einfach nicht davon lassen.

Es kam das Frühlingsexamen und wir fieberten den Resultaten buchstäblich entgegen. Wieder einmal war ich privilegiert. Durch den nähen Kontakt zu den Winkler’s hatte ich die Resultate der Prüfungen bereits im Büro des Oberstufenpräsidenten erfahren. Auch Ursula gehörte zu den Auserwählten für die Sekundarschule. Die ganze Familie Winkler und ich freuten uns gewaltig, den nur etwa 40 Prozent schafften diesen wichtigen Übertritt.

Die Bäckerei Corrodi

 

Auf der gegenüberliegenden Seite unseres Hauses beschäftigte man sich nicht nur mit dem Getränkeausschank. Der Besitzer betrieb auch eine Bäckerei/Konditorei. Die Landwirtschaft besorgte Angelo, ein Süditaliener. Der Besitzer August Corrodi war nicht mehr der Jüngste und betreute vorwiegend noch das Restaurant, soll heißen er überwachte es. Er hatte auch die Oberaufsicht über den Verkaufsladen, wo seine Tante Frieda ihres Amtes waltete. Schließlich musste stets sicher gestellt werden, dass das gestrige, sprich das auf gebackene Brot als erstes an die Kundschaft ging. Da viele Leute diese Taktik kann­ten, verwiesen sie speziell darauf hin. „Aber keines von gestern.“ Der Preis nämlich war der gleiche.

Uns Kindern aber fehlte dieses Selbstvertrauen. Zu oft hörten wir zu Hause den alten aber wahren Spruch :“Altes Brot ist nicht hart, kein Brot ist hart“. Und so ließen wir die Frieda Weber ihre Arbeit machen. Später griffen wir dann einmal selbst ins Geschehen ein. Das Brot wurde in jenen Tagen in Seidenpapier eingewickelt. Dieses Papier wurde unter dem Korpus gelagert. Ein Brot ein Papier war die Maxime. Und dass es bei einem Bogen blieb, hat die Frieda jeweils ihre Finger abgeleckt. Es wurde bei ihr allerdings so zur Routine, dass sie dieses Vorgehen auch bei den 10er und 20er Stückli fabrizierte. Sie war übrigens die Schwester von Alfred Weber Senior. Sie erinnern sich, dem Seniorwirt in der Krone, und außerdem unsere direkte Nachbarin. Geld sollte eingenommen werden um möglichst wenig zu verschwenden. Diese älter Dame hatte dieses Verhalten nicht gestohlen, man konnte, wollte oder durfte auch nicht heiraten, wenn dies nicht direkt zur Wohlstandsvermehrung beigetragen hat. Auf diese Weise fristeten viele Frauen aus gutem Hause ei­gentlich ein karges Dasein. Nicht verbrauchtes Einkommen fiel auf diese Weise immer wieder ins Familienvermögen zurück. Meine Mutter schilderte mir oft, dass eine mir gut be­kannte Gesangskollegin von ihr, aus reichem Hause, im Winter jeweils mit den Hausschu­hen durch den Schnee stapfen musste, sie hatte keine Straßenschuhe. Meine arme Mutter aber hatte immer welche, meistens sogar zwei Paare.

Wenn wundert es so, dass der Volksmund bald schon einmal Sprüche wie diesen in die Welt setzte: „Bettler zu Bettler und Geld zu Geld“. Wenn dann wenigstens alle glücklich damit geworden wären.

Frieda wohnte in einem bescheidenen Haus ennet der Madetswilerstrasse. Es mag früher ein Bauernhaus gewesen sein, da auf der Seite auch einen Wagenschopf angebaut war. Im Vorschulalter vergnügten wir uns des öfteren in diesem Schopf, fasziniert von der Wa­genschmiere an den altertümlichen Karren. Und ein Tor hat es bei solchen Geräte- unter­ständen nie gegeben.

Jetzt aber nahm ein neuer, junger Mann das Zepter in der Bäckerei Corrodi in die Hände. Und auch dieser Mann stammte aus Unterägeri, weswegen er auch nicht anders heißen konnte als Iten. Alfred Iten hieß der Gute. Schon bald einmal tummelte sich die Dorfjugend an den drei Oberlichtern der Backstube, denn der Freddy, wie er genannt werden wollte, war ein äußerst sympathischer Zeitgenosse. Gut verständlich, dass sich auch schon bald reifere Mädchen unter den Besuchern aufhielten. Der Freddy konnte gut mit Frauen umge­hen, das wurde mir schon in meinem jugendlichen Alter bewusst. Was er jeweils in der Zimmerstunde und am Abend trieb, verriet allerdings nur sein Schmunzeln am anderen Tage.

Schon bald einmal kam unser erster Einsatz in der Backstube zu Stande. Der August Corrodi hat dies wortlos wie er immer war akzeptiert. Wer aber Bäcker/Konditor sein woll­te, musste erst einmal unten durch.

Anfangs reinigten wir die Backbleche und fetteten sie wieder ein. Dann wurde die Reini­gung der Korpusse und vor allem das Wischen und anschließende Aufnehmen des Bo­dens geübt. Der Freddy wollte immer alles blitzblank haben, weswegen er es auch nie für nötig hielt, dass sich sein Patron der „Gusti“ ins Tagesgeschäft einmischte. In jener Zeit wurde noch gehebelt, dass heißt am späteren Nachmittag wurden eigentliche Vorteige fa­briziert. Arbeitsbeginn war bereits um 3 Uhr in der Nacht, weswegen ein Bäcker/Konditor je nach Arbeitsanfall am Nachmittag 2 bis 3 Stunden Zimmerruhe hatte. Die Zeit verging und wir stiegen langsam aber stetig auf in der Berufshierarchie. Stunden wurden so beim Freddy verbracht. Die Betreuung der schon damals existierenden Maschinen durften wir zwar mal ausprobieren. Betreut hat er sie dann aber doch selber wegen dem Unfallrisiko. Das war sehr vornehm von ihm. Vor allem die große Brotteigmaschine hätte unsere Arme wohl arg in Mitleidenschaft gezogen, wären sie in die gewaltigen Greifarme geraten. Auch das Brot in den Ofen einschießen und es auch wieder aus dem Ofen nehmen war und blieb seine Aufgabe. Wir begnügten uns damit durch die Fenster der Ofentüren den Werdegang des Brotes zu beobachten.

Aber Freddy wollte mehr. Wir sollten nicht nur die Hilfsarbeiten für ihn machen. Schon bald einmal durften wir die Herstellung der Pastetlis selbst erledigen. Pastetlis werden bekannt­lich aus Blätterteig hergestellt und das geht so. Der Teig welchen er, wie berichtet selbst ausgewalzt hat in der Maschine kam auf unsere die linke Seite des Korpusses. Diese Ma­schine hat im gleichen Arbeitsgang runde Plätzchen ausgestanzt, jedes zweite mit einem zusätzliche Loch in der Mitte. Unsere Aufgabe war also: Ganze Teig -plätzchen aus dem ausgewalzten Teig zu lösen, sie im richtigen Abstand aufs eingefettete Blech zu setzen und mit Eigelb zu bestreichen. Darauf kam dann der ausgestochen Ring, dieser anschlie­ßend auch noch mit Eigelb bestrichen und ab ging es in den Ofen. Voilà, fertig waren un­sere ersten Kunststücke.

Schon bald ging es an die Herstellung von 10er Stückli. Angefangen hat alles mit dem Ba­nalsten den „Vogelnestlis“. Viele weitere Arten folgten. Etwas hat uns aber dann doch an unsere Grenzen gebracht. Wir schafften es nicht Schokoladen S , und Meringues schalen aus geschlagenem Eiweiß zu spritzen mit dem Dressursack. Zu genau mussten diese Arbeiten ausgeführt werden. Eines musste wie das andere aussehen.

Es half alles nichts. Es blieb das Ausweichen auf die Patisserie. Und Diplomaten wurden in eine Form gespritzt und anschließend mit einem kleinen Rahmtupfer versehen. Auch Cremecornets welche wir damals noch selbst fabriziert haben, will heißen der Blätterteig wurde um ein Blechcornet gewickelt und dann gebacken. Das Füllen in einem Mehrfach­ständer war dann nicht mehr die große Kunst.

Reini und ich waren die Hauptakteure in der Backstube. Daneben gab es noch ein weite­res Talent welchen ich aber nur an diesem Ort getroffen habe. Er wohnte in der Gänten­wies und hieß Rolf. Als Kleinkind konnte er seinen Namen nicht auszusprechen. Fragte man ihn hörte man immer dasselbe. „ i bi de Lafli“ Und dieser um 2-3 Jahre jüngere Freund hat eines Tages eine traurige Entdeckung gemacht. Die Verkaufsauslage bei Frieda sei bedenkenlos leer, ob wir nicht für Nachschub sorgen wollten. Unverzüglich machten wir uns ans Werk, wir schlichen in die Backstube, produzierte zwei Bleche Stückli und ab mir ihnen in den Pass.

Ich bringe es nicht auf die Linie. Das Gerät, ein Pass muss kurz beschrieben werden. Ein Pass war eine Art Liftverbindung, dank Gegengewicht benötigte er keinerlei Energie, wur­de also per Hand befördert. Und auf diese Weise fand die Ware den Weg in den Verkaufs­raum, wo er von Frieda dankbar entgegen genommen wurde. Über diese Aktion ist nie ein Wort verloren worden, zu mangelhaft war die Kommunikation unter den beiden älteren Leuten, der Frieda und dem Gusti. Nicht einmal Freddy hat von unserer Untat etwas erfah­ren. Dann war ja alles paletti.

Wieder einmal bin ich ausschweifend geworden, aber auch diese Phase meines Lebens blieb unvergessen. Sie verzeihen mir.

Den Freddy habe ich nie mehr getroffen, meine Recherchen geben allerdings einen Hin­weis, dass er der Seniorchef einer bekannten Bäckerei/Konditorei in Kronau ZH sein könn­te. Zu zumuten ist es ihm.

Die Sekundarschule

Mit dem Eintritt in die Sekundarschule gab es viele Veränderungen. Viele ehemalige Mit­schüler waren nicht mehr unter uns. Neue aus Weisslingen und Fehraltorf sind dazu ge­kommen. Sie belegten allerdings die 3. Klasse, waren also 2 Jahre älter als wir. Es war in vielen Teilen ein eigentlicher Neuanfang. Und wieder hatten wir zwei neue Lehrer. Zwei Lehrer, drei Klassen. Naturgemäß führt dies bei gewissen Unterrichtstunden zu eigentlichen Mischklassen.

Walter Linsi war der einte Lehrer. Er unterrichtete Französisch, Geschichte, Singen und Geographie und unterrichtete uns Knaben im Turnsport. Weil dieser Lehrer aber sehr stark übergewichtig war, beschränkten wir uns schon bald einmal auf Bodenfußball. Fußballspielen war für uns natürlich auch spannender, als an irgendwelchen Geräten herum zu turnen. So wehrten wir uns keineswegs gegen diese Eigenart. Es war immer das gleiche Ritual. Aufstellen in 1er-Kolonne, 1-2 durchnummerieren, dann standen die gegnerischen Mannschaften fest. Das Spiel konnte beginnen. Und weil ich das Treten auf den Ball, nicht zu meinen Stärken zählen darf, wurde ich stets als Torwart eingesetzt. Diesen Part habe ich dann ziemlich erfolgreich ausgeführt.

Walter Linsi hatte eine ungeheuerliche Karriere hinter sich. Aufgewachsen ist er als Verdingbueb bei einem Bauern im Grenzgebiet zum Welschland. Er beherrschte die französische Sprache auf eindrückliche Weise, war uns demzufolge auch ein guter Französisch -lehrer. Als adoptierter Bauernsohn widmete er sich fast ausschließlich mit der Schweizer Geschichte. Auch wenn er darüber einiges zu berichten wusste, stets ist er auf den seiner Meinung nach wichtigsten Zeitgenossen gekommen: Friedrich Traugott Wahlen, den

Agraringenieur, den Vater der Anbauschlacht in der Landwirtschaft zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dieser Mann ist für ihn der Schweizer schlechthin gewesen. Er konnte sich in seinen Ausführungen in eine Leidenschaft hineinsteigern. Man konnte nicht anders, man wurde buchstäblich mitgerissen. Ich glaube, dass wir alle zum Ende der zweiten Klasse die kleinsten Einzelheiten über diesen grossen Schweizer gekannt haben.

Die große Pause hat Walter Linsi stets im Restaurant Krone verbracht , wohin er jeweils mit seinem Moped hinauf getuckert ist. Auch wurde er gerne gesehen als Jasspartner in den Dorfrestaurants. Seine bäurischen Wurzeln und seine schulischen Qualifikationen haben ihm seine „Ausschweifungen“ erlaubt. Dies war im frühen Arbeiter- und Bauerndorf Russikon eben noch möglich. Heute sicher ein klares Ding der Unmöglichkeit.

Eines darf aber keinesfalls unterschlagen werden. Walter Linsi spielte hervorragend Vio­line und war zweifellos ein sehr musischer Mensch. Schade eigentlich, dass es eben sehr schwer ist 14 – 15jährige Kinder in die klassische Musik ein zu führen. Dies vor allem in einer Zeit, da die neuen Idole der Jugend sich langsam bemerkbar machten. Elvis, Peter Kraus und bald auch einmal die Beatles traten in unsere musikalische Welt. Sein Ziel hat er trotzdem nicht aus den Augen verloren.

„Die Moldau“ von Friedrich Smetana sei das Werk, welches uns Jugendlichen auf den weiteren Lebensweg begleiten sollte. Ein gigantisches Unternehmen, dass er trotzt allen Widerständen, sprich Desinteresse unserseits, durchzusetzen versuchte. Stundenlang stand er mit geschlossenen Augen vor uns und gab „Die Moldau“ zum besten.

Hat er dann bemerkt, dass unsere Anteilnahme auf einen Tiefpunkt zu entgleiten drohte, konnte er ziemlich rabiat werden. In unserem Innersten ist trotzdem vieles hängen geblieben, die Zeit war damals einfach noch nicht reif dazu.

Der zweite Lehrer war aus anderem Holz geschnitzt. Jünger, sportlich und selbstbewusst. Die mathematischen Fächer waren für ihn sonnenklar. Er hätte genau so gut die Laufbahn eines Mathematikers einschlagen können. Er war immer ein bisschen ironisch, was natürlich vorweg der heranwachsenden Damenwelt gut gefallen hat. Für ihn schien es gar keine Probleme zu geben in der hohen Schule der mathematischen Fächer. Der richtige Mann am richtigen Platz würde man heute sagen.

Hansruedi, Renato und auch ich haben in unserem „Stammgebiet“ enorm von ihm profi­tiert. Der Rest der Klasse natürlich auch. Er hat alle mitgerissen im neuen Lehrstoff. Er un­terrichtete die Mädchen mit großem Vergnügen im Turnen. Auch bei ihm waren das aber auch nicht Übungen an den Geräten. Die Mädchen sollten aufs Leben vorbereitet werden. Lernen sich mit wehenden, farbigen Bändern sich grazil zu bewegen und die ersten tänze­rischen Erfahrungen wurden von ihm vermittelt. Es sei erwähnt, dass wir Burschen began­nen uns an der swingenden Weiblichkeit zu interessieren. Oft sind wir staunend auf dem Pausenplatz gestanden, wenn die Fosca Bassan und die Erika Schmid beim Völkerball das Geschoss (den Ball) mit Hilfe ihrer schon damals gewaltigen Brüsten empfangen ha­ben. Wir waren halt schon bald einmal 15 Jahre alt. Das andere Geschlecht begann uns zu interessieren und die Mädchen waren teilweise schon arg schön entwickelt. Langsam hat man den klaren Unterschied auch gespürt, zwischen Männlein und Weiblein. Immerhin schon ein mal das.

In diesen Tagen lernte ich auch den Begriff: „den Moralischen haben“ kennen. Die Erika Schmid saß schluchzend in der WC-Anlage und war von ihren Kameradinnen nicht zu be­ruhigen. Der Lehrer wurde zu Hilfe geholt und wusste auch sofort Rat. Dieses Gespräch ist dann aber nicht an die „Öffentlichkeit“ gezehrt worden. Immerhin ist durch gesichert, dass Erika an ihrem Anderssein, will heißen an ihren überproportionalen Brüsten geleidet hat. Eine völlig neu Erfahrung in meinem jungen Leben. Des einen Freud, des andern Leid. Ich habe begriffen …..

Sekundarschulzeit heißt aber auch die beruflichen Weichen stellen. Noch nicht mal jetzt habe ich begriffen, welch schlechte Entscheidung es war, den Kontakt mit der Kapelle, der methodistischen Kirche abgebrochen zu haben. Renato Scala wurde, weil dort konfirmiert, noch ins Gymnasium geschickt, dies habe ich dann später erfahren.

Eine Berufsberatung gab es zwar schon in Pfäffikon, meine Tante Erika war aber der An­sicht, ich würde von ihrem Bekannten besser betreut. Also, wieder einmal nach Zürich ge­fahren. Meine Tante hat mich an die Schaffhauserstrasse begleitet.

Aber auch selbst bin ich tätig geworden. Ich war in den letzten Jahren ab und zu an einem Wochenende bei einer befreundeten Familie meiner Mutter zu Besuch. Ich muss bei die­sen Leuten im Kleinkinderalter betreut worden sein. Das einzig das in meinem Kopf davon geblieben ist, war der Umstand, dass der Mann jeweils beim heimkehren von der Arbeit mit seinem schweren Motorrad entlang des Hauses den steilen Weg hinauf ins Schöpfli gefahren ist. Inzwischen war die Tochter verheiratet mit einem Deutschen. Man hat mich stets wie eine alten Vertrauten begrüßt, obwohl mein geistiger Faden gerissen war.

Dieser Deutsche war Mechaniker. Er war vollends überzeugt ich sei der geborene Mann, um in die gleichen Fußstapfen zu treten. Schon schnell einmal war eine Schnupperlehre in der Garage Schwendi in Bauma gefunden. Russikon – Bauma das waren exakt 12 km für einen Weg. Kein Problem für einen trainierten Velofahrer wie ich es war.

Also habe ich mich am Morgen mit zwei weiteren Schnupperlehrlingen dort eingefunden. Wir wurden so richtig auf die Probe gestellt. Keiner der beiden Kollegen hatte die Sekun­darschule besucht … und trotzdem. Wir fassten eine Arbeit von höchster Präzision. Wir sollten mit einer Feile, jeder für sich einen runden Metallstab von 10 cm Durchmesser komplett und möglichst genau in eine komplett rechtwinklige Fläche bearbeiten. Dabei hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Mein Massivstahlrohr wurde immer kürzer, ohne das ich dem gewünschten Resultat nur eine Spur näher gekommen wäre. Ich verfehlte bis am Abend das angestrebte Ziel am deutlichsten. Wieder eine Lebenserfahrung gemacht….. Ein guter Schüler braucht noch lange kein guter Handwerker zu sein. Es kam zu einer ab­schließenden Beurteilung. Dieser bekannte Garagist erklärte mir unumwunden und ehr­lich. Das hast sicher gute Begabungen, als Mechaniker wirst du dein Glück nicht finden. Wie recht er hatte.

Inzwischen war die Auswertung des Berufsberaters eingetroffen. Ich kann es heute noch nicht fassen, dass mit ein paar „Spielereien“ mit verschiedenen Figuren ein Mensch und seine Fähigkeiten beurteilt werden können. Und trotzdem, dieser Psychologe hat mir den Weg exakt aufgezeigt. Dabei hat er sich in keiner Art auf einen bestimmten Beruf fixiert, er gab nur die gewünschte Richtung vor. Ich sollte einen Beruf ergreifen mit möglichst vielen Menschenkontakten.

Es kam dann zu einem persönlichen Kontakt mit meinem Beistand. Schnell einmal begriff ich, dass es zwei Interessen gab. Das erste war, das angestrebte Gutachteten zu erfüllen, das zweite und eigentlich wichtigste Ziel war, dies mit möglichst kleinem Aufwand zu errei­chen. Ich sollte so rasch wie möglich von der Belastung zur Stütze der Familie werden. Anfangs träumte ich noch von einer Lehre als Koch. Dies hat sich dann aber mangels An­geboten in der Region ziemlich schnell zerschlagen. Dies habe ich aber nie bereut, kann doch jeder Mann in seinem späteren Leben zum Hobbykoch mutieren, sofern er die nötige Freude dazu entwickelt. Und dies ist dann auch eingetreten.

Mein Weg war vorgezeichnet. Ich sollte die Sekundarschule nach der zweiten Klasse ver­lassen, denn eine höhere Schule wurde aus Kostengründen ausgeschlossen. So war das damals in der Schweiz. Ohne private oder kirchliche Sponsoren gab es da kein Durchkom­men. Ende der Durchsage. Und ich habe stets von einer mathematischen Laufbahn ge­träumt.

Es folgte ein zweiter Kontakt mit dem Beistand. Bis zum angestrebten Beginn einer Ver­kaufslehre sollte ich die französische Sprache vertiefen. Hier aber hat die reformierte Lan­deskirche massiv und höchst fragwürdig mit gemischt. Jeder dritte Junge und auch viele Mädchen wurden erst einmal ins Welschland geschickt. Und darüber könnte ein eigenes Buch geschrieben werden.

5. Kapitel

Das Welschland

 

Mein Grossvater trug nie Halbschuhe. Ging es in die Kirche oder wie an diesem Tage als Begleiter ins Welschland trug er wie immer auf Hochglanz geglänzte hohe Schuhe. Ich merkte schnell, wie er sich auf diese Reise gefreut hatte. Ausser in Militärzeiten ist er nie gross aus der Gemeinde gekommen.

Wir fuhren mit dem Postauto nach Fehraltorf, ausgerüstet mit einem kleinen abgewetzten Koffer. Wir genossen die Reise alle beide. Ununterbrochen erzählte er aus seinem Leben, und weil wir am Reisen waren, nahm die Aktivzeit und die sonstigen Militäreinsätze einen grossen Platz ein. Für ihn und die meisten Dienstkollegen hieß Militärdienst in erster Linie Abwechslung vom tristen Alltag. In dieser Zeit konnte er seine Sehnsüchte ausleben, war er doch ein begeisterter Berggänger und ein höchst talentierte Strahler. Bergkristalle wa­ren seine Welt. Seine grossen Sammlungen zu Hause haben dies allzeit dokumentiert.

Es mag in der heutigen Zeit eigenartig klingen, der Militärdienst hat vielen Zeitgenossen dies alles erst ermöglicht. Seine Begeisterung für diese Zeit war gründlich heraus zu hö­ren. Seine Augen glitzerten buchstäblich vor Freude. Was hatte ich nur für einen tollen Großvater. Im Zug wurde er zum Abenteurer.

Schon bald einmal wurde der HB Zürich erreicht. Diese eigenartige Welt war schon einmal faszinierend. Menschen scharen wie Ameisen so emsig, bevölkerten diesen grossen Bahnhof. Ich habe ihn bis dahin noch nie gesehen. Wir waren jetzt so richtig eingestimmt auf die lange Reise. Ich hatte 40 Franken im Portemonnaie, meine Großvater vermutlich eher weniger, nachdem er die Billetts bezahlt hatte.

Zum ersten Male durchquerte ich also die Schweiz. Es war Frühling, der Kastanienbaum zwar verlassen, aber saftige Wiesen und treibende Bäume begleiteten und durch das Mit­telland, Bern wurde erreicht, aber wir konnten sitzen bleiben. Wir machten eine echt große Reise. Das Friburgerland wurde durchquert, und dann tauchte er auf, fast aus dem Nichts. Der Lac Léman. Wir sind in die echte französischen Schweiz eingefahren. Dann diese Re­ben…. Reben, Reben und nochmals Reben, und tief unten glitzerte der See. Ein großes Glücksgefühl hat uns übermannt. Auch mein Großvater hat dies noch nie gesehen.

Nur zu schnell trafen wir in Lausanne ein. Hier mussten wir ein erstes mal umsteigen, der Schnellzug hielt damals nicht in Morges, unserem nächsten Ziel. Es gab eine Pause, die wir für eine kleine Verpflegung nutzten. Ich offerierte meinem Großvater die Konsumation. Wer hat der hat. Nach all seinen Schilderungen, die ich höchst interessiert aufgenommen habe, wollte ich ihm aber noch zwingend eine Freude bereiten. Am Kiosk den wir zusam­men aufsuchten, habe ich ihm ein Schweizer Soldatenmesser gekauft. Ich hatte ja Kost und Logis also brauchte ich auch kein Geld. Dies meine damalige Überlegung. Mein Groß­vater hat sich sehr gefreut, ich mich auch.

Nun ging die Fahrt erst einmal nicht mehr lange, bald wurde Morges erreicht. Nun hieß es umsteigen in eine Privatbahn. Mit der BAM, der Biere-Apples-Morges Bahn ging es lang­sam aber stetig dem Jura entgegen. Ich glaube man hat die Schienen auf dieser Strecke nicht wirklich gebogen, man hat sie an ein paar Stellen gewärmt und geknickt. Wir wurden jedenfalls hin und her geschleudert in jeder Kurve. An der Haltestelle Montricher angekom­men stellten wir fest, dass wir noch etwa 2 Kilometer von unserem Ziel, der Pension de la Fôret entfernt waren. Hier verzweigt die Bahn nämlich. Ein Ast führt nach L`Isle, der ande­re nach Bière. Also stapften wir ins Dorf hinauf, wo mein Großvater die Glanzidee hatte erst einmal einzukehren. Es gab damals noch zwei kleine Bistros und ein Speiserestau­rant. Kurz entschlossen betraten wir ein typisch wadtländisches Bistro.

Mein Großvater war da sofort zu Hause und konnte sich schnell einmal mit seinem zwar angegrauten Französisch mit den Einheimischen unterhalten. Sie alle waren im Apéro. Mein Großvater fühlte sich sofort zu Hause und bestellte für mich ein Rivella und für sich einen Ballon Weißwein (1dl). Besonders ein Mann hat sich besonders hervorgetan. Es war Le vieux Gendarme, der pensioniert Polizist. Man freute sich über einen gleichaltrigen Deutschschweizer und hat sich offensichtlich gut unterhalten. Das Französisch meines Großvaters wurde immer flüssiger. Er muss die Sprache mal gut beherrscht haben. Le vieux Gendarme offerierte uns jedem noch ein Getränk und schon bald sollte ich seine Be­kanntschaft machen. Nun wurde es Zeit endlich an den Ort des Begehrens zu kommen.

Nachdem man uns den Weg erklärt hat, passierten wir die Kirche um alsbald auf einer Hochebene an zu gelangen. Von weitem sah man sie am Waldrand, meine zukünftige Hei­mat, die Pension de la Fôret.

Wir wurden herzlich begrüßt, wobei sich Madame Reymond der Sprache wegen mehr mit meinem Großvater unterhalten hat. Es wurde zuerst noch zu Mittag gegessen, dann kam das eigentliche Anstellungsgespräch. Ich wusste bereits, dass es sich hier um eine vege­tarische Pension handelte. Man beeilte sich aber meinem Großvater zu versichern, dass man für mich Fleisch machen würde. Meine Skepsis behielt ich für mich. Ein einziges Mal hat man zwar am Migrosverkaufswagen eine Packung Wienerli gekauft. Das war dann das Ende der Gefühle. Ich hatte mich nicht getäuscht, die fleischlose Zeit konnte weiter gehen. Nun wusste man auch, dass mein Großvater Bäcker/Konditor gelernt hat, also würde auch ich die Süßigkeiten für die Gäste und das Personal herstellen. Mein Großvater hat sich verabschiedet, es konnte los gehen.

Die erste Enttäuschung folgte umgehend. Mein Bett war nicht etwa im Hause, ich wurde im Gartenhaus einquartiert und sollte mich alsbald für den Abwasch in der Küche melden. Dieses Gartenhaus war der eigentliche Geräteschuppen. Fantastische Aussichten….

Nun meldete ich mich in der Küche. Ich wurde den beiden anderen Akteuren vorgestellt. Da war eine Frau aus dem Dorfe und Michel der Küchenchef. Dieser Michel sei Franzose, sein Vater betreibe eine Metzgerei in Frankreich. Vor Jahren kam er als todkranker Mann in Montricher an, wie er mir sofort zu versichern versuchte. Die Pension de la Fôret habe ihm das Leben gerettet. Er strotzte nur so vor Gesundheit. Also soll auch niemand mehr behaupten vegetarisch leben sei nicht gesund. Michel wurde schon bald einmal mein ein­ziger Freund im Hause.

Ich wurde ja nie mit Faulenzen nie verwöhnt zu Hause. Im Welschland hatten alle Jugend­lichen, welche von der reformierten Landeskirche vermittelt wurden, einen Lohn von 70 Franken im Monat. Das war schon mal klar und auch so vereinbart. Dass man aber für diesen Lohn dann 78 Std./Woche, sie haben richtig gelesen, arbeiten musste wurde nir­gends auch nur mit einem Wort erwähnt.

Mein Arbeitstag begann um 6Uhr und endete um 19.30Uhr. Von Montag bis Samstag, un­terbrochen von einer 2 ½ stündigen Mittagsruhe. Am Sonntag wurde die Mittagspause auf 3 ½ Stunden ausgeweitet. Man mag mir verzeihen, wenn ich heute schon die Augenbrau­en hebe, wenn mir das Fernsehen, oder andere Philosophen und Schriftgelehrte weise machen wollen, wie himmeltraurig doch die Kinderarbeit in Entwicklungsländer sei.

Mein Alltag sah dann so aus. Um 6 Uhr Tische für die Gäste decken, Milch, Kaffee und Tee für die Gäste vorbereiten, Brot aufschneiden, Butter und Konfitüren portionieren, und alles auf Teller und Schälchen anrichten und servieren. Das ganze wieder abräumen und abwaschen, dazwischen schnell mein Frühstück eingenommen. Am Morgen war ich näm­lich der einzige Angestellte in der Küche. Michel und die Frau aus dem Dorfe begannen ihre Arbeit jeweils zwischen 8.30 und 9 Uhr.

Ich aber hatte mich um 8 Uhr mit den Gartenarbeiten zu betätigen. Le vieux Gendarme sollte mich in der ersten Woche dabei unterstützen. Das Wort Garten ist eigentlich völlig falsch, es war ein eigentliches Feld. Also auf in den Kampf, der pensionierte Polizist, mein Bekannter aus dem Bistro war schon anwesend. Erst ging es ans einteilen der riesigen Fläche, wobei ich mich schon einmal auf seine Erfahrung aus früheren Jahren stützen konnte. Er war ein alter Fuchs und hat in seinem Hause alles selbst gezogen was möglich war. Er brachte mir nach seinem Gutdünken während der ganzen Vegetationszeit die Jungpflanzen vorbei. Mit seiner Unterstützung wurden sämtliche Salate, Gemüse und auch alle Kräuter selbst angebaut. Wir waren eigentliche Selbstversorger. Milchprodukte und all das was nicht im Garten wächst, wurde vom Molkereiladen geliefert. Um 11.15 Uhr hatte ich mich wieder in der Küche zu melden. Für den eigentlichen Finish, das Anrichten und den Service. Es gab einen fliegenden Wechsel von der Gärtnerkluft in die Koch uni­form, schnell die Hände und Arme gewaschen und weiter ging es. Für zwei Stunden am Nachmittag wiederholte sich dieses Intermezzo noch einmal.

Man hatten von anfangs April bis fast an Weihnachten Hochsaison. Die Gäste waren ei­gentlich alle aus Frankreich, meistens ältere Damen, bis auf die eine Ausnahme von der ich später berichten will. Viele von ihnen sind mehrmals gekommen im Jahr, ein sehr großer Teil waren eigentliche Stammgäste, manche blieben auch 1 oder 2 Monate. Und ältere Damen essen bekannterweise gerne Torten. Und so durfte ich schon in der ersten Woche meinem Hobby frönen. Anfangs noch begleitet von Michel, schon bald aber in Ei­genregie. Und weil die Torten bei der Damenwelt stets auf sehr großes Wohlgefallen stieß, wurde diese Prozession auch bald auf zwei mal die Woche ausgedehnt. Madame Reymond konnte jeweils strahlen, wenn die zufriedenen Gäste die von mir servierten Torten jeweils frenetisch beklatschten. Das diese Arbeiten dann auch noch in meiner spär­lichen Freizeit stattfanden war weniger von Interesse für die Klientel, sollte dennoch nicht unerwähnt bleiben.

Für das Einnehmen der Mahlzeiten gab es auf der Südseite der Pension eine verglaste Veranda. Nach dem Nachtessen versammelt sich fast die ganze Damenwelt zusammen mit Madame Reymond. Vegetarier haben viel zu berichten über ihr eigentliches General -thema, die Gesundheit. Diese Meetings fanden täglich statt, teilweise bis tief in die Nacht. Wen wunderst, dass man dann nicht um 6 Uhr in der Küche stehen konnte. Auch Michel hat meistens daran teilgenommen, mit der Einschränkung, dass er es manchmal vorgezo­gen hat, mit mir einen kleinen Spaziergang zu machen. Heute kann ich mir auch gut vor­stellen, dass das ganze auch einen religiösen Charakter hatte.

Michel war ganz klar Nichtraucher. Auf diesen Spaziergängen haben wir zusammen aber jeweils eine Kräuterzigarette welche mit Mais blätter umwickelt waren geraucht. Sie haben jeweils richtig geknistert und hervorragend geschmeckt. Sie hatten weder Teer noch Niko­tin, er hat sie aus Frankreich gebracht.

Eines Tages warnte mich Madame Reymond. Ein mannstolles, frühreifes Mädchen aus dem Dorfe vergnüge sich auf einer Bank unter einem grossen Nussbaum unweit von un­serer Pension. Ich solle mich hüten …. beobachtet habe ich das bunte Treiben unter dem Nussbaum dann aber doch. Ein paar Wochen später sind diese Schandtaten eingestellt worden. Man hat das 14-jährige Mädchen in ein Heim gesteckt, wie mir Michel schmun­zelnd berichtete.

Ich war halt ein Landei von 15 Jahren, und blieb es auch dann noch als mich Jacqueline aus Troyes (F) eines Abends zum Musikhören ins Musikzimmer eingeladen hat. Das bild­schöne Mädchen hat ihre alte Tante begleitet, wenn wundert es, dass sie das ewige Ge­schwätz mit den alten Damen bald einmal überdrüssig wurde. Wir lauschten der Musik. Sie kam mir verdächtig nahe. Ich erwachte nicht. Wir unternahmen lange Spaziergänge, sie erzählte von Frankreich, ich aus meiner Heimat. Bald einmal gingen wir Hand in Hand. Zwei Kinder eben die gerne zusammen waren. Mehr ist nie daraus geworden. Mensch, was war ich für ein Idiot in jenen Tagen. Sie mochte mich trotzdem. Zum Abschied haben wir uns dann umarmt, ich glaube es hat uns beiden Spaß gemacht. Obwohl sie mir ihres Adresse schon am Anfang gegeben hat, getroffen haben wir uns leider nie mehr. Auch das Mann werden, will erst einmal gelernt sein.

Oft besuchte ich am Sonntagnachmittag meine zwei früheren Schulkameraden, die eben­falls in der Nähe ein Welschlandjahr absolvierten. Beide bei Bauern. Der einte in L’isle der andere einiges weiter entfernt in La Sarraz. Beide verdienten sie ebenfalls 70 Franken, und beide mussten ebenfalls ganz schön schuften. Man hat uns Deutschschweizer Jun­gen ganz schön ausgenutzt. Beim Schreiben kommt mir wieder einmal der Erfolgsroman von Ken Follet in den Sinn. „Die Säulen der Erde“. Die Menschheit wird sich nicht so schnell verändern lassen. Geld, Macht, Religion und Sex, werden unsere Existenz weiter begleiten. Fuhr ich aber nach La Sarraz, musste ich mich ganz schön sputen, wollte ich zur rechten Zeit wieder in der Küche stehen. Und zu spät kommen, war nie meine Unart.

Das Fahrrad lieh mir jeweils Michel. Fuhr er selbst hat mich dies immer sehr amüsiert, saß er doch in einer eigenartigen Weise auf dem Fahrrad, stets mit gestrecktem Rücken.

Es gab auch Sonntage an denen ich auf den Mont Tendre gestiegen bin. Es gab ein großes Orientierungsdreieck auf dem Gipfel. Mit dem herrlichen Blick ins Vallé de Joux hinab, konnte ganz schön geträumt werden. Leider wurden auch diese Träume schnell einmal wieder von meinem Arbeitsalltag eingeholt. In den dichten Wäldern des Mont Tendre gab es Pilze in grossen Mengen. Und ein Korb davon sollten dann doch noch in die Küche gebracht werden. Ich beschränkte mich auf die Sorten Eierschwämme, Reizker und Steinpilze. Es machte sich bezahlt, dass ich meinen Großvater öfters beim Pilze sam­meln begleitet habe.

Eines Tages wollte eine dunkelhäutige Französin es mir gleichtun. Sie rüstete sich aus mit einem riesigen Plastiksack (Fehler 1) , schleppte ein paar Stunden später den schweren, vollgeladenen Sack in die Pension zurück. Der ganze Inhalt: „gelbe Geissbärte“ (Fehler 2). Diese Pilze ließen wir, nicht weil giftig, aber eben nicht besonders schmackhaft, jeweils stehen. Einen Teil haben wir dann trotzdem gekocht, der Rest entschwand auf unserem Kompost. Den Rest hätten wir eingemacht, belogen wir die Gute und wurden nicht einmal rot dabei. Trotzdem hat sie uns in Zukunft verschont mit ihren Sammelkünsten.

Es war nun Ende Juni und ich ahnte noch nicht, dass meine Zeit in Montricher schon bald dem Ende entgegen gehen würde. Zwei deutsche Studenten sind zur Mithilfe eingetroffen. Sie hatten Semesterferien, ein Mann und eine Frau. Nette Leute ganz gewiss. Allerdings sind sie nicht nur zum Arbeiten gekommen. Sie wollten die französische Sprache erlernen und gleichzeitig die Semesterferien nutzen um zu studieren. Arbeiten mussten sie mor­gens und abends die Küche aufräumen. Sonntags hatten sie frei. Verdient hatten sie Bei­de 300 Franken im Monat, wie sie mir nun leider einmal freimütig versichert haben. Man war ja im gelobten Land, wo Milch und Honig so langsam zu fließen begann. Dass sie als Studenten nicht besonders talentiert waren um mit anzupacken sei nur nebenbei erwähnt.

Zwischen 30 und 50 Franken von meinem Lohn habe ich jeweils nach Hause gesandt. Das abgestempelte Postempfangsbuch zählt noch heute zu einem Schatz, den ich auch weiterhin stolz hüten werde.

Halbe Arbeit bei mehr als vierfachem Lohn. Für mich stürzte eine Welt zusammen. So ge­kränkt war ich wohl selten in meinem Leben. Als ich Madame Reymond darauf auf diese bittere Tatsache angesprochen habe, schaute sie mich nur mit einem spöttischen Lächeln an. Zum ersten Mal, noch vor meiner Konfirmation bezweifelte ich die Institution Kirche.

Ich schritt zur Tat, beschafft mir im Dorfe eine Zeitung und schlug den umfangreichen Stellenanzeiger auf. Noch im Dorfe rief ich eine Restaurant in Yvonand am Neuenburgersee. Hier suchte man dringend einen Hilfskoch für ein paar Monate. Meine Gedanken wa­ren am rasen. Man einigte sich schon am Telefon, ich wollte so schnell wie möglich kom­men. Der Lohn sollte 350 Franken sein. Und dann würde ich ja weiter sehen.

Die frohe Botschaft wurde an Madame weitergetragen. Ich würde schon sehen, wohin das führe, war ihre lakonische Antwort. Sie wolle mir nicht im Wege stehen bei meinem Glück. Michel war echt traurig. Er kannte die Konsequenzen für ihn nur allzu genau. Nach einer Woche verließ ich die Pension de la Fôret, ohne mich ein einziges Mal noch umzudrehen.

Ich bestieg den Zug in Montricher und stand einiges später vor dem Ort meiner Begierde. Das Hôtel de la Gare sollte für ein paar Monate mein neues Tätigkeitsfeld werden. Und was für ein Unterschied. Ein junges dynamisches Wirte-Ehepaar empfing mich begeistert . Ein Mitarbeiter von ihnen ist verunfallt und man hat mich sehnlichst erwartet. Das Restau­rant lief auf Hochtouren. Die Filets de Boeufs aux morilles und die Filets de Perches über die Kantonsgrenze hinaus bekannt. Von Ihnen konnte ich ab nun des öfteren speisen.

Mein Arbeitstag reduziert sich auf Anhieb auf maximal 10 Stunden, und anderthalb Tage hatte ich frei. Ich war im siebten Himmel angelangt und konnte kaum verstehen, dass man mir dafür 350 Franken zahlen wollte.

Ich setzte mich ein, schälte damals noch am Brunnen vor dem Hause säckeweise Kartof­feln in einer Reibemaschine. Man ließ die Maschine einfach so lange laufen, bis auch die Augen der Kartoffeln verschwunden waren. Das ganze durch eine Presse gedrückt und das Vor frittieren konnte beginnen. Der Bedarf war gewaltig.

Während den Essenszeiten durfte ich die Salatteller richten, dazwischen sauste ich des öfteren an den Forellenbrunnen, fischte mit dem Netz eine oder mehrere Forellen aus dem frischen Wasser. Es gab einen eigentlichen Fischtrog. Ein kurzer Schlag auf den Kopf. Die Fische mit einem Schnitt aufgeschlitzt, ausgenommen und gewaschen. Je schneller ich wieder in der Küche war, je mehr strahlte der Chef. Ich darf heute sagen, dass wir in kurz­er Zeit ein absolut eingespieltes Team waren. Ich war sehr glücklich in diesem bekannten Speiserestaurant. Mein Vorgänger, ein Italiener kam uns anfangs noch humpelnd besu­chen, er freute sich dass seine unfallbedingte Abwesenheit durch mich so gut kompensiert werden konnte. Um seinen Job musste er keine Bange haben. Alle mochten auch ihn sehr. Noch nicht einmal die Abwaschmaschine musste ich bedienen. Mein Arbeitsplatz sauber zu halten war mein Job.

Die Zeit verflog im Nu. Der Italiener wieder genesen an glücklich an seinen Arbeitsplatz zurück gekehrt. Ich glaube, dass ich auf die Mitte des Monates November nach Haus zu­rück gekehrt bin. Man hatte eine Idee und ich fand sie fabelhaft. Mein Beistand hat ein Vorstellungsgespräch in der Migros Winterthur arrangiert. Es lief alles wie am Schnürchen, wenigstens vorläufig.

Man hat ein eigentliches Abschiedsessen inszeniert. Am Wirteruhetag kochte der Chef für seine Familie, und ich durfte mit ihnen im feinen Restaurant speisen. Es gab mein Lieblingsessen Filets de Boeuf an Morchelsauce, serviert von der Wirtin persönlich. Es hat mir mehr bedeutet als jede Geldspende. Wir hatten wirklich ein tolles Verhältnis.

6. Kapitel

Die Maschinenfabrik Bräcker

Überall wurden Leute gesucht zu Beginn der 60er Jahre. Der Aufschwung war in vollem Gange. Die Prüfungen in der Migros sind hervorragend gelaufen. Ich sollte im April meine Lehre in der alten Filiale Pfäffikon antreten. Das war genial, war mein Arbeitsweg dadurch nicht all zu lange. Nun musste nur noch eine Beschäftigung bis Frühjahr gefunden werden. Mein Großvater hat dies arrangiert. Schon am nächsten Tag saßen wir beide vor Herr Furrer im Personalbüro der Bräcker AG, damals noch in Pfäffikon. Dieser Herr Furrer wohnte im Wilhof, kannte also auch unsere Familie.

Es war eigentlich mehr ein kurzes Geplauder. Wobei mein Großvater meinte: Dieser junge Bursche ist im Wachstum und mag essen, Fr. 1.50/Std. sollte er schon verdienen. Ob dies zu viel oder zu wenig war kann ich nicht beurteilen. Ich hatte Arbeit bis zum Frühjahr, das war alles was zählte.

Es gab noch eine positive Sache. Ich konnte an der jetzt gewohnten Wärme arbeiten und auch der Arbeitsweg war höchst komfortabel. Das Auto ein alter Citroen brachte uns zu dritt jeden Morgen zur Arbeit und abends wieder zurück. Alle drei haben wir in der Firma Bräcker gearbeitet, einer der drei war übrigens Hans Fehr, der ältere Bruder meines alten Freundes Jakob.

Unser Vorarbeiter hieß Schläpfer wie meine Taufpaten, und war der Chef in der Stanzerei. Ein ruhiger, großer und kräftiger Mann. Er hat auch die benötigten Werkzeuge zu den schweren Stanzmaschinen eingerichtet. Ich hatte auf Anhieb eine neue Arbeit gefunden, welche mich echt begeistert hat. Unter großem Knall pressten diese Maschinen das Me­tallband in ein fertiges Metallteil. Passieren konnte eigentlich trotzt der gigantischen Kräfte nichts. Alles war mit wohl durchdachten Schutzvorrichtungen gesichert, und zwar unüber­windbar.

Schon nach 14 Tagen sprach mich Herr Schläpfer an. Hast du keine Lust Akkord zu arbei­ten? Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nicht einmal wusste, was das Wort Ak­kord überhaupt bedeutet hat. Alleine der Gedanke, dass ich mehr verdienen könnte war mir Erklärung genug. Ich vermute, dass dieser gute Mann meinen wohl zu geringen Lohn aufbessern wollte. Schon bald einmal sollte ich als Hilfsarbeiter fast Fr. 500.– im Monat verdienen, ein stolzer Lohn für einen noch nicht 16-jährigen Jungen in jener Zeit. Mit mei­nem späteren Verständnis begriff ich aber, dass ich möglicherweise und ich hoffe wirklich nur möglicherweise meinen Arbeitskollegen damit den Akkordlohn gedrückt habe. Wurde eine Stanzmaschine umgebaut, arbeitete ich am Montagetisch. Hier wurden ebenfalls im Akkord die Mechanik für Büroordner zusammen gebaut. Hier arbeitete auch Hans und Trudi. Und diese Trudi hatte in ihrer Jugend Kinderlähmung. Ihre Beine steckten in Schie­nen und sie konnte nur mit Stöcken gehen. Aber diese fröhlich junge Frau, schaffte es ih­ren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Na und, wird der gelangweilte Leser sich fragen.

Wer wollte, konnte am Samstagmorgen auch noch arbeiten. Viele haben davon Gebrauch gemacht, so auch Trudi. Als ich am Montagmorgen wieder am Arbeitsplatz erschien, herrschte eine eigenartige Stille. Man trauerte. Irgend ein Idiot, nicht ein Arbeitskollege üb­rigens hat dieser jungen behinderten Frau Heiratsavancen gemacht. Irgend wann begriff sie, dass ihre Träume nicht in Erfüllung gehen sollten. Sie stürzte sich in der Pause, als alle im Pausenraum saßen in die große Wanne des Galvanikbades. Ihr Tod muss sofort eingetreten sein. Der tragische Tod dieser tapferen Frau hat mich noch lange beschäftigt.

Das Leben musste trotzt dem tragischen Zwischenfall weiter gehen. Trudi konnte nicht mehr ins Leben zurück geholt werden. Es ging nun jetzt um einiges weniger fröhlich zu am langen Montagetisch. Ich hoffe man hat später wieder einem oder einigen Behinderten den Zutritt in die Arbeitswelt geboten. Dieser wirklich feinen Firma mute ich dies zu jeder Zeit zu. Für mich aber stand der Antritt meiner Lehre bevor.

An einem Sonntagmorgen bahnte sich das nächste Unglück an. Meine Mutter saß mit ei­ner Freundin und zwei Männern in unserer Küche. Und beide waren sie mir bekannt. Der einte als rechtschaffener Mann, der andere mit einem eher fragwürdigen Ruf. Er scheute die Arbeit, wie der Teufel das Weihwasser. Schon schnell begriff ich, wie die Paare verteilt waren. Ich will nicht erklären, für wen sich meine gute Mutter entschieden hat, ich will es auch nicht kommentieren. Sie werden später noch genügend in Kenntnis gesetzt.

Große“ Ereignisse

Im Februar besuchte uns ein Herrenanzüge Vertreter. Damen und auch Herrenkonfektion gab es ja keine auf dem Lande. Meine, und nicht nur meine Konfirmation stand kurz bevor. Damals hat sich ein Modehaus aus Uster oder Pfäffikon (Brändli ?) darauf spezialisiert, alle Konfirmandinnen und Konfirmanden der Region zu besuchen um zu Hause Maß zu nehmen für die Festkleidung. Er muss damals keine schlechten Geschäfte gemacht ha­ben, mit dieser Dienstleistung. Wen ich auch angesprochen, immer die selbe Antwort: Ah, er war also auch bei dir? Für mich wurde ein maringoblauer Anzug gewählt, natürlich mit passendem Hemd und Krawatte. Meine Mutter war überglücklich, dass ihr Sohn sich ab­solut nicht verstecken musste in solch einem Anzug.

Meiner Meinung nach, wurde ein viel zu hoher Aufwand betrieben für diesen einten Tag. Nicht einmal die Gemeinderäte hatten solche, gutsitzenden Anzüge. Gekostet hat das schon 1961 fast 400 Franken. Ich habe also drei Wochen dafür gearbeitet. Getragen wur­de dieser Anzug dann an diesem einten Tage dem Palmsonntag.

Dann war es soweit. Die Konfirmation sollte von statten gehen. Die Mädchen trugen meist ein schwarzes Kleid. Bei den Burschen wurde auch noch ein dunkelblauer Anzug gerade so akzeptiert. Schwarz wäre jedenfalls das wahre gewesen. Wir standen in der vollen Kir­che vorne am Altar und wurden von der Dorfbevölkerung bemustert. Ich bin froh ist mei­nem Sohn 24 Jahre später dieser geschniegelte Auftritt erspart geblieben. Der Auftritt dau­erte inklusive Gruppenbild mit Damen und Pfarrer rund eineinhalb Stunden. Auch das konnte man noch überstehen. Viele sahen aus wie ausgestopfte Modepuppen, wobei die Mädchen meiner Meinung nach etwas besser damit umgehen konnten. Der Sinn der Kon­firmation ? Auf Kirchenbesuche habe ich dann jahrelang verzichtet, mit Ausnahme von Trauer- und Festgottesdiensten. Der teure Konfirmandenanzug verstaubte im Kleiderschrank

Mit den Familien wurde dann das Festmahl eingenommen, wobei ich glaube, dass dies bei den meisten zu Hause geschehen ist. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, an etwas anderes schon. Die Konfirmandengruppe unternahm den traditionellen Ausflug. Wir mar­schierten via Theilingen nach Neschwil ins bekannte Restaurant Freihof. Jetzt waren wir „erwachsen“, man durfte jetzt auch ein Glas Wein trinken. Bei den Burschen ist es bei vie­len nicht bei diesem einten Glas geblieben. Man war fröhlich miteinander und wir verbrachten einen gemütlichen Nachmittag miteinander in dieser bekannten Bauernbeiz. Man konnte es sich sogar leisten einen Speckteller zu verspeisen. In der Abenddämmerung ging es Schlager singend nach Hause. Viele meiner Mitkonfirmanden traf ich erst wieder am ersten Konfirmanden treffen.

Eine schreckliche Entwicklung

Viele haben meine Mutter gewarnt, die Großeltern inbegriffen. „Es geht uns jetzt allen doch wirklich ziemlich gut, die Großeltern erhielten jetzt die AHV, die Kinder stehen auch bald auf den eigen Beinen“. Meine Großmutter weinte, sie hat das kommende klar vor ih­ren traurigen Augen gehabt. Es hat alles nichts genutzt. Sie wollte ihren „Gstabi“ heiraten. Die Konsequenzen daraus hat sie, wie leider vielfach bei ihr, nie durchdacht. Dass sie nicht nur sich, sondern auch ihre eigenen Eltern ins Unglück stürzte wurde ihr nicht im entferntesten bewusst. Wir bewundern unsere Mutter bis heute, ihre sprich – wörtliche Naivität hat unsere Beziehung trotzdem arg belastet.

Die Eltern von Gstabi wohnten in einem kleinen Stöckli, welches an ein Minibauernhaus angebaut war. Dieses kleine Bauernhaus stand leer. Sie konnten es für einen sehr günsti­gen Preis erwerben im Frühjahr 1961. Lediglich eine Hypothek über Fr. 5000.– musste auf das Haus verschrieben werden. Dies hatte damals einen Jahreszins von achtzig Franken bedeutet. Noch nicht einmal 7 Franken im Monat. Nun würde man annehmen, dass dies eine gute Basis für einen Neustart gewesen wäre.

Mein jüngerer Bruder Reini wurde an eine Stelle ins Welschland vermittelt. Von wem…. darüber mag ich nicht mehr schreiben. Er arbeitete in einer Bäckerei/Konditorei in der Nähe von Vevey. Wir Kinder hatten früh hart arbeiten gelernt. Was er aber dort angetroffen hat, überstieg sogar mein Vorstellungsvermögen. Ich habe bereits darüber geschrieben, zu welcher Zeit in einer Bäckerei mit der Arbeit begonnen wurde. Mein Bruder Reini durfte anschließend noch die ganzen Backwaren bis in die Abendstunden zu Privaten an Hotels und Restaurants vertragen. 6 Tage die Woche. Am Sonntag durfte er dann auch noch die Backstube aufräumen. Die ausgetragenen Backwaren musste er bei Privaten einkassieren Dabei muss ihm ein Missgeschick passiert sein. Er hat einem Kunden 50 Franken zu viel heraus gegeben, jedenfalls fehlte es in der Abrechnung. Dies ist ihm zweiten Monat seines Welschlandaufenthaltes passiert. Der Betrag wurde ihm auf ein Mal von seinen 70 Fran­ken Lohn abgezogen. Seine Rache war dann etwas speziell. Er wartete seinen nächsten größeren Einsatz ab, deponierte seine wenigen Habseligkeiten in einem Schließfach am Bahnhof und erledigte seinen letzten Job. Mit dem Geld, dass er dabei eingenommen hat, kaufte er sich ein Bahnfahrkarte, deponierte das Fahrrad und den grossen Korb am Bahn­hof und machte sich auf die Heimreise.

Abends um 21 Uhr ist er zu Hause angekommen, traurig und ohne ein einziges Wort über die Lippen zu bringen. Ein Postauto fuhr um diese Zeit keines mehr. Das ganze hatte überhaupt kein Nachspiel. Vielleicht hatte man in der Region Vevey ein paar eigene Fehler eingesehen. Für Reini und sein weiteres Leben, haben diese zweieinhalb Monate bleibenden Schaden hinterlassen. Er wurde nicht sexuell sondern psychisch und körperlich vergewaltigt.

Seine Zeit bis zum Anfang seiner Lehre in Andelfingen verbrachte er erst als Malergehilfe bei unserem Beistand, dann aus der Not eines alten Bauernehepaares im Berg, als Knecht auf ihrem Hofe. Sie vermochten die Arbeiten nicht mehr selbst zu erledigen. Das einzige was ihn dabei scheinbar gestört hat, war das ständig aufgesetzt bekommende Brennnesseln Brei. Ich habe den grossen Mann mit krummem Rücken noch heute klar im Gedächtnis. Besuchte ich meinen Bruder, schilderte er mir jedes Mal, wie er in jungen Jahren mit zwei 50kg Säcken Weizen unter den Armen vom Sennhof nach Russikon marschiert ist. Na ja! Das Alter scheint manche alten Heldentaten zu glorifizieren. Sein krummer Rücken ist trotzdem nicht durch seinen Müßiggang entstanden

Unsere Familie würde schon bald ausziehen in der Kreuzstraße. Meine Mutter hatte die Wohnung in der Weberei gekündigt. Dies hatte fatale Folgen für meine über alles geliebten Großeltern. Sie verloren so auch ihre Wohnung. Der Dank für ihrer jahrelangen Hilfeleistungen ist ausgeblieben. In seiner Not meldete sich mein Großvater auf der Gemeinde. Man brauchte ein neues zahlbares Zuhause. Schnell wurde man fündig. Es gab ein klei­nes angebautes Häuschen in Gündisau. Die Gemeinde wollte es meinen Großeltern gerne vermieten. Also alles paletti? Wir Kinder halfen den schwer geprüften Großeltern, ihre wenigen Habseligkeiten auf ein Pferdefuhrwerk der Bauernfamilie Frohofer zu verladen und begleiteten unsere Großeltern auf ihrer „zweitletzten“ Reise.

Was wir dann antrafen in Gündisau, hat die schlimmsten Befürchtungen meiner Großmut­ter noch übertroffen. Die Küche rabenschwarz, alles seit Jahren nicht mehr gereinigt, ein wahrer Saustall das Ganze. Meine Großmutter konnte ihre Tränen nicht mehr zurück hal­ten und auch wir Kinder konnten die feucht werdenden Augen nicht mehr unter Kontrolle behalten. Nicht nur unsere Familie auseinander gerissen, auch das noch. Fünf Jahre spä­ter sollte sich dieses kleine bescheidene Häuschen zur richtigen Stammburg der ganzen Familie entwickeln. Der Kommentar meines Großvaters. Wir machen das Beste daraus Fröuli. Solche Demütigungen könnten auch zu einem Verbrechen führen. Diese Tatsache musste ich schon bald einmal erfahren.

Ich weiß nicht, ob sich meine Mutter und der Gstabi kirchlich getraut haben kann ich nicht mehr sagen, es würde mich aber auch gar nicht interessieren. Jedenfalls hat es ein mäch­tiges Hochzeitsfest gegeben oben auf dem Hasenstrick. Die Stimmung meiner Großeltern und auch die von uns Kindern war gelinde gesagt gedrückt. Wir Kinder betrachteten die landenden und startenden Kleinflugzeuge……

Ich kann heute nicht mal sagen, wie wir nach Rumlikon gezügelt haben, ich habe es ver­drängt. Unwiderruflich. Mein kleiner Bruder und ich bezogen das kleine Schlafzimmer über dem kleinen Stübchen, der Gstabi und meine Mutter nebenan. Meine Schwester wurden bei den alten Eltern im Stöckli einquartiert.

Für meine kleineren Geschwister, nun elf und dreizehn hieß das nun zusammen mit den anderen Kindern des kleinen Dorfes einen längeren Schulweg in Angriff nehmen. Dies hat­ten glücklicher weise einen ganz entscheidenden Vorteil. Die Beiden konnten sich auf dem längeren Schulweg sehr schnell integrieren. Zwar haben sie die Kinder schon ge­kannt, aber beim gemeinsamen Marschieren kommt man sich schon näher. Schnell einmal haben sich neue Freundschaften entwickelt.

Für mich hat nun die Lehre begonnen. Der Arbeitsbeginn war morgens um sechs Uhr. Mei­ne Tag wache war demzufolge um 4.45 Uhr. Das Marschieren auf den Bahnhof Fehraltorf habe ich jeweils genossen, ich zog es dem Velo fahren vor. Eine Station mit der Bahn, ein kurzer Fußmarsch, ich war am Arbeitsplatz. Der alte Migrosladen befand sich an der Hochstraße, neben der Metzgerei Hotz. Ein Laden darf man fast nicht sagen. Es war ein Lädeli damals, war aber trotzdem schon mit einer kleinen Charcuterie-Theke, einer Molkereivitrine, einem Gemüsegestell und zwei Kassen ausgerüstet.

Mein Lohn in den ersten zwei Halbjahren betrug 100 Franken, steigerte sich im dritten auf 150 und im vierten Halbjahr auf 200 Franken. Wir hatten einen Freitag in der Woche, dass heißt es waren 2 freie Nachmittage. Die Migros galt als Topausbilderin. Am Dienstag war Gewerbeschule in Wetzikon, und im letzten Halbjahr kam noch eine wöchentliche Extra­ausbildung durch die Migros dazu. Wen wundert es, dass die Migros Lehrlinge meist in den vorderen Rängen zu finden waren bei den Lehrabschlussprüfungen. Ich erlebte zwei tolle Lehrjahre in Pfäffikon.

Mein Chef war Kurt Link, seine Stellvertreterin Trudi Wälchli, die Charcuterieverkäuferin. Bernhard mein Oberstift, war also im zweiten Lehrjahr. Ein drittes Lehrjahr, oder wie es jetzt heißt Einzelhandelskaufmann gab es damals noch nicht. Daneben arbeitete die Toch­ter von Trudi Wälchli auch im Betrieb. Sie hieß Heidi und war in meinem Alter. Eine Halbta­gesangstelle komplettierte die Mannschaft, Esther Didier.

Eine gute Arbeit zu haben ist immer eine tolle Sache. Der Arbeitsplatz kann zum ruhigen Hort im Leben werden. Diese Erfahrung durfte ich schon bald machen. So um die 20 Uhr bin ich jeweils wieder zu Hause gewesen. Meine Mutter hat mir stets eine Warme Mahlzeit in den schönen Kachelofen gestellt. Nicht selten meine Lieblingsspeise, einen kompletten Blumenkohl mit einer herrlichen Béchamelsoße.

Die allgemein vorausgesagte Befürchtung ist dann ziemlich schnell eingetroffen. Der Gstabi hat zwar eine Stelle als Werkstattschreiber in der Maschinenfabrik Oerlikon angetreten. Nach einem Monat hat er es dann vorgezogen, seiner liebsten Beschäftigung nach­zugehen, dem Nichtstun. Den Tag hindurch lag er im Bett und am Freitagabend prahlte er jeweils in der Eintracht von „seinem neuen Arbeitsplatz“. Wir lernten ihn schon bald besser kennen, entweder hustend im Bett, oder seine runden Parisienne rauchend am Küchen­tisch. Vreni und Hans mussten den Garten betreuen. Kinder sind immer am vergleichen, am abwägen und beobachten. Da bildete auch ich keinerlei Ausnahme.

Schon schnell mussten wir feststellen, dass sich für unsere Mutter eigentlich alles nur ver­schlechtert hat. Den Lebensunterhalt der verkleinerten Familie, Reini war seit dem Früh­jahr in der Lehre in Andelfingen. Und ein wesentlicher Unterschied war immer klarer abzu­sehen. Unser Vater hat wenigstens immer hart gearbeitet. Was fand nur unsere Mutter in­teressant an diesem Fettsack? Sein Umfang war fast größer als seine Körpergröße, sein Gewicht lag bei 110 kg. Vieles im Leben bleibt halt im Leben, da unlogisch, schwer ver­ständlich.

Die Monate gingen ins Land. Vor allem wir Kinder litten. Auch die anfängliche Verliebtheit unserer Mutter, verwandelte sich um in Ernüchterung. Aber im wesentlichen schwieg sie, so wie sie immer geschwiegen hat. Inzwischen bin ich bereit ein richtig kräftiger und gut trainierter junger Mann geworden. Ich war ja auch den ganzen Tag auf den Beinen, nicht nur auf dem Arbeitsweg.

An einem Mittwochnachmittag musste Hans im Garten jäten, er hatte schulfrei, während der Gstabi im Bett das übliche tat, nämlich warten bis sich der Tag dem Ende entgegen neigte. Am Abend ist dann das ganze ein erstes Mal eskaliert. Hans kassierte von unse­rem „Beschützer“ im Garten eine knallende Ohrfeige, er hätte zu wenig sauber gejätet. Weinend kam er in die Küche gelaufen, wo auch Vreni und meine Mutter am Tische sa­ßen. Ich habe damals die Türe zum Stübchen geöffnet, den Gstabi zu einer Aussprache aufgefordert und die Türe wieder geschlossen.

In der Küche wartete man gespannt und aufgeregt. Vorsichtshalber ist man schon einmal aufgestanden. Die Argumente von Gstabi konnten niemanden überzeugen, mich schon gar nicht. Alles ging Ruck zuck. Ich muss in diesem Moment die Kraft eines wild geworde­nen Stieres entwickelt haben. Die Küchentüre ist aus den Angeln und dem Schloss geris­sen worden und der Gstabi mit ihr in der Küche am Boden gelandet. Die beiden Jüngsten strahlten mich heimlich an. Endlich hatten sie einen Beschützer. Ein Held wurde geboren für sie an diesem traurigen Abend.

Die Sache war aber noch nicht ausgestanden für Gstabi. Während er sich am Waschtrog das Blut aus dem Gesicht wusch, und ständig vor sich hin jammerte, stürmte sein Vater in die Küche und beschimpfte ihn auf das übelste. Er hatte das Zuschlagen seines Sohnes mitverfolgt. Dann drehte er sich zu mir, mit den Worten: „Das hast du hervorragend getan“ Er sagte noch, dass er die Türe morgen reparieren würde und zog immer noch völlig er­regt mit seiner wie üblich dampfenden Pfeife in sein Zuhause. Der Gstabi trottete immer noch jammernd aus der Küche. Mein kleiner Bruder wurden nie mehr angefasst.

Dieser Vorfall war aber geradezu harmlos. Viel schlimmeres ist passiert in diesem, unse­rem neuen „Zuhause“. Nur …. ich erhielt keine Kenntnis davon. Ich sollte erst 30 Jahre später davon erfahren. Meine Schwester wurde von diesem alten Sack im Stöckli ständig begrabscht. In ihrer Not hat sie sich an unsere Mutter gewandt. Das ganze wurde aber wie so oft in jenen Jahren „unter der Decke gehalten“. Einzig die Frau dieses Lustmolches wurde informiert. Dabei ist dann einiges ans Licht gekommen. Dieser Mann hatte auch ein uneheliches Kind in Pfäffikon. Es gab natürlich einen Riesenkrach bei den alten Leuten. Meine Schwester wurde zwar ab jetzt nicht mehr attackiert, durfte ihre geschundene Seele aber alleine mit sich herum schleppen, niemand half ihr beim verarbeiten dieser schrecklichen Tat.

Reini, der ja eigentlich fast ausgesetzt wurde und Vreni konnten bis im Frühjahr 2010 kei­ne richtige Beziehung mehr zu unserer sonst so gütigen Mutter mehr aufbauen. Nicht aus zu denken, was passiert wäre, hätte ich von dieser miesen Geschichte erfahren. Ich wuss­te ab diesem Abend, dass der Mensch zum wilden Raubtier werden kann, wenn er erst einmal richtig provoziert und geschändet wird. Und dies ist nicht nur im Kriege so.

Mein Arbeitsalltag und vor allem die Arbeitskollegen boten mir in dieser schweren Zeit, Wärme und immer öfters Geborgenheit. Auf dem Lande verbreiten sich solche Ereignisse in Windeseile.

Die Samstagabende verbrachte ich in dieser Zeit im Restaurant Eintracht im Dorfe Ich nuckelte meine Rivellas und wurde in die hohe Schule des Pandurjasses eingeweiht. Ein un­verheiratetes Paar aus Zürich, beide recht wohlhabend, fuhren jeden Samstagabend in unser Dorf. Erstens wegen den brillanten Kalbshaxen welche die Wirtin stets für sie auftischte und zweitens wegen ihrer Leidenschaft dem Jassen. Während sie genüsslich ihre Kalbshaxen verspeisten, begnügte ich mich stets mit einem Wurstkäsesalat. Er war von solch einer Güte, dass ich heute sagen darf, dass ich weder vorher noch später jemals wieder in diesen Genuss kam. Das herrliche Bauernbrot, welches dazu aufgetischt wurde, tat ein übriges zu meinem Glück. Es wurde zu einem eigentlichen Ritual. Der Antonio zog jeweils tief die Luft durch die Nase und schloss dabei die Augen wenn, die göttliche Köchin wieder einmal an unseren Jasstisch trat.

Ernst und Martha, welche in Fehraltorf aufgewachsen war konnten dann nur noch schmunzeln, wahrend mich Gertrud nur anzusehen brauchte. Sie wusste was zu tun war und verzog sich in ihre Küche. Der Antonio war ein eigentlicher italienischer Grandseigneur, stets in einem prächtigen Anzug. Er arbeitete bei BBC in Baden und hatte einen hervorragenden Job in der Endkontrolle. Diese Arbeit war höchst anspruchsvoll und sein Gehalt entsprechend. Martha war verwitwet und bezog eine ordentliche Rente. Dies ist auch der Grund, weswegen die Beiden nie geheiratet haben. Es wurde in jenen Zeiten noch Betten – Kontrollen gemacht. Ich wollte dies eigentlich nicht glauben aber beide haben mir versichert, dass die Versicherung mindestens zwei mal jährlich aufgetaucht ist, um zu kontrollieren, ob das Ehebett nur von einer Person benutzt worden war. Harte Zeiten dann zumal. Ernst und Gertrud das Wirte paar waren Geschwister also nicht verheiratet. Er betrieb eine kleine Landwirtschaft, und sie betreute die kleine Dorfbeiz. Als ich später schon in der Region Zürich wohnte bin ich noch hie und da nach Rumlikon gefahren zum Pandurjassen.

Das Leben ging seinen Gang. Inzwischen hat sich eigentlich etwas wesentliches ereignet. Ich wurde öfters auch eingeladen von der Großfamilie Wälchli, der stellvertretenden Filial­leiterin. Diese Familie hatte sechs Kinder, drei Mädchen und drei Buben. Heidi die älteste Tochter und Arbeitskollegin wurde bald einmal meine Geliebte. Sie machte mich oben auf dem Estrich zum Mann, ich sie zur Frau. Darüber sind wir eigentlich beide erst einmal er­schrocken. Bis dahin haben wir es beim Schmusen belassen.

Es wurde Winter und es hatte Schnee. Es war an einem Samstagabend, ich kam vom Jassen und habe die nassen und kalten Schuhe unter den Kachelofen gestellt und bin ins Bett gegangen. Am anderen Morgen hat mich dann meine Mutter geweckt. „Kudi, der Willi hat deine Schuhe in den Schnee geworfen“. Ich weiß noch heute nicht, warum sie die Schuhe nicht einfach wieder ins Haus geholt hat. Frauen funktionieren einfach wirklich anders als Männer. Es blieb jedenfalls immer ihr Geheimnis. Ich habe sie auch später nicht danach gefragt. Ihre Beziehung zum Gstabi dürfte aber schon arg abgekühlt gewesen sein. Ich begann zu zittern, aber ich musste warten. Ich holte meine Schuhe draußen im Schnee. Meine Zeit wird demnächst kommen, das wusste ich nur zu genau. Meine beiden Geschwister saßen in der Küchen und tuschelten. Sie mochten geahnt haben, was bevorstand.

Der Gstabi kam noch schneller als demnächst in die Stube. Kurt ich akzeptiere nicht….. weiter ist er aber nicht gekommen. Keine 5 Sekunden stand er noch auf seinen schwabbe­ligen Beinen. Ich habe ihn auf den Boden geschmissen, mich auf ihn gesessen und meine rechte Faust, wie ein Besessener auf seinen Kopf geschlagen. Als dann auch noch meine Mutter auf ihn einschlug, musste ich das ganze unterbrechen, aber eben nur unterbrechen … Ich öffnete die hintere Türe und trieb diesen unnützen Scheißkerl in den Schnee. Er musste kriechen, kriechen auf allen Vieren bis vor das Haus der Familie Ochsner an der Straße… erst da ließ ich ihn liegen, und ging zurück ins Haus. Einige Dorfbewohner ver­folgten die ganz Geschichte aus sicherer Entfernung, alle haben ihn gefürchtet. Niemand hatte den Mut zum Handeln. Auch die Gemeinde nicht, die bestimmt von diesem Vorfall vernommen hat. Man hat ihn in früheren Jahren einmal in die Arbeitserziehungsanstalt Witzwil gesteckt, das aber hat verständlicherweise auch Geld gekostet, und genützt hat es auch nichts. Es war Dorfgespräch.

Meine Geschwister weinten. Nur langsam konnte ich sie wieder beruhigen. Sie aber wuss­ten, dass unsere Mutter nicht in der Lage sein wird, die Geschichte zu ändern. Noch län­gere Zeit nicht, leider. Ich habe ihnen meine Telefonnummer von der Migros gegeben, wor­auf sie sich langsam beruhigten. Ich habe sie und die Mutter besucht wann immer ich Ge­legenheit dazu hatte.

7. Kapitel

Heimatlos

Ich aber stieg die Treppe hinauf in unser Zimmer. Mein kleiner Bruder folgte mir. Er sah mich fragend an. In meinem Hirn jagten sich die Gedanken. Wohin willst du gehen? Ich wusste es selber nicht. Sollte ich da fragen, sollte ich es dort versuchen? Ich packte meine wenigen Sachen und verschloss den Koffer.

Zum Schluss eine letzte Umarmung mit meinen Lieben. Mit ihnen in Kontakt zu bleiben war gar nicht so einfach. Telefone gab es noch wenige, wir hatten auch keines. Man muss­te jeweils bei der Familie Frieden anrufen und eines der Kinder oder auch Frau Frieden selbst hat dann den gewünschten ans Telefon gerufen.

Ich machte mich auf den Weg. Ich wollte zuerst einmal mit meinem Freund Jakob spre­chen in Russikon. Man hat sich die Geschichte angehört, helfen konnte man mir natürlich auch nicht. Wie sollte auch noch jemand in diesem winzigen Häuschen schlafen können. Aber ich konnte wenigstens mit jemandem reden. Das war schon viel an diesem Tag und hat mir neuen Mut gegeben. Aber jetzt musste ich weiter. Dann kam mir meine Arbeitskol­legin Esther in den Sinn, sie lebte mit ihrem Mann in der Nähe des Bahnhofes und hatten keine Kinder. Nötigenfalls könnte ich auch im Wartesaal des Bahnhofes schlafen. Schon fast wieder frohen Mutes marschierte ich nach Fehraltorf wo ich die Beiden dann auch an­traf.

Es war mir peinlich, jedoch musste ja erst einmal erzählt werden, wo mein Problem lag. Absolut kein Problem meinte Viktor der Ehemann von Esther. Wenn dir der Couch im Wohnzimmer nicht zu wenig ist, kannst du gerne bei uns wohnen bis du eine andere Lö­sung findest. Er, bestimmt 20 Jahre älter als ich streckte mir die Hand entgegen. Viktor mein Name stellte er sich vor, während ich ein zögerliches Kurt über die Lippen brachte. Ich hätten den beiden um den Hals fallen können in meiner grossen Dankbarkeit.

Und erstens kommt es anders, und zweitens wie man denkt. Eine wahre Glückssträhne verfolgte mich in den nächsten Monaten. Ich fuhr mit Esther wie gewohnt gemeinsam zur Arbeit. Schon schnell wurden meine Erlebnisse im Geschäft bekannt, was in einem 6 Per­sonenbetrieb auch nicht weiter verwunderlich war. Ich fragte meinen Chef, ob ich kurz ein Telefon machen könnte, ich wollte am Nachmittag meinen Bruder Reini besuchen. Die Bäuerin welche das Gespräch entgegen nahm, meinte der Bruder sei zwar mit ihrem Mann im Holz (Wald), dies sollte aber kein Problem sein, jetzt in der Winters zeit. Ich war schon fast in Hochstimmung und freute mich auf den freien Nachmittag.

Mit dem Postauto fuhr ich auf den Bauernhof der Familie Lehmann und traf meinen Bruder auch prompt beim Mittagessen an. Wie das bei Bauern so üblich ist. Macht einer seine Arbeit gut kann auch sein Besuch zu jeder Zeit die Füße unter den Tisch halten, will heißen ich wurde zur Teilnahme am Mittagessen aufgefordert, was ich dankbar angenommen habe. Sehr zufrieden sei er mit Reini, erläuterte er schon zu Beginn des Gespräches. Ich glaube er hat das Land seines kleinen Hofes auf den Frühling verpachtet und das Vieh verkauft. Mein Bruder hat ihnen ermöglicht, das nötige vor zu bereiten. Diese Beiden alten Leute hatten zusammen gearbeitet bis es wirklich nicht mehr ging. Dem Reini hat dieses einfache Leben sichtlich gefallen. Heute glaubt er selbst, dass diese Zeit einen entscheidenden Beitrag dazu war sich später auf dem Eichberg anzusiedeln. Noch einmal erzählte er mir die Geschichte mit den zwei 50 Kilo Weizensäcken. Dem Reini aber gab er spontan frei für diesen Nachmittag. Wir können morgen wieder ins Holz gehen. Eine schöne Geste von ihm, die wir natürlich dankend annahmen.

Unser Weg führte uns als erstes zu den alten Kumpels in der Krone. Schon auf dem Wege erzählte ich ihm meine Geschichte. Bei der Bürde, welche er zu tragen hatte, konnte ich auch gut verstehen dass seine lakonische Antwort war: „Hättest du den Gstabi nur tot ge­schlagen“. Neben meiner Schwester musste er vermutlich am meisten leiden unter den wi­derwärtigen Umständen. Er wurde mit 15 Jahren ziemlich gefühllos abgenabelt.

Die Kronen-Buben konnten uns dann ziemlich schnell auf andere Gedanken bringen, und das war gut so. Mein Bruder Reini ist wie ich, ein äußerst kommunikativer Typ. Er wusste schon damals über jeden und alles Bescheid. So hat es mich keineswegs gewundert, dass er schon eine Lösung im Kopf hatte. Der Bruder unseres Vaters wolle seinen „Mercier“ verkaufen, an uns bestimmt äußerst günstig wir er meinte. Er hat den Kontakt mit den Grafen schon frühzeitig wieder aufgenommen. Schon bald einmal hatte er den Telefonhö­rer in der Hand mit den Worten. Der Koni ist gesundheitlich angeschlagen und wurde früh­zeitig pensioniert und braucht sein Motorfahrrad nicht mehr, wusste er zu berichten.. Und tatsächlich das Gefährt erst zwei Jahre alt, war noch zu haben. 5 Minuten später legte er bereits auf, nach einer Rücksprache mit mir, hat er einen Termin für den Donnerstagmittag organisiert. Ja, so ist mein Bruder noch heute, was er macht das macht er richtig, nicht erst morgen sondern am liebsten schon gestern.

So erstaunte mich seine nächste Frage eigentlich nur einen ganz kurzen Augenblick. „Warum gehst du eigentlich nicht zum Grossmami“? Deine Lehre wirst du in gut einem Jahr abgeschlossen haben, das sollte doch möglich sein. Wie recht er wieder einmal hat­te. Wir haben uns auf nächsten Sonntagmorgen bei unseren Großeltern verabredet. Sein Schulkollege der Peter hat ihm auch sofort sein Moped angeboten. Ich sei ja dann bereits motorisiert. Ach, wie einfach konnte das Leben schon wieder sein.

Wir verquatschen den ganzen Nachmittag und genossen es in vollen Zügen. Im Frühjahr sollte seine dreijährige Bäcker/Konditor Lehre in Andelfingen beginnen. Er blieb also wei­terhin von der Familie ausgeschlossen. Dies sei für ihn kein Problem mehr, versicherte er mir. In diesem Punkt sollte er nicht recht behalten. Es sollte ihn prägen, sein Leben lang. Seine Sorge im Moment war eine andere. „Hast du überhaupt Geld für den Mercier“? Ich hatte. Noch immer hatte ich ein paar Hundert Franken aus meiner goldigen Zeit bei der Bräcker AG in Pfäffikon. Dann ist ja alles klar. Für seinen damaligen verbalen Beistand bin ich ihm auch heute noch dankbar.

Es kam der nächste Donnerstagmittag. Ich fuhr mit dem Postauto direkt nach Theilingen. Onkel Koni hatte eine Riesenfreude. Wir hatten uns jahrelang nicht gesehen, dabei war er so ein flotter Kerl. Er hatte den typischen Grafen Schalk in seinem ziemlich geröteten Ge­sicht. Sein Jung gesellen leben war wichtig für ihn, zu gerne hat er das Leben genossen. Dadurch hat er aber auch niemanden unglücklich gemacht. Er wohnte bei seinem Bruder Ernst und seiner Familie. Dieser Onkel hat völlig aus der Familie geschlagen, er war abso­lut seriös und führte eine tadellose Ehe, wie ich von Reini vernommen habe. Alle begrüß­ten mich wie einen alten Bekannten. „Wie groß und kräftig du geworden bist“ Ich mochte mich nur vage an die beiden Onkels und die Tante erinnern. Die Kinder hatte ich über­haupt noch nie gesehen. Onkel Ernst zeigte mir mit großem Stolz die Fotos seiner Kinder. Bei einer Scheidung geht halt mehr verloren als der Elternteil. Dies wurde mir an diesem Tage richtiggehend bewusst.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie viel ich für den Mercier bezahlen musste. Es war ein Freundschaftspreis, das bin ich mir sicher. Ich verabschiedete mich mit großem Dank und war stolzer Besitzer eine eigenen Fahrzeuges. Es machte mich mobil und schenkte mir ein gewisses Selbstvertrauen.

Unsere Großeltern empfingen uns am Sonntag morgen mit großer Freude. Die Großmutter hatte wieder einmal Tränen in den Augen. „Nei aber au nei nei“. Sogar Tante Dorli schien einen guten Tag zu haben und strahlte. Wir zwei sind wieder einmal in den Genuss ihrer bärtigen Umarmung gekommen. Endlich wieder einmal wie Reini feststellte und Dorli war seine Taufpatin. Sie mochte richtig schmunzeln. Schnell wurden wir uns einig. Ich sollte aber nicht in der Stube übernachten. Es gäbe noch zwei Betten auf dem Estrich, ein zusätzliches Bett sollte noch Platz haben in ihrem Schlafzimmer. Ganz andere Probleme haben die Beiden gelöst in ihrem Leben. Reini wollte sofort zur Tat schreiten, er wollte sicher sein, dass wirklich Platz war für ein zusätzliches Bett. Dies hat auch bestens funktioniert. Ich hatte eine neues Zuhause.

Die Zeit verrann im Fluge. Zu vieles gab es zu erzählen. Die Geschichte in Rumlikon war ihnen bereits zugetragen worden. Das Buschtelefon auf dem Lande funktionierte perfekt. Der „Schueni“ hat sie bereits informiert. Wieder einmal hatte ihre Altersweisheit recht behalten. Unsere Mutter hat diesen „glücklichen“ Zustand allerdings noch lange nicht erreicht. Eigentlich hat sie ihn Zeit ihres Lebens nie erreicht. Es schmälert aber ihre übrigen Leistungen in keiner Art und Weise. Ich werde noch genügen darüber berichten.

Wir wurden zum Nachtessen eingeladen, einen kalten Teller und reichlich eingemachte Gurken. Himmlisch. Schon Morgen nach der Arbeit sollte ich einziehen. Reichlich zufrie­den mit der anvisierten Lösung haben wir uns verabschiedet und sind nach Hause getu­ckert. Noch am selben Abend orientierte ich die beiden spontanen Gastgeber. Sie freuten sich mit mir, dass ich so schnell eine Lösung gefunden habe. Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen zusammen und fuhr mit dem Mercier an meinen Arbeitsplatz.

Von nun an werde ich über Mittag nach meinem neuen Zuhause fahren. Ich brauchte die Mittagszeit nicht mehr mit herumlungern verbringen müssen, ich war mobil und konnte meine Freunde besuchen, wann immer ich Lust hatte. Ab jetzt gab es wieder ein warmes Mittagessen. Bis jetzt habe ich mir einmal in der Woche ein Essen im Restaurant Tannen­baum geleistet, meistens wenn ich einen meiner freien Nachmittag hatte. Das Essen kos­tete 1961 Fr. 1.60, der Becher Mineral so glaube ich wenigstens um die 50 Rappen. Mit dem damals noch nicht im Preise inbegriffenen Trinkgeld hat das Ganze jeweils Fr. 2.40 gekostet. Das hört sich heute ziemlich unglaubwürdig an, es waren halt noch andere Zei­ten, auch mit den Löhnen. Das alte Restaurant war jeweils bis auf den letzten Platz be­setzt. Man hat sogar in Schichten gegessen. Jeden Tag konnte sich ein Stift das nicht leis­ten. Die restlichen Tage verpflegte ich mich im Geschäft. Servelats, Schwartenmagen, Bauernfleischkäse, Semmeln, Essiggurken und eine Flasche Mineral standen auf meinem Menüplan. Das hat dann gut die Hälfte gekostet. Aber wie heißt es so schön: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.

Nicht immer bin ich am Abend nach Gündisau gefahren. Mindestens zwei mal in der Wo­che informierte ich meine Großmutter, dass ich am Abend auswärts übernachte, was sie jeweils mit einem Schmunzeln quittiert hat. Wenn man zu dritt in einem Schlafzimmer nächtigt, bekommt man irgendwann unweigerlich auch nicht gewünschte Einzelheiten mit. Eines Abends kam ich etwas später nach Hause. Ich schlich mich wie immer möglichst diskret ins Bett, dabei ertappte ich die Beiden, als sie sich miteinander vergnügten. Ich war überrascht und freute mich mit ihnen. Darüber nur ein Wort zu verlieren war nie nötig. Man hatte sich nichts vorzuwerfen. Fazit. Damals wie heute glaubten junge Leute, dass spätes­tens mit 50 Jahren, der Sex bedeutungslos würde.

Auswärts übernachten hieß bei mir, ich suchte die Nähe und Wärme von Heidi. Dies war ein regelrechtes Abenteuer. Erstens, weil die drei Mädchen in einem Zimmer schliefen und zweitens die drei Jungens direkt nebenan. So schlich ich mich jeweils, ins Zimmer, wenn alle Lichter erloschen sind, für den Notfall immer ausgerüstet mit einem „Bettmümpfeli“. Wurden eines der jüngeren Geschwister mal wach, blinzelten sie uns friedlich an, um so­fort wieder einzuschlafen. Ich war der Freund ihrer Schwester, also hatte dies schon seine Ordnung. Der Abgang am frühen Morgen war jeweils um einiges spektakulärer, musste ich das Zimmer wegen dem frühen Aufstehen der Eltern jeweils durch das Fenster verlassen. Und exakt unter dem Fenster war ein Sachachtdeckel. Es musste äußerst vorsichtig von­statten gehen. Immer ist mir dies nicht gelungen, weswegen es eines Tages zu einem sehr peinlichen Zwischenfall kam.

Es war die hohe Blütezeit des „Halbstarkenwesens“ oder Unwesens in der Schweiz. Kurt, der älteste Sohn war ziemlich aktiv in dieser Bewegung und war auch entsprechend pro­vokativ zu Hause. Während die ganze Familie mit mir am Tische saß, sprach er mich di­rekt an. „Wenn du dann wieder einmal aus dem Fenster springst, schaue wenigstens, dass du nicht auf dem Schachtdeckel landest“. Ich war wie erschlagen. Die Spannung in der Stube schien für mich zu explodieren. Nichts geschah. Auch nicht, als die drei Jungen vor sich hin grinsten. Mein Kopf musste geleuchtet haben wie eine Glühbirne. Absolut kei­ne Reaktion der Eltern folgte. Erst dachte ich, die Mutter wird mir im Geschäft alle Schan­de sagen, auch das ist nicht der Fall gewesen, im Gegenteil sie war so freundlich zu mir wie immer. Für mich gab es absolut keine Erklärung damals. Ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass sie es nicht längst gewusst haben, zu eindeutig war unser gegen seitiges Verhalten. Es gab aber auch keine komfortablere Zukunft, will heißen es hat mich niemand dazu eingeladen, dass Haus von nun an durch die Türe zu verlassen. Es blieb beim Status Quo.

Nun sollte auch meinen alten Freund Rolf Naef einmal besucht werden. Letztes Jahr sei sein greiser Vater gestorben habe ich von ihm vernommen und jetzt gehe es seiner Mutter nicht besonders. Ihr müder Körper war voller Wasser, alles aufgedunsen als wir sie in der Küche besuchten. Sie mochte kaum noch sprechen. Damals schien es gar nicht so ein­fach gewesen zu sein ihr zu helfen. Rolf schien sich allerdings gar nicht so große Sorgen gemacht zu haben, wobei noch einmal daran erinnert sei, dass die beiden Eltern eher im Großelternalter waren.

Rolf schien sich jedenfalls mehr für meinen Mercier zu interessieren. „Weißt du eigentlich, dass diese Motorfahrräder in Frankreich mit über sechzig Sachen unterwegs sind?“ Für den Export in die Schweiz werden sie einfach plombiert. Wir werden dem Ding schon ein bisschen Leben einhauchen. Die Sache war zu verlockend, um es nicht sofort in die Tat umzusetzen. Natürlich ist auch mir dem mechanischen Laien aufgefallen, dass der Motor eigentlich sehr stark angezogen hat, dann aber sehr schnell abgeriegelt hat. Die Sache hat dann auch keine halbe Stunde gedauert. Vergaser und Zwischenstück demontiert und schon konnte es an die Lösung des Problems gehen. Im Zwischenstück gab es einen Einsatz, der verhindert hat, dass der Motor mehr Sauerstoff erhalten hat. Dieses Zwischenstück ist Rolf von selbst in die Hände gefallen. Alles wieder zusammen gebaut. Mein Mercier lief ab sofort französisch.

An diesem Tag wusste ich noch nicht, dass ich Rolf schon bald im Kanton Appenzell besu­chen sollte. Seine Mutter ist kurz darnach auch verstorben. Die Kinder waren Vollwaisen. Die beiden älteren, Erika und die zweitälteste Schwestern standen schon im Erwerbsle­ben, die beiden jüngeren, Yvonne und ihr Zwillingsbruder Rolf wurden in ein Kinderheim in ihren Heimatkanton „abgeschoben“. Ich bin mir sicher, dass man in der heutigen Schweiz nach einer humaneren Art vorgehen würde. Beide standen sie ja auch kurz vor dem Eintritt in die Berufswelt. Aber damals herrschten eben wirklich noch andere Sitten und Gebräu­che. Man hat noch nicht einmal nach einer Lösung für die beiden Halbwüchsigen gesucht. Wie anders ist zu erklären, dass Rolf bereits 1 1/2 Jahre später, bei „meiner“ Pflegemutter der Familie Winkler ein neues Zuhause fand. Damals oblag der Heimatgemeinde die Fi­nanzierung solcher Fälle. Eine absolut strafbar idiotische Gesetzgebung herrschte damals. Gott sei Dank hat sich dieser Stumpfsinn dann geändert. Als ich die zwei ein halbes Jahr später besuchte war ich regelrecht schockiert. Man verlangte von diesen zwei, schon fast erwachsenen Heiminsassen das Betreuer paar mit Vater und Mutter anzureden. Auch in pädagogischer Hinsicht scheint man noch in den Kinderschuhen gesteckt zu haben. Vielleicht gelang es anderweitig einfach nicht die sicher notwendige Autorität zu erlangen.

Eine klare Aussage ist noch zu machen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es äußerst problematisch ist, von Kindern, mindestens wenn sie älter als zwei Jahre sind zu verlan­gen ihre Pflege- oder Patchwork-Eltern mit Vater oder Mutter anzusprechen. Man verlangt von ihnen, dass sie spätesten 5 Jahre später, wenn sie begreifen, dass nicht der Storch der Grund ihres Daseins ist, in einen regelrechten Konflikt geraten. Kann nicht der Vorna­me oder ein sonstiger Kosenamen nicht genau so vertraut werden für die Kinder. Das gan­ze geschieht nämlich nur wegen dem schlechten Gewissen des erziehenden Elternteils gegenüber den Kindern, man möchte ihnen die fehlende Mutter oder den fehlenden Vater zurück geben. Dass es aber auch in tausend Jahren nur eine biologische Mutter und einen wirklichen Vater gibt, ist genau so sicher, wie das Amen in der Kirche. Wegen der zuneh­menden Scheidungsrate ist mir diese Aussage wirklich wichtig, auch wegen den nach­wachsenden Enkelkindern.

Aus mir aber ist inzwischen ein leidenschaftlicher junger Verkäufer geworden. Ich genoss den vielen Kontakt mit den Kunden. Ich durchlief alle Abteilungen im Verkauf. Betreute die Charcuterieabteilung von Trudi Wälchli (wir waren inzwischen per Du) genauso wie ich den Gemüsekorpus in Schuss hielt. Einzig der None-Food Bereich galt nicht zu meinen bevorzugten Tätigkeitsbereichen, war er doch zu unbedeutend in diesem kleinen Laden. Ich genoss es an Wochenenden an den damals noch mechanischen Sweda-Kassen zu stehen. Besonders Spaß hat es mir jeweils gemacht, wenn die Italiener an Ostern oder Weihnachten nach Hause gekehrt sind. Sie haben jeweils ganze Einkaufswagen mit Schokoladen und anderen für sie besonders wertvollen schweizerischen Leckereien an die Kasse gefahren.

Diese schwedischen Kassen waren Standard in der Migros von damals, die reine Zuver­lässigkeit. Außer den periodischen Servicearbeiten, welche in kurzer Zeit beendigt waren und sich absolut ausgezahlt haben, mag ich mich an keinen einzigen Störungsfall erin­nern. Der Kontrollstreifen und die grossen Verkaufszettel mussten natürlich rechtzeitig ge­wechselt werden. Aber sonst: dedäh, dedäh, dedäh. Ich meine, wir hatten in den zwei Lehrjahren etwa 2 kurze Stromausfälle. Nicht einmal das konnte uns in Verlegenheit brin­gen.Ein kurzer Griff, die Handkurbel eingesetzt und es konnte weiter gehen. Ob ich diese damaligen Eigenart von meiner Großmutter geerbt habe, ich vermag es nicht zu sagen. Der ganze Ehrgeiz bestand darin darin den Motor gar nichts erst zum Stillstand kommen zu lassen. Es musste rattern…… möglichst ohne Unterbruch. Es gab keine Strichcodes die Preise waren im Kopf, die Tasten wurden mit vier Fingern gleichzeitig betätigt, wahrend der kleine Finger den Motor am Laufen hielt.

Es muss etwa 5 Monate vor meinem Lehrabschluss passiert sein. Wir waren angewiesen die Noten der Kunden erst in die Klemmhalterung der Notenfächer zu stecken, wenn das Rückgeld erstattet war, eine sehr vernünftige Verordnung, konnte auf diese Weise kein Kunde behaupten eine größere Note gegeben zu haben. Die Kassenboxen aber waren eng, sehr eng sogar. Unter dem Förderbahn zusätzlich verschiedene Säcke und Trageta­schen gelagert. So ist mir eines Tages ein verhängnisvolle Missgeschick passiert. Die Kundin gab mir einen 100 Frankenschein, den ich auf die Schublade legte. Bei meiner Drehbewegung stieß ich mit meinem Allerwertesten die Schublade, welche jeweils auto­matisch ausgestoßen wurde zu. Ein Vorgang der sich allerdings des öfteren einstellte. Aber beim erneuten Öffnen der Schublade war die Note verschwunden. Die Kundin be­harrte darauf, sie habe mir dir Note gegeben. Ich rief wie üblich meinen Chef. Es musste Kassensturz gemacht werden. Die 100 Franken fehlten. Der Abfalleimer und alles nur denkbare wurden bis auf den letzten Krümmel untersucht. Die 100 Franken waren nicht zu finden.

Mein Chef aber unternahm etwas, was mich schwer gekränkt hat. Er verdächtigte mich das Geld gestohlen zu haben und rief die Polizei. Auf dem Polizeiposten musste ich mich bis auf die Unterhose ausziehen, mein Garderobenschrank wurde auf den Kopf gestellt, nichts. Am Schluss kam dieser erfahrene Polizist auf die eigentlich logischste Idee, an wel­che niemand in der Aufregung gedacht hatte. Er wies meinen Chef an die Schublade aus der Halterung zu nehmen. Die völlig zerknautschte Note kam zum Vorschein. Die Polizei, dein Freund und Helfer konnte ich da nur sagen. Es war meinem Chef ungeheuer peinlich. Besser wäre allerdings gewesen, wir hätten diese Möglichkeit geprüft. Selbst die Stamm­kundin, welche wirklich keine Schuld traf, beruhigte meine gekränkte Seele ein paar Tage später mit einer Tafel Schokolade.

Zwei mal im Jahr wurde Inventar gemacht. Und dieses Mal sollte es ein Übergabeinventar werden und wurde deswegen auf den Samstagabend angesetzt. Sie gehörten neben den damals schon üblichen Personalfesten, zu den eigentlichen Vergnügen in jeder Filiale. Außerdem wurde diese Zusatzleistung separat und bar ausbezahlt. Man saß zusammen und vergnügte sich bei Speise und Trank. Es waren echte Abwechslungen in unserem sonst ziemlich strengen Job. Dieses Mal sollte es auf den Gerlisberg gehen. Der Abschied unseres Chefs stand ja bevor. Er wollte das Delikatessengeschäft seines Onkels in Lausanne übernehmen, und sich gebührend von uns verabschieden. Vorsichtshalber wurde schon einmal Verlänge­rung eingegeben. Ich glaube, es war 4 Uhr morgens als wir wieder in Pfäffikon eintrafen. Alle waren hundemüde. Unser Chef hatte noch etwas für ihn sehr wichtiges vor. „Für mich ist die ganze kommende Woche im Eimer, wenn ich am Sonntagmorgen nicht in die Frühmesse gehe“. Ich glaube wir schauten uns alle reichlich fragend an. Schon bald sollte er mich anrufen. Er wollte mich als Mitarbeiter gewinnen.

Seine Nachfolgerin war dann eine ziemlich zickige junge Dame gewesen. Den ganzen Tag stolzierte sie auf ihren hohen Stöckelschuhen durch den Laden. Ein absolut ungeeignetes Schuhwerk im Verkauf. Schnell einmal fragten wir uns, welche Stärken diese junge Dame wohl ausgezeichnet hätte. Der Unterschied zu Kurt Link war zu krass. Sie war ziemlich überfordert und wurde nach dem Peters Prinzip dann auch bald weiter befördert. Dies ist allerdings auch in der heutigen Geschäftswelt nicht wesentlich anders geworden.Zwischen dem Lagerraum und dem Laden gab es einen Höhenunterschied, welcher mit einer Rampe überwunden wurde. Eines Tages schob unsere neue Chefin einen Stapel Mineral- -wasser in den Laden. Sie war dabei mit ihren Stöckelschuhen hinter dem Stapel gelaufen. Ich will gar nicht verschweigen, dass wir ganz ordentlich unser Lachen verbeißen mussten als die junge Schöne über den umstürzenden Mineralwasserstapel in den Laden geflogen kam. Ihre Stöckelschuhe hat sie weiterhin getragen.

Wieder einmal wurden wir zusammen gerufen für die Zusatzausbildung in Winterthur. Der Verkaufsleiter persönlich hat uns empfangen. Bald kam es zur angesagten Fragestunde. Man hatte naturgemäß ein großes Interesse uns jungen Leute im Betrieb zu halten. Und weil eine Fragestunde eben eine ist, fragte ein junger Kollege, warum man in der Migros Winterthur/Schaffhausen nach der Lehre nur Fr. 535.- verdienen würde in der Genossenschaft Zürich aber Fr. 600.-. Dies sei eben so, auf dem Lande verdiene man weniger . Ein anderer konnte es sich nicht verkneifen zu fragen, weshalb beim Lehrabschluss in Zürich Fr. 600.- bezahlt werde, bei uns aber nur Fr, 300.-. Der Verkaufsleiter gab eine kluge Antwort. Wer mit einer Note bis 1,5 abschließe, würde auch in Winterthur in den Genuss von Fr. 600.- kommen. Mit dieser Antwort glaubte er sich gerettet zu haben.

Es kamen die Prüfungen und damit das Ende unserer Lehrzeit. Ein großes Abschlussfeier mit anschließender Rangverkündigung sollte stattfinden. Bestanden hatten wir alle. Als Einziger erreichte ich die Note 1,4. In der anschließenden guten Stimmung konnte es ein Kollege nicht unterlassen, den Verkaufsleiter auf meine Note anzusprechen. Keiner sonst hatte das angesprochene Ziel erreicht. Einige waren schon ziemlich selbstbewusst geworden. Selbstverständlich würde ich meine Fr. 600.- erhalten, dies dann aber auch auf der Lohnbuchhaltung zu melden, hat er vergessen. Meine Intervention führte dann doch zum gewünschten Resultat.

Vorbei nun also meine schönen Lehrjahre in der alten Migros-Filiale. Unsere neue Filial­leiterin zeigte sich äußerst spendabel und spendete allen ein Nachtessen im Restaurant Schlössli gegenüber. Es gab noch einmal einen gelungenen Abend und weg war ich. Ich sollte nach Effretikon versetzt werden. Der Einsatz dort war dann aber nur noch von kurzer Dauer. Ich wollte noch einmal ins Welschland zu meinem alten Chef Kurt Link.

Schon bald galt es Abschied zu nehmen von meinen geliebten Großeltern, der Mutter meinen Geschwistern und ….meiner ersten gossen Liebe Heidi. Wir wussten beide, dass unsere Liebe einer so langen Trennungszeit nicht standhalten würde. Kinder und Jugend – lieben waren schon damals nicht von langer Ewigkeit. Wir trennten uns mit großer Leiden – -schaft. Gesehen habe ich sie nie wieder. Den Mercier aber, der mich so treu begleitet hat wollte ich zurücklassen. Bruno der Bruder von Heidi sollte für wenig Geld seine Freude daran haben.

8. Kapitel

Westwärts

Dass ich noch einmal ins Welschland fahren würde um dort zu arbeiten, hätte ich vor drei Jahren noch nicht geglaubt. Jetzt aber saß ich wieder voller Optimismus im Zuge. Ich war ja jetzt schon bald erwachsen, und die Stelle hatte ich diesmal selbst ausgewählt. Erst einmal genoss ich die lange Zugfahrt nach Renens. Hier hat mein neuer, alter Chef für mich ein schönes Appartement mitten im Zentrum angemietet. Auch er wohnte hier, jedoch ennet der gewaltigen Geleise anlagen. Auf diese Weise konnte wir zusammen nach der Arbeit und wieder zurück fahren.

Wie habe ich aber gestaunt als ich das kleine Comestible-Geschäft im Zentrum von Lausanne das erste mal betreten habe. In etwa gleich groß, wie die alte Migros-Filiale in Pfäffikon. Für mich aber alles, aber auch wirklich alles Neuland. Von nun an sollte ich mich in die hohe Schule des Comestiblegeschäftes einarbeiten. Frische Forellen und deren Zu­ -bereitung kannte ich schon. Der Rest Neuland. Krebse, Hummer, Aale, Seezungen, Haie, Unmengen an Egli (Flussbarsche) sollte ich filetieren. Reb- und Perlhühner mussten ebenso pfannenfertig zubereitet werden, wie Wachteln und Auerhähne. Jetzt stellte sich auch heraus, was mein Chef einmal gelernt hat. Er war der perfekte Koch. Sein Ehrgeiz war unbeschreiblich. Er wollte das herunter gewirtschaftete Geschäft auf Vordermann bringen. Die vorgängige Leiterin machte ihm dies in keiner Weise leicht. Ihr Sohn wollte kam des öfteren vorbei, er war ein eigentlicher Lebenskünstler und Jungfilmemacher. Ich sehe ihn noch heute vor mir. Kugelrund, mit einem attraktiven Model zur Freundin.

Abends habe ich in einer Pension um die Ecke gegessen. Alles waren Stammgäste. Jeder hatte seinen eigenen Platz, mit eigener Serviette und Gedeck. Auch tranken alle aus der eigenen Mineralwasser- oder Weinflasche. Das Geschäft, ist dank günstigen Preisen sehr gut gelaufen. Auch wurde sehr gut und abwechslungsreich gekocht.

Am anderen Morgen haben wir zwei dann wieder voll am Karren gezogen. Mein Chef hat erklärt, vor demonstriert, mir Tricks beigebracht. Schon schnell begann mir das ganze große Freude zu bereiten. Zum Arbeiten musste man sich komplett umziehen. Zu sehr hätte man sonst nach all den Viechern geduftet. In seiner Freizeit, wir hatten jeweils Montags geschlossen, besuchte er Kunden oder suchte neue Kunden. Zum Ausliefern der Waren hatten wir einen kleinen Lieferwagen. Die Auslieferungen waren eigentlich der Job des Filmemachers. Seine Unzuverlässigkeit aber war sprichwörtlich. Auch diesen Job viel dann an meinen Chef. Ich sollte so schnell wie möglich die Motorradprüfung machen. Er kaufte eine Vespa mit Gepäckträger, während ich den Lernfahrausweis und das benötigte blaue L beantragte.

In Rekordzeit machte ich die theoretische Prüfung, und durfte ab sofort in der Stadt herum kurven.

Die eigentliche Führerprüfung ist in jener Zeit noch sehr speziell gewesen. Jeweils etwa 15 Fahrschüler stellten sich zusammen der Prüfung, oben im alten Straßenverkehrsamt von La Blecherette. Es wurde uns erklärt auf französisch natürlich, dass wir bis zum alten Stall hochfahren sollten, dann hätten wir links auf den Platz abzuschwenken und wieder zurück zu fahren. In fast einer 1er Kolonne fuhren wir die 200 Meter hinauf. Wer dann wie etwa 2/3 der Teilnehmer sauber ein gespurt hat, bestand die Prüfung. Der Rest hatte nicht er füllt und konnte ein paar Wochen später nochmals an traben. Ich jedenfalls gehörte zu den Glücklichen. Dies war die Motorradprüfung anno 1963. Von nun ab durfte ich mit „meiner“ Vespa ohne das blaue L herum kutschieren. Aber es kam später noch besser. Die Kategorien wurden neu eingeteilt und wer die Rollerprüfung vor einer gewissen Zeit absolviert hatte, konnte die Kategorie F erben.

In diesem Jahr wurde an der Autobahn oberhalb Lausanne gebaut. Das Teilstück bis Genf der A1 sollte fertig gestellt werden. Es gab eine riesige Kantine für die vielen Arbeiter, und bald konnten wir wöchentlich ein Dutzend Kartons Hähnchen liefern. Es galt die importierten Tiere zu säubern und so zu binden, dass sie nur noch zubereitet werden konnten. Es gab also einiges zu tun in diesem Geschäft.

In meiner Freizeit ging ich ab und zu ins Kino. Schon bald machte ich die Bekanntschaft eines Ostdeutschen. Er war aus der DDR geflohen und fühlte sich in der Westschweiz ohne Sprachkenntnisse natürlich ziemlich verloren. Weshalb es ihn dahin verschlagen hat, mag ich heute nicht mehr zu sagen. Er war ein eigenartiger Typ, äußerst sympathisch zwar, trank aber Unmengen an Alkohol. War er dann genügend besoffen, kamen ihm die unglaublichsten Sachen in den Sinn. So konnte er schon einmal von einem Kasten Bier begleitet, mit einem Ruderboot rüber nach Frankreich fahren und wieder zurück. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, endlich hat er jemanden gefunden mit dem er sprechen konnte.

Den Kinogang fand er fürchterlich banal. Im saufen sei die wahre Glückseligkeit zu finden. Was mag nur seine Geschichte gewesen sein? Weibliche Wesen schienen ihn gar nicht zu interessieren. Daneben muss er ein guter Berufsmann gewesen sein. Er verdiente ganz schön Geld. Eigentlich wollten wir eines Tages trotzdem ins Kino gehen, blieben aber buchstäblich in der integrierten Bar hängen. Schon bald einmal hatte auch ich ein paar Stangen Bier intus….. und kam durch den ungewohnten Alkohol auch richtig ins plagieren. Schon bald einmal glaubte ich unbezwingbar zu sein. Jedenfalls kam es zu einer Wette. Ich würde eine ganze Flasche Anisette problemlos ex trinken. Diese Flasche bestellte man umgehend an der Bar. Zahlen würde im Erfolgsfall er.

Ich schritt ohne zu zögern zur Tat. Anisette ist des süßen Geschmacks wegen natürlich gut zu trinken. Noch bevor die „Heldentat“ vollbracht war, spürte ich den Alkohol in den Kopf steigen. Ich habe die Flaschen tatsächlich ex hinunter gewürgt, verlor aber ziemlich schnell die Kontrolle über meinen Körper. Ich taumelte. Mit letzter Konzentration und seiner Unterstützung schaffte ich es noch ins Zimmer. Was dann aber folgte, möchte ich lieber nie mehr erleben. Mein „Kumpel“ verließ mich glücklicherweise sofort. Alles drehte sich in meinem Kopf. Ich wollte ins Bett liegen, was inert Sekunden dazu führte, dass ich mich übergeben musste. Da es nicht mehr bis ins WC reichen würde, riss ich das Fenster auf und kotzte auf das 3 Stockwerke tiefer liegende Trottoir. Ich kotzte bis nur noch Magensäfte hervor zu würgen waren. Gut vorstellbar, dass mich mein rebellierender Magen vor dem Tode gerettet hat. Was anschließend passiert ist kann ich heute nur ahnen. Fast ohne Bewusstsein fiel ich ins Bett.

Ein aufdringliches Hupen weckte mich am anderen Morgen. Ich wankte zum Fenster und sah unten meinen Chef warten. Noch nie in meinem Leben habe ich mich verschlafen, noch nie in meinem Leben fühlte ich mich so niedergeschlagen und elend. Mein Chef aber tat das einzig richtige. Er schleppte mich trotzt meines Zustandes ins Geschäft. Wer so viel säuft, kann auch arbeiten meinte er lachend. Recht hatte er. Glücklicherweise war mein Magen völlig leer, sonst hätte ich die Fahrt kaum überstanden.

Im Geschäft angekommen muss er dann doch Mitleid mit mir gehabt haben. Du musst jetzt mir vertrauen. Er holte im Laden ein „Musterfläschchen“ Whisky. Mich schauderte. Ernst trinkst du diesen Whisky, dann wartest du eine halbe Stunde und isst zwei große Sandwich es. Ich befolgte seinen Rat und hatte tatsächlich schon bald einmal ein besseres Gefühl. Ergo schloss ich daraus, dass auch er schon so eine idiotische Tat vollbracht hat. Den Geruch von Anis und „Chräbeli“ konnte ich die nächsten 30 Jahre nicht mehr riechen. Für heute Abend sollte ich nur noch einen Traum haben: Nachtessen und ab ins Bett.

Am nächsten morgen fühlte ich mich dann wieder wie neu geboren. Ich konnte wieder richtig am Rad drehen und freute mich auf den neuen Arbeitstag. Wir erlebten eine gute Zeit miteinander mein Chef und ich, wobei wir die alte Madame Capt zunehmend als Bremsklotz erlebten. Sie konnte den Verlust ihrer es einst eigenen Geschäftes schlecht ertragen.

Von Anfang an war eines klar. Im Frühjahr wollte ich zurück in die Deutschschweiz. Ich sollte ja auch noch meinen Militärdienst bestreiten. Und 1964 sollte ich mich stellen. Ab und zu hatte ich zu Hause angerufen und so war ich immer gut unterrichtet was alles ablief. Meine Schwester sollte im Frühjahr eine Haushaltsstelle antreten in Reitnau. Mein Onkel Adolf sollte die Stelle vermittelt haben, bei einem Dienstkollegen von ihm. Sie konnte also keine Lehre machen. Kochen und den Haushalt erledigen sollte damals ein Mädchen können. Eine weit verbreitete Meinung in jener Zeit. Hans aber wohnte schon seit einem Jahr nicht mehr in Rumlikon. Auch ihn zog es beim eintreten in die Oberstufe zu meinen Großeltern nach Gündisau. Mein kleinster Bruder träumte davon in die Stapfen des grossen Bruders zu treten.

Zum Abschied hat mich Kurt Link noch einmal zu sich eingeladen nach Renens. Er wollte mir und seiner liebenswerten Familie die hohe Kunst des Kochens zeigen, wie er schmunzelnd meinte. Es war ein toller Abend und ein herrliches Essen. Damals ahnte er aber noch nicht, dass auch er mit seiner Familie zu seinen Wurzeln zurückkehren würde.

9. Kapitel

Rückreise

Ich hatte meiner Mutter versprochen, trotzt der widerwärtigen Vergangenheit zu ihnen zu ziehen, wenigstens bis zu meiner Militärzeit. Ab diesem Frühjahr war sie nun alleine mit dem Gstabi. In zügiger Fahrt ging es mit der Bahn heimwärts. Vier Stunden später sollte ich zu Fuß in Rumlikon eintreffen.

Es hat sich vieles geändert in den letzten zwei Jahren. Meine Mutter und es sei gesagt, auch Willi haben mich liebevoll begrüßt. Ich fühlte mich sogar wohl in dieser Zeit. Ich habe den Gstabi aus meinem Kopf verdrängt. Von nun an existierte nur noch der Name Willi in meinem Kopf. Angesprochen hatte ich ihn allerdings schon immer so.

Er gab sich echt Mühe. Ab und zu hat er auch mal eine Woche oder zwei gearbeitet. Er muss schon damals geahnt haben, dass seine Zeit mit meiner Mutter irgendwann zu Ende gehen würde. Meine Mutter sei für ihn das Ein und Alles. Ich habe es ihm sogar geglaubt.

Leider aber fängt die Erziehung eines Kindes mit spätestens 2 Jahren an. Vielleicht hatte er nur das Pech, dass ihm seine Mutter immer nur Geld zugesteckt hat. Aus meiner heutigen Sicht tat er mir eigentlich nur leid. Aber das Rad der Zeit lässt sich halt nie zurück drehen.

In der kommenden Woche hatte ich einen wichtigen Termin. Ich wollte mich in der Migros Zürich bewerben. Leute wurden in grossen Mengen gesucht. Die Expansion des Unternehmens in vollem Gange. So wurde ich natürlich nur allzu gerne eingestellt.

Die erste Zeit in der Migros Zürich

 

Ich sollte mich für einen Monat in der alten Migros Schörlistrasse nützlich machen, da dort jemand ausgefallen war, um anschliessend bei Fräulein Klingler beschäftigt zu werden. Ich sollte mir dort das Rüstzeug für einen Filialleiter-Stellvertreter aneignen. Damals gab es noch viele kleine und kleinste Filialen in der Migros. Dies hat sich bald rasant geändert.

Ich hatte eine gute Zeit an der Felsenrainstrasse. Schnell einmal lernte ich meine neue Tätigkeit. Zum ersten Mal die administrativen Arbeiten, das Kassenwesen, die schon damals existierenden Konferenzgespräche am Telefon. Die Filiale aber war im wesentlichen ein 5 Mann betrieb, klein und überschaubar. Unser Verkaufschef hieß Walter Binkert. Ein Verkaufschef betreute damals 12 – 18 Filialen und war der Verkaufsleitung direkt unterstellt. Er war eigentlich dafür da, die Filialen zu überwachen und den Personaleinsatz zu koordinieren und vor allem zu fördern. Eine Vaterfigur, wie er im Buche steht. Dazwischen, man staune hat er auch noch Orientteppiche verkauft. Ich sehe seine große hagere Gestalt noch heute vor Augen, stets mit dem gleichen grünen Lodenmantel ausgerüstet. Zu jener Zeit wurde der neue MM Seebach gebaut. Unmittelbar daneben bestand der alte, keine 500 Meter von unserer kleinen Filiale entfernt. Es war also absehbar, dass die Tage unserer Filiale gezählt waren. Auch wenn wir auf Zweckoptimismus machten, und all die älteren Kunden waren, die uns ewige Treue schworen. Die Zahlen zeigten ein anderes Bild.

Dies mag auch der Grund gewesen sein, dass man mir schon einmal eine neue Aufgabe zudachte. Ich sollte als Filialleiter Stellvertreter Aspirant nach Wallisellen versetzt werden. Damals war jeder in leitender Position zuerst einmal als Aspirant tätig, um spätesten nach 3 Monaten und einer kleinen Lohnerhöhung ins Definitivum gesetzt zu werden.

Ich mag mich noch sehr gut daran erinnern, wie viele freiwillige zusammen gezogen wurden zur Eröffnung des neuen MM an der Schaffhauserstrasse in Seebach. Auch ich gehörte dazu. Alles wurde neu eingeräumt, während die alte Filiale gegenüber die letzten offenen Tage hatte. Jeder Kunde sollte überall seinen Ansprechpartner finden.

Eine Neueröffnung ist aber nicht nur ein neuer Laden, es war stets ein regelrechtes Volksfest. Alles wurde dem Kunden geboten, nicht nur die obligaten 10 % am Eröffnungstage. An den Kassen wurden Hilfskräfte eingesetzt, um dem Kunden beim einpacken zu hel­fen,vielfach auch Schüler, sofern sie 15 Jahre alt waren. Sie wurden dafür recht vornehm bezahlt, weshalb auch stets genügend Freiwillige zu Verfügung standen. An solch einem Tage wurde ohne Probleme der spätere Samstagsumsatz (stärkster Umsatztag) um das dreifache überboten. Das ganze „Rösslispiel“, will heißen alles was Rang und Namen hatte war anwesend, zum Dienst am Kunden. Um diesen umsatzstarken Tag in der Umsatzbilanz einigermaßen zu glätten, wurden in den zwei folgenden Jubiläumstagen jeweils auch noch die 10% Rabatt gewährt. Der Laie mag sich fragen, was den in den nächsten Tagen noch verkauft wurde. Völlig unlogisch, aber war ist das fast Unglaubliche. Jedem Eröffnungsfest folgen noch 2 – 3 umsatzstarke Tage. Aussagekräftig wird das Ganze erst nach dem 4. Tage. Lieber Leser, soviel Verkaufskunde sei mir an dieser Stelle gewährt.

Ich melde mich bei Fräulein Anna Schaffner zum Dienst, und stand zum ersten Mal in einem Migros-Markt im festen Einsatz. Sie war meistens äußerst umgänglich, zuweilen auch ein bisschen launisch, aber auch eine ungeheuer große Menschenkennerin. Von meinem Vorgänger bekam ich das wesentlich vor seinem Abgang gesteckt. Eddy so hieß der Gute, sagte mir gleich am Anfang. Hast du mal Probleme mit ihr so mache folgendes. Sprich sie mit einem fröhlichen „Hey Miss“ an und zwinkere ihr mit einem Auge zu. Dies Technik hat gewirkt … ohne Ausnahme.

Walter Brändle war der verantwortliche Chefmetzger. Er war per Du mit Anna Schaffner, war eigentlich sein eigener Herr und Meister, deswegen aber theoretisch doch der Frl. Schaffner unterstellt. Walter war der sprichwörtliche Charmeur im Laden, ein stets gut gelaunter Zeitgenosse. Er nannte mich nie mit meinem Namen, für ihn blieb ich die ganzen drei Jahre der Jonny. Hey Jonny hatte er mich stets gerufen

War dann die Anna Schaffner aus irgend einem Anlass wütend in die Metzgerei gestürzt, wusste man zum voraus, dass sie demnächst lächelnd wieder zur gleichen Türe heraus kam. Sie war, kannte sie mal etwas näher eine hervorragende Filialleiterin. Sie gab alles für die Firma, wäre bestimmt mit der Migros verheiratet gewesen, hätte sich solch eine Verbindung überhaupt legalisieren lassen.

Es lief wieder einmal alles wie am Schnürchen, wenn, ja wenn es nicht um ein Haar zu einem Drama gekommen wäre. Am frühen Nachmittage machten wir jeweils eine Akontozahlung auf der Post. Aus Sicherheitsgründen sollte nicht der gesamte Tagesumsatz in den Nachttresor eingeworfen werden. Wir machten uns damals noch alleine später dann aber zu Zweit auf den verantwortungsvollen Weg. Dieser Job fiel meiner Körperlichkeit wegen meistens mir zu.

An diesem Tage aber rief mich Herr Born der den Kundendienst und den Verkauf elektrischer Geräte betreute zu einer Auskunft. Was mich dazu bewog den Leinenbeutel mit über 17’000 Franken auf dem Waschmittelgestell zu deponieren dabei, sollte mein ewiges Geheimnis werden. Das schlimmste daran war, dass ich mich später nicht mehr daran erinnern konnte. Es entstand eine Riesenaufregung als ich meinen Weg zur Post fortsetzen wollte. Mein Leinensack war nicht mehr zu finden. Mein ganzer Körper zitterte, ein klares Denken überhaupt nicht mehr möglich. In diesem Sack war mein 20-faches Monatseinkommen.

Wenig später trat eine Kundin in die ganze Aufregung. Mit der arglosen Frage: “Ist es richtig, dass dieser Sack bei den Waschmitteln liegt?“ Ich hätte die attraktive Dame am liebsten umarmt, musste aber ernsthaft befürchten, dass ich sie bei diesem Vorgang erdrückt hätte. Zu groß war mein Freude. Sie blieb aber währen meiner ganzen Zeit in Wallisellen eine meiner liebsten Kundinnen. Wer will mir diese Parteilichkeit nicht verzeihen? Der Auftrag wurde zu Ende geführt. Ich musste mich aussprechen können im Anschluss.

Zu keiner Zeit hatte mir meine Chefin misstraut. Beruhigen aber konnte ich mich nur schwer. In dieser schweren Stunde sagte diese wahre Persönlichkeit etwas zu mir, dass ich später in die Köpfe meiner Kinder, und unzähligen anderen Mitmenschen immer auf den Weg gegeben habe. Kurt sagte sie zu mir, zum ersten mal hat sie mich geduzt. „ Wer anderen nicht taut, dem ist nicht zu trauen“ ! Wie recht sie hatte. Bald sollte ich aber den eigenen militärischen Karriere knick hinter mich bringen.

Diese Zeit vor dem Militärdienst gehörte zu den wildesten meiner Jugendzeit. Mal da ein kleineres Abenteuer, dazwischen mal ein größeres. Im wesentlichen kann man sagen, dass ich keine „traurige Strohwittwe“ zurück lassen musste als ich später den Militärdienst antreten musste.

Vorerst war es aber noch nicht soweit. Man tollte mit Freunden, neuen und alten durch die Gegend, spielte den unbesiegbaren und tollen Hecht. Jungmännergehabe eben. Man kannte die entlegensten Spelunken im Zürcher Oberland. Man bewunderte mal einen gut angezogen Gentleman der einen Besoffenen mit einem einzigen Faustschlag die etwa 30 stufige Außentreppe des Hirschen hinunter beförderte, nicht ohne mit einer Ruhe dem Kerl nachzusteigen, ihn wieder auf die Beine stellte um ihm den Rest zu geben. Dieser dumme Kerl hatte es gewagt seiner Freundin an den wohlgeformten Ar… zu greifen. Es ging zu im Hirschen Hittnau, fast schlimmer als im wilden Westen.

Am Ostersonntag in der Nacht ab frühestens 23 Uhr ist ein großer Event (würde man heute sagen) losgegangen oben auf dem Meiersboden. Offiziell durfte der legendäre Anlass der Kirche wegen eigentlich erst um Mitternacht starten. Aber wer wollte es schon riskieren keinen Platz mehr zu finden. Dieses Riesenspektakel im Niemandsland zwischen dem Tösstal, dem hinteren Thurgau und dem Toggenburg hatte eine lange Tradition. Man musste einfach dabei sein, auch als Nichttänzer, der ich nun einmal war. Ein Gaudi war es trotzdem. Die schönsten Mädchen und die wildesten Burschen gaben sich hier ein Stelldichein. Geendet hat das Ganze dann so morgens um 8 Uhr.

Auch der Dami-Beizer in Wallenwil wurde des öfteren besucht. Seine Erfolgsstrategie gründete auf einer aus heutiger Sicht kaum verständlichen Eigenart. Jeder dritte Satz von ihm begann mit dem Wort Dami. Er wollte natürlich kein Gotteslästerer sein, weswegen er den viel verwendeten Fluch „Gottverdami“ auf seine Art reduziert hat. Wen wundert es, dass mit seinem Tode auch das ansonsten gemütliche Restaurant verschwunden ist. Auch in der näheren Umgebung wurde keine „Hundsverlochete“ ausgelassen. Dabei haben wir auch unser Lehrgeld bezahlt. Mancher Morgen mit Brummschädel musste überstanden werden.

Die Ursache war fast immer die gleiche. Die Weinkultur in der Schweiz war noch nicht besonders angestrebt worden. Im ganzen Zürcher Oberland waren die Brüngger Weine aus Illnau verbreitet, das Wort Önologe noch nicht einmal erfunden. Die Weinfässer wurden in erster Linie mal tüchtig geschwefelt, damit der Traubenmost nicht oxidiert ist. Da das Schwefeldioxid in viel zu grossen Mengen eingebracht wurde, genügte durchaus die Konsumation eines halben Liters um mit einem gewaltigen Brummschädel aufzuwachen am nächsten Morgen. Der Vollständigkeit haben sei erwähnt, dass auch in der heutigen Weinherstellung auf schweflige Säure nicht verzichtet werden kann. Wie sagte einer der bekanntesten Schweizer, man nannte ihn Paracelsus: “ Allein die Menge macht das Gift“. Wenn es dann Alkohol sein musste, stieg man vermehrt auf Gerstensaft um.

Vom Jungen zum Mann ?

Dann aber kam die Stäcklimusterung, will heißen die militärische Musterung. Insider und Lebens erfahrene mögen ahnen, was dieser Ausdruck bedeutet. Wir hatten anzutreten in Uster. 1. Sportliche Prüfung. 2. Sanitarische Musterung. 3. Einteilung. Es ging schon reichlich militärisch zu. Weil aber in Uster fast zuletzt gemustert wurde, war das Verdickt fast so klar wie das Wasser. Die militärischen Lücken wollten gefüllt werden. Ich glaube heute sagen zu dürfen, dass 90 Prozent der Stellungspflichtligen bei der Infanterie gelandet sind. Der Überblick fehlte, erst die Spezialisten, dann das Fußvolk. Mein Wunsch wäre bei der Artillerie gewesen, meine rechnerischen Fähigkeiten hätten dazu eigentlich verleiten müssen.

Jeder durfte seinen Wunsch aussprechen. Irgendwann stand auch ich achtungsvoll vor dem Major. Ein paar aufmunternde Worte wie „Sie werden sich wohl fühlen etc. etc.“ und der große Infanterie Stempel knallte in mein frisch erhaltenes Dienstbüchlein. Dann ist er zu zweiten Amtshandlung geschritten. Ein zweiter Stempel sauste auf das bemitleidenswerte Papier. MW-Kanonier. Ich habe also doch etwas mit Kanonen zu tun, hoffte ich an diesem Tage. In 4 Monaten sollte mich die Wirklichkeit dann einholen.

Anschließend wurden die „Stäcklibuebe“ in vielen Gemeinden wie Helden empfangen, auch in Russikon. Wir fühlten uns dadurch allerdings nicht besonders gebauchpinselt. Wir hatten völlig andere Pläne. Ein findiger Geist in der verwegenen Truppe brachte in Erfahrung, dass am kommenden Samstag in Urnäsch und zwar oben auf der Hochwacht die Alp abfahrt gefeiert wurde. Da musste man zwingend hin. An sich wäre es bei einem tollen Fest geblieben, wenn nicht Walo gegen Morgen so erstarkt wäre, dass er völlig unnötig begann die anwesenden Sennen zu provozieren. Schade war nur, dass man ihn dafür nicht gehörig verprügelt hat. Was blieb war eine wesentliche Lebensweisheit, die ich dazu gelernt habe. Diejenigen welch mit Alkohol nicht umgehen können, sollten ihn besser meiden. Wir anderen haben den Umgang mit Walo stark eingeschränkt, zu sehr mussten wir uns an diesem Anlass schämen.

Noch vor Antritt meiner Rekrutenschule wollte ich nun meinen Bruder Reini besuchen in Andelfingen. Er stand bereits in seinem letzten Lehrjahr und ich war gespannt, wie seine Entwicklung gelaufen ist. Ich fand ihn in einem für mich eigenartigen Umfeld vor. Er war zu einem tüchtigen Berufsmann heran gewachsen. Die Arbeit als solches schien im Spaß gemacht zu haben, mit den üblichen Spannungen, die jeder Lehrling ab und zu auszustehen hatte. Was mich mehr gewundert hat war sein privates Umfeld. Er unterhielt eine platonische Freundschaft mit den beiden Töchtern des benachbarten Baumeister. Mit Foxli und Christine. Eine für mich völlig neue Erfahrung, trotzdem schien ihm das Ganze zu gefallen. Wie das Leben so spielt, schon bald einmal sollten wir zusammen eine gemeinsame Wohnung in Seebach beziehen. Dabei sollte ich auch einen möglichen Grund dieser für mich kalten Umgebung erfahren. In seinem zweiten Lehrjahr ist etwas passiert, dass für viel Aufsehen in Andelfingen gesorgt hat. Es muss im Dorfe eine regelrechte Lolita ihr Unwesen getrieben haben. Als das Ganze aufgeflogen ist, stand eine ganze Meute jugendlicher aber auch ältere Herren vor dem Kadi. Mein Bruder gehörte auch dazu. Das frühreife Mädchen war noch keine 16 Jahre alt. Der Tatbestand. Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen erfüllt. Gefängnisstrafen wurden ausgesprochen. Mein Bruder wurde bedingt verurteilt, da er zur Tatzeit noch nicht 18 Jahre alt war.

Zwar brachten zwei Gangster anfangs der 50er Jahre die Schweiz gehörig ins schwitzen, dass man aber wegen Sex verurteilt werden konnte, war noch nicht in meinem Kopfe angekommen. Dazu ist eine Erklärung fällig. 1953-54 führten die beiden Gangster Schürmann und Deubelbeiss Chicagomethoden in der ansonsten friedlichen Schweiz ein. Fast jeden Tag wurde am Radio darüber berichtet. Ich glaube die ganze Nation war erschüttert, und verängstigt, davon war auch ich nicht ausgenommen.

Die Tage vergingen, die Arbeit machte mir Spaß, täglich wurden beruflich und privat neue Erkenntnisse gewonnen. Auch zu Hause lief alles einen geruhsamen Weg. Ab und zu habe ich meine Großeltern, meine Tante Dora und meinen Bruder Hans in Gündisau besucht. Auf diese Art blieb ich stets auf dem neusten Stand der Dinge. Meine Großeltern mussten nicht mehr so darben, dank ihrer AHV und Doras inzwischen etwas gestiegener IV-Rente. Sie konnten sich sogar das „Gelbe Heft“ abonnieren, ein dann zumal häufig gelesene Wochenzeitschrift. Später gesellte sich noch das „Leben und Glauben“ dazu. Aus damaliger Sicht musste ein Deutschschweizer unbedingt die zweitgrößte Landessprache lernen. So wurde auch für Hans ein Welschlandjahr ins Auge gefasst. Man wollte aber nicht noch einmal die gleichen Fehler machen, wie bei uns zwei Älteren. Nun hatte man mit dem „Gelben Heft“ auch besser die Möglichkeit sich eingehend und umfassend mit dem Arbeitsmarkt zu befassen. Man blieb zwar religiös, konnte sogar ein mal im Monate mit dem Postauto zur Kirche und zurück fahren, wollte sich bei einem Welschlandaufenthalt nicht mehr auf die Landeskirche verlassen. Wer konnte damals ahnen, wie bald eine ganz andere Sprache wesentlich wichtiger werden würde. (Englisch). Unsere einst guten Französischkenntnisse verloren sich mangels Anwendung in den Tiefen unseres Gehirnes.

Rekrutenschule

Im Monat November 1964 flatterte ein eigenartiges Papier in meine Hände. Ich erhielt den Marschbefehl. Ein was bitte? Ich hätte mich, ich meine es war anfangs Februar in der Kaserne Zürich zum Militärdienst zu melden. Vorerst ging all schön ruhig voran. Wir fassten unser persönliches Material, 2 Hemden, Krawatten, Schuhe, Gürtel, den Militär Kaputt, Essbesteck, das berühmte Taschenmesser, Gammele und Feldflasche, Schuhputzzeug, Gewehrputzzeug, Rucksack, Effektentasche und natürlich unsere Uniform und die provisorischen Achselpaten. Alles wurde ins Dienstbüchlein eingetragen und zuletzt erhielten wir weitere militärische Dokumente das Schießbüchlein und den Grabstein. Wir waren ein erstes Mal überfordert als wir die ganzen Kleider in unsere Massenunterkünfte schleppten.

Noch waren wir halbe Zivilisten. Nun sollten wir uns zum Mittagessen begeben. Alles war noch bunt durcheinander gemischt, keine Ordnung keine Einteilung nichts. Ich entsinne mich bis zum heutigen Tage, dass es Suppe, Ravioli, (noch) frisches Brot und Salat gab. Die Ravioli und auch das Brot waren so kärglich bemessen, dass auch ein Zweijähriger kaum satt geworden wäre. Heimlich dachte wohl jeder, wenn das nur nicht so weiter geht. Ich kann aber sagen, dass wir später immer gut bis sehr gut gegessen haben in der Armee. Es blieb bei diesem einmaligen Ausrutscher.

Am Nachmittag das Fassen des Korpsmaterials. Erst das persönliche, dann die Waffen. Nun standen wir erstmals in unserem Tenue ex beisammen. Aber auch die Kampfausrüstung die Winterartikel und ein Überkleid wurde gefasst. Erst dann ging es zu Fassung der Waffen. Nebst dem Sturmgewehr und dem Bajonett machten wir mit dem bald einmal meist gehassten Utensil unseren Eisenhaufen, den Minenwerfern Bekanntschaft machen.Vorerst durften wir sie mitsamt Tarnnetz und Putzkorb wie jeden Abend im Materialmagazin einlagern. Es folgte das Erstellen der Plankenordnung, kein einfaches Unternehmen. Jedes Ding an seinen Ort …usw. Auch die Zahnbürsten wollten alle auf die gleiche Seite ausgerichtet werden. In der Anfangszeit landeten des öfteren die ganzen Gegenstände auf dem Bett um alsbald richtig angeordnet wieder platziert zu werden.

Jeden Tag wurde ein Tagesbefehl ausgehängt, hatten wir Glück waren es auch mal zwei auf einmal. Man musste zwar noch denken, aber in erster Linie ausführen. Tag wache 5.30 Uhr, Arbeitsbeginn 7 Uhr, Lichter löschen 23 Uhr. Was für eine Umstellung.

Menschen aber lernt man kennen im Militärdienst wie sonst nirgendwo. Am 2. Tag ging es los. Das Ganze Bataillon, 600 Mann hatte sich auf dem Exerzierplatz aufzustellen. Jeder wusste seit er seinen Marschbefehl erhalten hat, schon einmal in welcher Kompanie er zugeteilt war. Und so standen wir zum ersten mal vor unserem Zugführer Lt. Imfeld und den 4 Unteroffizieren. Unser Kompaniechef Oblt. Urech war am ersten Tag noch mit Planungsarbeiten beschäftigt.

Auf Einglied Sammlung. Auf vier durchnummeriert, die Gruppen waren definitiv eingeteilt.Die vier Korporale übernahmen ihre Gruppen. Die Arbeit konnte beginnen. Jede Gruppe suchte sich einen Platz. Erst stehend, dann liegend im kalten Schnee wurden die Bedienungsgriffe am Sturmgewehr geübt. Bald einmal spürten wir unsere Hände kaum mehr. Das aber war noch Ferienbetrieb.

Je unfähiger je Adolf (Adolf Hitler). Eigentlich aber hatten wir Glück in unserem Zug Imfeld. Zu stark die Persönlichkeit unseres Zugführers. Wie der Namen schon sagt, er kam aus der Innerschweiz war äußerst sportlich, stets fair aber streng, eine echte Führungsperson. Die Truppe stand wie eine Wand hinter ihm, wir mochten ihn sehr. Eigentlich gab es in unserem Zug nur einen absoluten Scheißkerl, ein Korporal aus Schaffhausen. Seine grossen Tage aber sollten schon bald gezählt sein.

Es gab aber immer wieder grausame Erlebnisse. Die Kampfbahn war solch ein Objekt. Wir krochen stundenlang durch den Schlamm, wobei der darüber gespannte Stacheldraht verunmöglichte, dass man sich aufrichten konnte dabei. Es folgte das überwinden der Kletterwand usw. Zuweilen waren wir so verdreckt, dass wir uns gegenseitig nicht mehr kannten.

Nicht nur einmal standen Passanten, nicht etwa junge Stänkerer, sonder ältere Männer mit Aktivzeiterfahrung am Sicherheitszaun und schrien Nazis, Nazis, Nazis. Dazwischen gab es immer auch schon Übungen im Kompanieverband.

An eine entsinne ich mich noch heute haarscharf. Es galt die 5 Meter hohen Taue in voller Kampfmontur mit Sturmgewehr, Gasmasken im Kämpfer, Bajonette und mit Nagelschuhen zu erklimmen. Die Montur erhöhte unser Körpergewicht um gute zwanzig Kilo. Unser Kadi war ein zäher Hund, keine Frage. Wer da nicht mithalten konnte war schon bald einmal ein Versager.

Es kam zu meinem traurigsten HV. (Abtreten in den Ausgang). Wer das Erklimmen des Taus nicht geschafft hatte, sollte so lange üben bis er oben war. Ein Drittel der Kompanie hat dies nicht geschafft. Wir mussten in voller Kampfausrüstung zusehen wie unsere Kameraden in den wohlverdienten Ausgang entlassen wurden, und hatten uns unverzüglich an den Tauen zu melden. Die Perversion war aber noch lange nicht erreicht. Jeder hatte jeweils drei Versuche, dann kam der berüchtigte Tenüfetz. Ins Zimmer stürmen ausziehen und eine Stunde später wieder in Vollmontur erscheinen. Ich kann ihnen versichern, dass dies dann auch gründlich überwacht wurde.

Diese Funktion übernahm, ja wer wohl? Es war der kleine Schreihals aus dem Schaffhausischen. Um 11 Uhr sahen wir unsere erstaunten Kameraden aus dem Ausgang zurückkehren. Es hat alles nichts genutzt, auch die erneuten Nazibeschimpfungen am hohen Maschendrahtzaun nicht. Die Sache zog sich dahin bis 3.30 Uhr im Morgengrauen. Wäre nicht ein kräftiger Bauernsohn ansonsten eher unauffälliger Kamerad vor den Korporal gestanden, die Sache wäre weitergegangen. Sein „ Ihr könnt mich alle miteinander am Arsch lecken“ hat uns gerettet. Ich brauche ihnen nicht zu sagen, dass wir zu dieser Zeit nur noch an die dicken Seile gehangen sind. Zum ersten Mal erlebte ich eine klare Befehlsverweigerung. Das Verdikt in solchen Fällen klar. 10 Tage scharfer Arrest. Erschossen wurde man damals nicht mehr, immerhin das.

Das ganze hatte in der alten Kaserne Zürich zu einer wohl einmaligen Handlung geführt. Die Geschichte ist bis zum Kommandanten der Kaserne vorgedrungen. Es war das erste, aber auch das letzte mal dass ich hörte wie sich ein Kompaniekommandant bei seiner Truppe entschuldigt hat. „Es ist wohl doch etwas übertrieben gewesen gestern Nacht.“ Die Hacken wie stets mit einem richtigen Knall aneinander geknallt. Abtreten !!! Mit seinem stetigen Schlusswort eines bewältigten Arbeitstages entließ er uns in den nicht geplanten Ausgang. Wir Opfer schleppten uns diesen Abend nur noch ins Restaurant Schlüssel, keine 150 Meter von der Kaserne entfernt. Das in Massen gesoffene Bier ließ uns dann die Strapazen vergessen machen.

Man kannte in jener Zeit noch eine besondere Bierglasform den Stiefel. Zwei Liter Bier hat er gefasst. Man trank diese Gefäße nie alleine, stets zu dritt oder viert. Dafür aber natürlich ein paar davon. Irgendwie hat uns dieses eigenartige Ritual zusammen geschweißt und um es noch zu verstärken wurden auch öfters ein Unterseeboot versenkt. Ein volles Glas Träsch wurde nicht hinein geschüttet sondern ins volle Glas abgesenkt. Vor der grossen Schießverlegung auf die Alp Sellamatt erfolgten noch ein paar Wochen üben und Schießen, meistens aber mit blinder Übungsmunition auch Nachtübungen in Hauff waren angesagt.

Eines Tages ist eine folgenschwere Panne passiert. Wieder einmal waren wir ohne Getränke im Einsatz. An jenem Märztag muss die Sonne schon kräftig geschienen haben, jedenfalls trieb der Durst einige, auch mich an die Sihl. Wir füllten unsere Feldflaschen und löschten auf diese Art unseren grossen Durst. Ohne Ausnahme sind wir mit den übelsten Magengeschichten im Krankenzimmer gelandet. Dafür wurde in der Medikation für einmal eine Ausnahme gemacht. Nicht 3×1 Treupel wurde verordnet wie sonst immer und bei jedem Leiden. Jetzt mussten Kohletabletten verschrieben werden. Dies hat die Meisten nach ein paar Tagen wieder auf die Beine gebracht. Von nun an wurde nie mehr ohne Tee ausgerückt. In den Zeitungen ist das ganze allerdings nie erschienen.

Das größte Übel in der Infanterie blieben aber die ewigen Sehnenscheidenentzündungen. Auch ich wurde 2 mal betroffen, wobei mir der Arzt buchstäblich eine Nadel durch das abgestorbene Fleisch an der Ferse stoßen konnte. Die Ursache war klar, stetiges Laufen mit kalten und nassen Füssen.

Viel Laufen gehört nun mal zum Geschäft des Infanteristen. 10 km zuerst, 15 km Nacht­lauf, der 30 km Lauf und dann das Finale der in der Infanterie obligate 50 km Marsch stand bevor. Wir wurde wie bei solchen Anlässen üblich in Camions verfrachtet und nach Einsiedeln geführt. Erst völlig locker, ja fast genussvoll ging es in erleichtertem Tenue los. Wobei erleichtertes Tenue bedeutet das die Knöpfe des Kampfanzuges wie gewünscht offen gelassen werden konnten. Ein richtig strahlender Kadi hat uns natürlich auch begleitet.

Bald einmal machten wir eine großartige Entdeckung. Unser „Lieblingskorporal“ jammerte immer erbärmlicher. Reißen sie sich am Riemen, forderte ihn der Kadi auf. Es hat alles nichts genutzt. Ein paar Kilometer weiter stieg er, fast weinend in die begleitende Ambulanz. Von nun an hat er uns nie mehr angeschrien, versuchte zunehmend auf gut Kamerad zu machen. Ich kann nicht leugnen, dass wir unsere helle Freude daran hatten.

1965 war das Naturtrasse der N3 eben fertig gestellt. Die letzten 28 km wurden also auf der Autobahn zurück gelegt. Sie können mal versuchen bei einer Panne die nächste Notrufsäule zu erreichen. Die liegt aber in der Schweiz nie weiter als 500m von Ihnen entfernt. Die Eintönigkeit einer Autobahn macht schon diese lächerlich kleine Distanz zur Mühsal.

In der Allmend Brunau war die Sache überstanden, glaubten wir. Es ist aber nur ein kosmetisches Ende gewesen, als wir die Camions bestiegen, um in die paar Kilometer in die Kaserne zu fahren. Dieses Vorgehen hat man vermutlich nur gewählt, damit niemand den jammerhaften Haufen gesehen hat. Viele hinkten, das aufsteigen ist noch locker gegangen, das Absteigen wurde dann aber zur Qual. Auch wenn Kameraden bereit standen um den Sprung vom Lastwagen zu dämpfen.

Es kam aber noch toller. Unser Oberindianer ordnete eine fast einstündige Zugschule mit den obligatorischen Nagelschuhen an. Viele mussten die hohen Schuhe erst wechseln. Die Blasen und die teilweise blutenden Füße haben schon diese Tortur nicht gerade verdankt. Es folgte der obligate PD/ID, den mit schmutzigen Schuhen im Gestell kann bekanntlich ein Soldat nicht schlafen.

Dann der letzte Befehl: Verordnete Bettruhe bis 14 Uhr. Zum ersten Mal bin ich mir sicher gewesen, dass unser Kadi nichts weniger als ein jämmerlicher Sadist war. Er glaubte in lächerlich kurzen 2 Monaten, aus einer Milizarmee amerikanische Marines heran züchten zu können. Als ich am Ende der Rekrutenschule auch noch in seine Einheit Schw. Füs. Kp. IV/66 Kp. eingeteilt wurde, war mir klar, dass mich dieser Fanatiker noch eine Zeit lang begleiten würde. Ich verschob in den Jahren danach zwei WK, so blieben am Schluss noch vier unter seiner Leitung.

Über eine letzte „Heldentat“ muss noch berichtet sein. Ich rückte, so glaube ich (mein Dienstbüchlein ist längst im Altpapier gelandet) zu meinem 1. WK ein. Material fassen, den ganzen Tag blödsinnig den Tag vertrödeln und auf den Einsatzbefehl warten um gegen Abend von Wald nach Wattwil gefahren zu werden. Unser Kommandant hatte wie immer eine Extratour vorbereitet. An diesem Tage war seine Fantasie ganz speziell. Vorgängig muss ich sagen, dass die Ausrüstung eines Minenwerferkanoniers je nach Charge zwischen 30 und 48 Kilo ist. Mein Job war in der ganzen Dienstzeit Geschützchef. Die Grundplatte eines Minenwerfers wiegt allein 21 kg. Ich bin jeweils mit den 48 kg beglückt worden. Mit dieser Last am Körper sollten wir in der ersten Nacht von Wattwil nach Urnäsch marschieren. 50 Minuten laufen, 10 Minuten Pause. Morgens um 5.30 Uhr sind wir in Urnäsch eingetroffen. Noch etwas dazu zu sagen brauche ich nicht mehr.

Seiner Karriere war das Geschilderte außerordentlich dienlich. Sechs Jahre später hat er den Oberst abverdient, und wir bekamen einen neuen Kommandanten. Hauptmann Frei.

Fazit. Bis zu meinem 26. Altersjahr hatte ich von der Institution Armee die Nase gestrichen voll. Das es durchaus auch normal zu gehen kann, durfte ich später auch noch erfahren, des öfteren sogar, auch wenn es dabei auch den einten und anderen harten Tag gegeben hat. Die Armee ist und darf ja auch keine Ferienkolonie sein. Ich habe auch das nötige Verständnis, dass die Munition verschossen werden muss, den ewig ist sie nicht haltbar. Wer aber wie ich und meine Kameraden erleben durften, wie auf der Alp Sellamatt zwölf „Freiwillige“ anlässlich des ansonsten gemütlichen Kompanieabends, ein ganzes Magazin voll (24 Schuss), mit dem Sturmgewehr, in Stellung S in einen Schneemann gepfeffert haben, muss sich Gedanken machen….. Uff…..ich glaube, dies war mein längster je geschriebener Satz. Mir, und nicht nur mir, haben die „Freiwilligen“ und der begeistert dabei gestandene Kompaniekommandant zu denken gegeben.

Jede Lebensphase brennt ihre Erinnerungen in deinen Kopf. Glücklicherweise nicht nur die negativen sondern auch die positiven. Und wenn mich mein Feldwebel eines Tages mit der Bemerkung: „ Graf, was bist du nur für ein Pflock“ angeschnauzt hat. Ein Mann geht immer auf der linken Seite seines Vorgesetzten, genau so wie er immer auf der linken Seite seiner Frau geht.. Diese Schelte ist gesessen. Was in der Arbeitswelt recht gut zu funktionieren scheint, sieht meiner Ansicht nach im Privaten immer mehr bedenklich aus. Aber wen wundert dies in einer Zeit, da vierzig Prozent aller Schweizer keine Rekrutenschule mehr absolviert haben und weitere zwanzig Prozent ausländischer Herkunft sind. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich schleunigst die Seite wechsle, falls mich eine Partnerin links überholt. Ja, gelernt ist eben gelernt.

10. Kapitel

 Der Wiedereinstieg ins Berufsleben

 

Es ist nicht zu bestreiten. Nach jedem Militärdienst und erst recht nach der Rekrutenschule kommst du dir halbnackt vor. Zuerst musst du wieder lernen, dass 1-2 Kilo Kleider durchaus genügen um dich zu kleiden. Du tänzelst förmlich durch die Landschaft.

Und in einer solchen mit großer Lebensfreude durchströmten Stimmung habe ich meine vorhergehende Stellung im MM Wallisellen wieder angetreten. Was waren das für Zeiten. Ich wohnte vorerst immer noch in Rumlikon. Erst einmal gibt es vom Migros-Markt einige Sachen zu erzählen, an die sich schon heute nicht mehr viele Leute erinnern vermögen werden. Vor grossen Feiertagen stellte die Migros jeweils ein Sammeltaxi, welches die Auswärtigen und damit auch mich morgens um 4Uhr an unseren Wohnorten abgeholt hat.Zu groß war das Arbeitsaufkommen an diesen Tagen. Es wurden Ausnahmebewilligungen eingeholt vom zentralen Transportdienst, damit die Lastwagen früher beliefern konnten. Am Samstagmorgen musste die Türen des Ladens des grossen Ansturms wegen immer wieder geschlossen werden. Aus Haarassen, Brettern und der alten Standkasse wurde eine zusätzliche Kassenanlage geschaffen. Es half alles nichts, die Kunden behinderten sich gegenseitig beim Einkaufen. Es gab kein Durchkommen mehr. Die Kunden mussten vordem Laden warten und niemand ist darob verzweifelt.

Werter Leser, versuchen sie sich einmal in der heutigen Zeit, sich so etwas vorzustellen. Es war wirklich eine völlig andere Welt. Eine Veränderung wurde vom MGB, (Migros Genossenschafts- Bund) damals bereits angedacht. Man wollte eigentliche Einkaufszentren schaffen. 10 Jahre später (1975) wurde das Einkaufszentrum Glatt eröffnet.

Das ganze Gemüse- und Obstsortiment kamen unverpackt in die Filialen. Es gab einzig drei Ausnahmen. Kartoffeln und Karotten wurden schon damals erst noch in Netzen, später in Plastikverpackungen angeliefert. Und die Äpfel waren schon dann in 2 ½ Tragetaschen angeboten worden. Basta! Alles andere wurde in den Filialen, in kleine oder große Kartonschachteln verpackt, gewogen mit Preisen ausgezeichnet. Während der Blumenkohl und Broccoli an der Storze mit einem blauen Farbstift ausgezeichnet wurde, verpackte man den Chicorée, Endivien, Nüssli und sogar den Kopfsalat in Plastiktüten. Bananen wurden noch in „Kindersärgen“ (Holzkisten) mit 10kg Inhalt angeliefert. Dies hatte einen sehr guten Nebeneffekt. Man konnte die Bunde ziemlich kundengerecht portionieren und preis auszeichnen. Ich will damit nicht sagen, dass es daneben keine Spezialwünsche mehr gab. PS. Versuchen sie heute mal eine einzelne Banane zu kaufen in einem Migros-Markt. Sie werden das Vorhaben nach kurzer Verzweiflung abbrechen.

Wir betrieben sogar eine eigene „Druckerei“. Sie bestand aus einem Stempel und drei verschiedenen vorgedruckten Etiketten und wurde vom legendären Karl Fricker betrieben. Noch heute sehe ich sein schwabbelndes Kinn, wenn er jeweils bis zu 120 Etiketten in einer Minute gestempelt hat. Jeder routinierte Postbeamte hat neben ihm reichlich bescheiden gewirkt in seiner Effizienz.

Schon damals gab es eine ziemlich gute Einrichtung in der Migros, ein eigentliches Bindeglied zwischen den Verkaufsleitungen in der Zentrale und all den Filialen, die Verkaufsfachberater und Verkaufstrainer. Die meisten fuhren einen VW Variant. Sie hatten nämlich auch noch eine zweite nicht unwichtige Aufgabe. Sie besorgten des öfteren den Austausch von Waren zwischen den Filialen. Unser Mann für Früchte und Gemüse war Hans Weber. Er wohnte in Wallisellen und war deshalb auch ziemlich oft unser Gast, in späteren Jahren sogar mein Nachbar. Ein äußerst fähiger und tüchtiger Mann, stets ein Lächeln in seinem Gesicht, ein richtiger „Gmüesler“ eben. Ein exzellenter Organisator nebenbei.

In der Erdbeeren Hochsaison wurden diese delikaten Früchte direkt vom Produzenten in Italien per Nachttransport in die Filialen geführt. Frischer geht es dann wirklich nicht mehr. Ich glaube, dass die Oberen der heutigen Migros heute nur noch von solchen Taten träumen. Wenn ich jedenfalls den aktuellen Werbefilm der Migros sehe, finden ich ihn ziemlich lachhaft, um nicht zu sagen blöd. Da rennt ein Huhn kilometerweit von einem Bauernhof zur Rampe einer Migros-Filiale um ein Ei in eine Schachtel zu legen. Daran kann auch der stolz lächelnde Verkäufer nichts ändern. Ein echter Dienst am Kunden sieht anders aus.

Und wieder einmal hatte unser Hans Weber großes vor. Das Kilo Bananen kostete damals Fr. 1.20/kg. Davon haben wir an einem Samstag ca. 30 Kisten verkauft. Auf irgend eine Weise kam die Migros Zürich zu einem grossen Posten Bananen Klasse 2. In keiner Weise schlecht, aber sie mussten in den nächsten Tagen zum Konsumenten. Weil er nur zu gut wusste wie ängstlich Anna Schaffner zu disponieren pflegte, (dies ist absolut nicht negativ gemeint) wandte sich Hans in seiner „Not“ an mich. Diese Bananen, ich weiß es noch heute sollten 75 Rappen/kg kosten. Für euch sehe ich 160 Kisten. Dies hat dann auch mich um ein Haar aus den Socken gehauen. 1600Kg Bananen in Wallisellen an einem einzigen Tage. Man hielt uns für beklopft. Seine Erfahrung und meine Jugendlichkeit haben es möglich gemacht. Die ganze Aktion wurde auf dem Vorplatz des Ladens abgewickelt. Die Frau von Hans betreute den Stand, den er wollte ein Zeichen setzen. Wallisellen hatte ein neues Dorfgespräch und die Migros wieder einmal eine ziemlich gute Werbung.

Das Bestellwesen funktioniert noch mit Bestellbüchern, während Charcuterie und Fleischbestellungen direkt telefonisch bei unseren beiden Lieferanten getätigt wurden. Auch Blumen und Topfpflanzen wurde noch bei den Vertragsgärtnereien bestellt. Die Bestellungen mussten bis 16Uhr auf der Post sein. Die Frischprodukte mussten ja noch alle in der Nacht bereitgestellt werden. Im None-Food Bereich gab es teilweise einen 48 Std. Lieferrhythmus. Die Schweizerische Post anno 1965, blitzschnell und mit einer Zustellpräzision die weltweit bewundert wurde. Die Migros hat der Post einiges von ihrem Erfolg zu verdanken.

Die Migros wollte und musste eine Vorreiterrolle übernehmen. Bereits 1965 wurden magnetische Karten maschinell lesbar. Sie brachten uns in den Filialen erst einmal nur zusätzlichen Aufwand. Wir hatten vorerst die doppelte Arbeit. Manuell wurde die Bestellungen in die Bestellbücher geschrieben, und anschließend auf die Karten übertragen. Diese Karten brauchen also exakt so viele Zeilen, wie es in den guten alten Bestellbüchern gab.

Ich versuche mich kurz zu fassen und greife deswegen in mein Mathematik-Idiotikum. Eine Maschine kann Zahlen nicht lesen, sie kann grundsätzlich nur zwischen positivem und negativem Wert unterscheiden. Zur Darstellung benötigt man 8 nebeneinander Spalten. Der Begriff Bits war geboren. Mit diesen 8 Bits können 256 Werte dargestellt werden. 1 Byte. Man musste jetzt eigentlich nur die gewünschten Felder mit magnetischen Bleistift markieren, damit die Maschine den Wert errechnen konnte. Jedes Feld hat einen Wert zugeordnet. Diese Felder bezeichnet man wie gesagt mit Bits. Bit 1=Wert 1, Bit 2=2, Bit 3=4, Bit 4=8. Bit 5 =16, Bit 6=32, Bit 7=64, Bit 8=128. Ich will ihnen die Möglichkeit geben, dass sie das ganze nachvollziehen können. Etwas dürfen sie sicher schon bemerkt haben. Es geht immer schneller aufwärts mit den Werten.

Kehren wir der Einfachheit halber in die Praxis zurück. Man kann also keinen Karton Ravioli bestellen indem man keines der Felder markiert (Wert 0). Man kann aber auch 18 Kartons Ravioli bestellen. Man markiert Bit 2 und Bit 5 usw. usw. Probieren sie ruhig mal aus. Bestellen sie X Karton Ravioli. Ein erster Schritt in Richtung EDV war gemacht in der Migros. In meiner Arbeitswelt.

Alles ist Mathematik. Mathematik bestimmt wann sie aufstehen, ob sie ein köstliches, durchschnittliches oder auch schlechtes Essen auf den Tisch bringen. Mathematik bestimmt wann und wie sie ihre Betten machen. Mathematik bestimmt wie und wann sie zu ihrer Arbeit fahren. Diese älteste Wissenschaft beherrscht eigentlich unser ganzes Leben. Noch oft in meinem Leben bereute ich, dass ich mich nicht ausreichend in dieses Wissensgebiet vertiefen konnte. Mit zunehmendem Alter hat sich dies dann allerdings mehr und mehr gelegt. Man macht aus der Not eine Tugend. Immer mehr interessieren mich inzwischen die Menschen. Vielleicht ist das sogar noch interessanter.

Bis zu diesem Zeitpunkt war alles klar verständlich. Eigentlich jeder Angestellte war in der Lage dieses einfache Verfahren in einer halben Stunde zu lernen. Aber die Entwicklung ging weiter. Und in welchem Tempo sie sich weiter entwickelt hat. Bald einmal gab es in der Betriebszentrale ein Rechenzentrum in einem Raum von geschätzten 100 m². Man testete und testete. Bald wurden alle Filialen mit Terminals ausgestattet. Dies mag auch der Grund gewesen sein, weshalb ich noch für ein paar Monate hier bleiben sollte. Unsere wirklich fähige, erfahrene und menschlich höchst wertvolle Filialleiterin, kannte bald nur noch einen Zustand: Angst. Wie sollte sie mit dann zumal 57 Jahren dies alles noch begreifen. Sie stand keineswegs alleine da in unserer Migros Zürich. Das Unternehmen musste Flagge zeigen, ihre soziale Verantwortung wahr nehmen. Im Jubiläumsjahr 1965 hat sie diese Hürde meisterhaft genommen. Ich zog den Hut vor unserem damaligen Direktor Alfred Frieden.

Was aber ist ein Terminal? Von nun an war man in der Lage, den Filialen Bestellvorschläge zu unterbreiten errechnet aus dem Durchschnitt der vergangenen 8 Wochen. Dies stellte, wie man heute zu sagen pflegt einen ungeheuren Mehrwert für die Warenbeschaffung und die Arbeitsplanung der Verwaltung dar. Unser Profit am ganzen sollte erst später erfolgen. Vorerst gab es einen entscheidenden Nachteil. Die Bestellungen mussten ab sofort schon um 10.30Uhr bereit stehen. Man hatte sich also 6 Std. früher zu entscheiden, was am anderen Tage angeliefert werden sollte. Die schönen Zeiten waren vorbei, da man erst einmal sehen konnte, was die Kundschaft alles einkaufen würde. Das war ein erster kräftiger Nachteil. Aber, man fand auch hier eine Lösung. Ab sofort konnte im heikelsten Teil des Sortimentes, dem Sektor Früchte/Gemüse, am nächsten Morgen bis 8 Uhr Nachbestellungen per Telefon aufgeben. Die Waren wurden dann bereits mit den Kolonialwaren um 11Uhr geliefert. Es war natürlich unser Ehrgeiz möglichst wenig nachbestellen zu müssen, denn es ist sicher verständlich, dass diese in der Zentrale zu eigentlichen Ruck zuck Übungen führte.

Ein zweites Problem lag im Warengeschäft als solches begründet. Es gib ja ständig Aktionen, Warenzuteilungen und Saisongeschäfte. Diese mussten logischerweise auch fakturiert werden, erschienen somit auch in den Bestellvorschlägen. Man musste also äußerst exakt vorgehen, denn bestellt ist bestellt. Eine Rücksendung an die Zentrale nur mit großem Aufwand und dem telefonisch eingeholten Einverständnis beim zuständigen Sachbearbeiter möglich.

Vorerst betreute ich meine „Hey Miss“, wo ich nur konnte. Ja, ich genoss es geradezu, wenn ich ihr die Höllenmaschine näher bringen konnte. Sie ahnen es. In zwei Monaten saß die Gute schon mit großer Begeisterung an unserem Terminal und war mächtig stolz dabei. Es sollte die letzte große Hürde in ihrem Arbeitsleben gewesen sein. Sie blieb mir stets dankbar für meine damalige Unterstützung.

2 x 20 Jahre jung

Seit 3 Jahren ist der geniale Kaufmann und Migros Gründer Gottlieb Duttweiler nicht mehr. Er verstarb im Juni 1962. Mit 16 Angestellten gründete er Die Migros 1925. Ich glaube sagen zu können, dass die Migros etwas geblieben ist in diesen 40 Jahren, eine große Familie. Natürlich konnte man 1965 nicht mehr alle Mitarbeiter kennen. Zu viele sind es inzwischen geworden.

Man wollte dieses 40Jahre Jubiläum feiern. Der Anlass sollte aber manifestieren, dass die Migros ein junges dynamisches Unternehmen geblieben ist. Wirklich jung ist man eben mit 20 Jahren und so wurde dann auch der Anlass getauft. 2 x 20 Jahre jung.

Der Anlass sollte auf dem riesigen Dachparkplatz der Betriebszentrale Herdern statt finden. Ein gigantisches Vorhaben. Namentlich die schon recht große Dekorationsabteilung unter ihrem Leiter Herrn Isler hat eine wirklich einmalige Feststimmung geschaffen. Auf einem gedeckten Parkplatz kein allzu leichtes Unterfangen. Es gab eine eindrückliches und in den Köpfen gebliebenes Fest.

Nun spürte man immer mehr, wie man sich an amerikanischen Vorbildern zu orientieren begann. Man sprach nicht mehr von Werbung am Verkaufspunkt, dass hieß von nun an POS (Point of Sale). Mit zunehmender Entwicklung der EDV, etablierte sich auch die englischen Sprache immer mehr im Berufsleben, auch in der Werbung. Die alten Grundsätze aber sind geblieben. Eine stets saubere Werbung sollte es sein, stets aktuell sowieso. Nichts konnte den guten Herrn Isler mehr in Rage bringen, als selbst gebastelte Hinweistafeln. Er pflegte übrigens alle zu duzen. Schließlich saß man im selben Boot. Ein alter Fuchs eben. „Du kannst jedes gewünschte Plakat inert 24 Stunden anfordern, aber solche Malereien kann ich nicht akzeptieren.“ Recht hatte er. Seine Dekorationsabteilung gab wirklich alles. Der Aktualität halber musste man hin und wieder trotzdem zum Filzstift greifen, denn frische Erdbeeren dulden keinen Aufschub von 24 Stunden der Entscheidungen. So tat halt grundsätzlich jeder sein Bestes.

So wurde es Frühjahr 1966. Mein kleiner Bruder trat sein privat gesuchtes Welschlandjahr an. Er nutzte dieses Jahr aber einiges erfolgreicher als wir beiden Älteren und trat eine Stelle als Tankwart in Boncourt an. Auch wenn sein Lohn nicht überragend war. Zu jener Zeit pflegte man beim Tanken noch Trinkgeld zu geben. Allerdings wurden im Gegenzug auch die Fenster am Auto ringsum gereinigt. Im schweizerisch/französischen Grenzgebiet herrschte schon damals Hochbetrieb an den Zapfsäulen, da die Treibstoffpreise in der Schweiz entscheidend billiger waren. Und der Markt funktioniert eben immer.

Inzwischen trat auch mein Bruder Reini eine Stelle in Zürich an: Wir beschlossen eine eigene kleine Wohnung in Zürich-Seebach zu mieten. Zur gleichen Zeit schaffte ich mir das größte Kult-Kleinmotorrad an. Den damals wirklich legendären Kreidler Florett. Nun war ich wieder mobil, besuchte meine Schwester in Reitnau genau so wie den Kleinsten in Boncourt. Natürlich hätte man genau so gut mit der Bahn fahren können. Aber die eigene Unabhängigkeit war halt schon einiges wert. Niemand sprach von Umweltschutz, niemand von Taktfahrplan. Die neuen Freiheiten wollten zuerst einmal genossen werden. Es sollte aber kein Jahr mehr gehen, bis ein gewaltiges neues Problem auftauchte.

Unser Appartement in Seebach mussten wir aufgeben, da mein Bruder Reini nun ebenfalls in die Rekrutenschule einrücken sollte. Nun wollte ich noch die Autoprüfung machen. Meine Grundkenntnisse hatte ich ja schon in meiner Jugend gesammelt. Mein Fahrlehrer schien meinen Fahrkünsten absolut zu trauen. Während ich mir auf einem Parkplatz die große „Kunst“ des Parkierens rückwärts und seitwärts aneignete, vergnügte er sich mit einer ihm bekannten Frau. Ich schaffte dann auch die Prüfung mit 2 Theorie und 7 Fahrstunden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich noch im selben Jahr die Lastwagenprüfung machen würde. Mein neues Zuhause wurde ein Zimmer in Seeb-Winkel, zwischen Bülach und Kloten. Ich füllte mich da sehr wohl, hatte fast so etwas wie Familienanschluss.

1966 wurde generell zu einem ereignisreichen Jahr. Vor ein paar Monaten versetzte man mich auch in einen größeren MM. Der Marktleiter hieß Kellenberger. Bald einmal stellte sich heraus, dass seine Frau in früheren Jahren eine gute Freundin meiner Mutter war. Irgendwie kam es dazu, dass wir schon bald einmal unsere Wochenenderfahrungen austauschten. Er wohnte mitten in der Stadt Zürich. So verwundert es nicht, dass er seine ganzen Sonntage im Zürcher Oberland in der freien Natur verbrachte. Genüsslich zog er jeweils an seiner Pfeife beim erzählen. Er hatte seinen nötigen Ausgleich zur verantwortungsvollen Arbeit gefunden, bei mir sollte es noch eine ganze Weile dauern. Andere Probleme sollten zuerst gelöst werden. Die unermüdliche Beschaffung von Geld sollte erst einmal wieder in meinen Fokus geraten. Hier in Kloten gab es bereits eine Imbissecke. Der Name M-Restaurant war noch nicht geboren. Neue Mitarbeiter, ein guter Marktleiter, der Umsatz um die Hälfte höher. Auch in Kloten war es mir schnell sehr wohl geworden. Vielleicht sogar zu wohl.

In dieser Zeit versuchte die Migros Zürich eine neue Strategie. Man hatte große Probleme die erforderlichen Führungskräfte zu rekrutieren. Vor allem in kleinen Filialen gab es zunehmend Schwierigkeiten Filialleiter zu finden. Man begann Filialleiter Aspiranten einzustellen. Meist waren es Männer aus völlig anderen Sparten. Schon bald übernahmen wir in Kloten einen Zugführer der SBB zur Ausbildung. Mein Chef war eher kritisch. Irgendwie war es so, dass Personen außerhalb der M-Familie in eine Ihnen völlig neue Welt versetzt wurden. Er sollte völlig recht behalten. Das Ganze, es muss sich insgesamt um ein Dutzend Angestellte gehandelt haben hatten bis auf einen, keine Chance zu reüssieren. Die Ausbildung des ansonsten sehr sympathischen Mannes wurde meiner Obhut übergeben. Ich gab mir alle Mühe, meine Sache gut zu machen, und der Zugführer versuchte so viel wie möglich zu profitieren. Trotzdem wurde er zunehmend kritischer. Er hatte eine nette Familie und zwei Kinder. Das heißt in erster Linie, dass man auch eine reichlich große Verantwortung hatte. Umschulungsgelder, oder andere Zustupfe kannte man noch nicht. Und die Entwicklung bei den SBB ging immer mehr in Richtung Personalabbau in den Zügen. Erst einmal wurde der zweite Mann in der Fahrgastkontrolle abgeschafft. Bis dahin wurde der kleinste Regionalzug von drei Angestellten bedient. Lokführer, Zugführer und Kondukteur. Keine einfache Sache für die Angestellten.

Da von mir mindesten zeitweise auch das Lohnwesen oblag, musste ich dann eine schmerzhafte Feststellung machen. Der Aspirant, den ich auszubilden hatte, verdiente volle 200 Franken mehr als ich. Mein Verständnis von Gerechtigkeit wurde arg strapaziert. Mein Verhältnis zur Migros ebenfalls. Ich verlangte eine Aussprache, erst mit meinem Chef, später auch mit unserem Verkaufschef. Es sei halt die neue Politik, man könne da nichts machen. Ich erhielt eine kleine Lohnerhöhung, aber meine Seele blieb gekränkt. Nun verdiente ich Fr. 1250.–/Mt. Ein Misstrauen ist geblieben. In diesen Zeiten begannen mich zusehend andere Branchen zu interessieren, vor allem in finanzieller Hinsicht.

11. Kapitel

Frauengeschichten ?

Auch die Schönheit des weiblichen Wesens begann mich verstärkt zu beglücken, und so kam ich selber immer mehr ins Visier der Damenwelt. Gleich und gleich gesellt sich gern. Und die Frau meiner neusten Begierde kam aus einem ähnlich düsteren Umfeld wie ich. Der Drang etwas gemeinsames, intaktes zu schaffen nur allzu groß. Sie hieß Gudrun und sollte schon bald einmal meine Frau werden. Es dürfte nicht so schwer verständlich sein, dass wir schon bald einmal von einer gemeinsamen Zukunft träumten. Wir setzten alle Kraft in unseren Traum.

Das ganze war aber von Beginn weg mit grossen Hypotheken belastet. Sie noch mehr Kind als Frau erst gute 17 Jahre alt, ich gerade mal 21 jährig. Aber unsere Köpfe waren voller Hoffnung und junge Liebe kann bekannterweise auch ganz schön blind machen. Bald einmal sollte ich die Bekanntschaft ihrer Familie machen. Die Familie wohnte an der Chlupfgasse 206 im Basserstorf. Die Familie bestand aus der Mutter und den beiden Geschwistern. Aber wo war der Vater?

Es war eine tragische Geschichte. Die Familie ist aus der DDR geflohen, die Kinder absolvierten ihre ganze Schulzeit in der Schweiz. Der Vater war ein begnadeter Konstrukteur. Er tat sich mit einem kleinen Metallverarbeiter zusammen in Wallisellen. Aus Deutschland hatte er ein neues Verfahren in der Dampferzeugung in die Schweiz gebracht. Die Sache schien ganz gut gelaufen zu sein. Jedenfalls hat man schon schnell einen Mercedes angeschafft. Man gönnte sich jedes Jahr Ferien in Italien. Alles schien optimal zu laufen ….bis man ihn eines Tages mit der Polizei zu einem ersten Verhör abholte. Weder seine Frau, noch seine Kinder wussten zu irgendeiner Zeit, was wirklich vorgefallen ist im Betrieb. Jedenfalls wurde der Vater zu einer 2-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt und in die offene Strafanstalt Saxenriet eingeliefert. Aber das war noch nicht alles, man verfügte auch eine 5-jährige Einreisesperre in die Schweiz. Jedenfalls lässt sich aus dem Verdikt herauslesen, dass seine Entgleisungen nicht so harmlos waren.

Was dies alles für seine Familie bedeutet hat kann sich jeder vorstellen. Von einem Tag auf den anderen fehlte der Ernährer. Vielleicht hätte zu jener Zeit der Staat die Familie unterstützt. Der Stolz von „Hannchen“, wie sie von Ihrem Mann stets liebevoll genannt wurde, hätte dies niemals zugelassen. Es war glücklicherweise kein Problem die eigene Arbeit auf zu stocken. Ein großer Garten wurde angelegt. Man wollte diese Zeit jetzt auch noch durchstehen. Man überstand schon die Wirren des zweiten Weltkrieges, was jetzt eingetreten ist stellte für diese tapfere Frau eine zu bewältigende Arbeit dar.

Nun, was sein muss muss sein. Gudrun wurde schwanger und so verrückt mir die Geschichte heute scheint. Diese Schwangerschaft war absolut gewünscht. Wir freuten uns beide, während die Mutter von Gudrun uns ständig in den Ohren lag, die Schwangerschaft abzubrechen. Hinter meinem Rücken fuhr man bereits nach Zürich zu einem Arzt. Dieser hat sich dann aber als ziemlich standhaft erwiesen. Gott sei Dank.

Nun aber wollten wir endlich ihren Vater Kennen lernen. An einem bewölkten Sonntag machten wir aus auf den Weg ins St. St. Galler Rheintal. Eng umschlungen, nicht etwa mit der Bahn, sondern mit meinem Florett. Keine Frage, ich war gespannt, es ist ja auch nicht alltäglich, dass man seinen zukünftigen Schwiegervater im Gefängnis kennen lernt. Ein für mein damaliges Verständnis seriöser, graumelierter Herr hat uns strahlend empfangen. Er war voller Freude, als wir ihm unsere Heiratspläne bekannt machten und schon damals hat es sich mächtig gefreut, bald einmal Großvater zu werden. Das wenige, dass er über seine Inhaftierung verlor, war für mich wenig hilfreich. Es hätte aber auch nichts an der Situation geändert. Es schien im recht gut zu gehen. Wie in Saxenriet üblich konnte er außerhalb des Gefängnisses auf einem Bauernbetrieb arbeiten. Und nun sollten es ja nur noch 6 Monate dauern.

Wir verabschiedeten uns mit großer Zuversicht und fuhren wieder los. Die große Dusche, die wir auf der Heimfahrt dann erhielten war nicht ohne. Weil der Himmel keine Besserung versprach, beschloss man weiter zu fahren. Wir hätten genau so gut in eine Badewanne liegen können. Durchnässt bis auf die Haut trafen wir wieder in Basserstorf ein.

Von nun an überstürzten sich die Ereignisse. Vor 2 Monaten kaufte ich mein erstes Auto, einen gelben VW Käfer. Von nun an hieß das einzige Ziel. Möglichst viel zu arbeiten und dabei möglichst wenig Geld auszugeben. Zuerst machte ich mir einmal Gedanken, wie ich mein Einkommen erhöhen konnte. Im Moment sah ich nur eine Lösung meine Karriere in der Migros zu beenden. Besser hätte ich mir die Sache etwas länger überlegt. Vielleicht hätte es mehr Sinn gemacht, mich mit dem Verkaufschef über meine zukünftige Karriere zu unterhalten. Aber vor allem in jungen Jahren machte sich mein Sternzeichen der Stier äußerst negativ bemerkbar. Zwar immer zu grossen Leistungen bereit, wenn ich aber gekränkt war, blieb ich es meistens für einige Zeit. Und die Geschichte mit den Filialleiter Aspiranten hatte mich wirklich gekränkt. Da änderte sich auch nichts als ich später erfuhr, dass die Übung abgebrochen wurde. Von nun an setzte man auf intensive Schulung des jungen Personals. Schnell einmal gab es Management-Seminare I + II. Man hatte mit dieser neuen Strategie in der Migros auch wesentlich mehr Erfolg. Aus meiner heutigen Sicht darf ich aber sagen, dass dies ein bescheidener Miss tritt der Geschäftsleitung war. Heute werden mit Millionenaufwand bestens bekannte Brands umgetauft, um die Geschichte zwei Jahr später wieder rückgängig zu machen. Dies soll nur als ein Beispiel heran gezogen sein.

Aber damals fehlte mir zweifelsohne die menschliche Reife, was von meinem Alter her verständlich erscheinen mag. Wie ich dann später selbst erfahren konnte, war mein Schnellschuss äußerst schlecht durchdacht. Ich dachte für den Moment, was interessiert mich die Zukunft. Ich weiß heute allerdings, dass dies unter jungen Leuten ein weitverbreitetes Übel war und ist.

Ich schmiss meinen Job, weil ich feststellen musste, dass ein Lastwagenchauffeur einige hundert Franken mehr verdienen konnte. Da kam das Angebot der Refresca in Dietlikon gerade richtig. Man finanzierte die Prüfung zum Lastwagenchauffeur, musste sich im Gegenzug dazu verpflichten, ein Jahr in der Firma zu bleiben. Genau das richtige für mich. Man ist schon ziemlich naiv in diesem Alter. Niemand verschenkt irgend was, diese Feststellung sollte ich dann auch ziemlich schnell machen.

Die Tage zogen ins Land. Inzwischen haben wir uns entschieden, alle unter einem Dach zu wohnen. Das spart in erster Linie mal Kosten und Geld zu sparen war erste Priorität. Ich zog in die kleine Wohnung an der Chlupfgasse. Es gab 2 Schlafzimmer, Küche, Bad, das übliche eben. Nun ist aber eine Situation entstanden, die für mich nicht einfach zu bewältigen war. Da war erst einmal „Hannchen“, meine zukünftige Frau, ihr Bruder Hans-Jürgen und ich. Bald stellte sich heraus, dass die Mutter keineswegs daran dachte, mit ihrem Sohn in einem Zimmer zu schlafen. Heute kann ich das verstehen, damals war die Sache nicht einfach. Du bist mit einer Frau zusammen, die bereits ein Kind von dir in sich trägt, und du verbringst die Nächte im Zimmer ihres Bruders. Wir haben uns trotzdem ziemlich schnell mit der Sache arrangiert.

Nun ging es an die Planung unserer „Hochzeit“, ich kann nicht anders, dieses Wort muss ich in Anführungs- und Schlusszeichen setzen. Ersten brauchten wir die Unterschrift von Gudruns Eltern, da sie erst 17 ½ Jahre alt war. Und zweitens wollten wir möglichst kein Geld für diesen eigentlichen Anlass ausgeben. Nur wir haben dann in Sachen Sparsamkeit alle Rekorde geschlagen, wir marschierten zum Standesamt, ließen die Prozedur über uns ergehen und „feierten“ die Hochzeit mit 1 Kaffee Creme und einem Gipfel.

Ich muss es sagen. Mit meiner Frau habe ich nie darüber gesprochen, aber ich kann mir heute sehr gut vorstellen, dass auch sie unter diesem Ereignis gelitten hat. Mein Credo war klar. Eine solche Hochzeitsfeier wollte ich nie mehr miterleben. Allerdings muss ich sagen, das drei Mal Schnitzel Pommes-Frites daran auch nicht wesentlich etwas geändert hätte. Besser wäre allerdings gewesen wir hätten das Geld beim Kauf unserer Aussteuer eingespart, wie dies mein Bruder Reini zwei Jahre später vorgelebt hat. Wenn ich heute daran denke, wie völlig unwichtig es eigentlich ist, wie das Wohnzimmer eines jungen Paares aussieht und ich später miterleben konnte, dass eine Einrichtung aus dem Brockenhaus, im Endeffekt wesentlich mehr Sinn macht, als irgend welche Ramsch-Möbel aus Spanplatten zu kaufen. Dies alles hätte ich ja klar wissen müssen.

Machen sie die Probe aufs Exempel. Fragen sie ihre Kinder, was ihre schönsten Jugenderlebnisse waren, sie werden sicher zum Ergebnis kommen, dass nicht ein einziges Kind die schöne neue Wohnwand in seiner Erinnerung behalten hat. Ich war vom üblichen Virus jener Zeit befallen: Meine Kinder müssen es besser haben……

Wir alle waren ohne Ersparnisse als wir uns kennen lernten, wenigstens fast ohne. Dass wir dann allerdings eine Aussteuer für Fr. 10’000.– kaufen mussten, mit einem inzwischen angesparten Kapital von Fr. 5’000.–, war eine Idiotie erster Güte. Für Jahre sollten wir in diesem Verhalten stecken bleiben. Man gönnt sich ja sonst nichts! Heute noch erscheint ein mitleidiges Lächeln auf meinem Gesicht, denke ich an meine junge Ehe zurück. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass ich ja keineswegs in bevorzugtem Umfeld aufgewachsen bin, mich ja sogar seit meiner Kindheit mit Geld, oder eben keinem Geld herumschlagen musste, erscheint die ganze Sache unverständlich. Vielleicht liegt das Verhalten aber genau darin begründet. Erstens war eine andere Zeit angebrochen und zweitens herrschte nur noch eine Devise in meinem Kopf. Alles ist möglich, du musst nur etwas dafür tun.

Mit diesen Gedanken im Kopf habe ich meinen so geliebten Job verlassen, und habe mich bei der Refresca in Dietlikon zur Arbeit gemeldet. Es ging alles sehr schnell, man wurde schon beim Eintritt zu Führerprüfung angemeldet. So habe ich mit der Unterstützung des Fahrlehrers, der so gut wie voll für meinen neuen Arbeitgeber tätig die Prüfung in wahrer Rekordzeit und dem Einsatz von 17 Fahrstunden bestanden. Gleichzeit wurde genau so konzentriert am theoretischen Gruppenunterricht teil genommen. Damals war die theoretische Prüfung schon genau so anspruchsvoll wie heute. Die ganze Technik und das Funktionieren eines Lastwagens musste in wesentlichen Teilen gelernt werden. Dazu kamen selbstverständlich die gesetzgeberischen Anforderungen, Bremswegberechnungen und Ladungssicherheit dazu. Die ganze Führerprüfung bestand im Verhältnis zur heutigen Zeit eigentlich nur aus einem Unterschied. Meine Prüfung hat Fr. 1’750.– gekostet, heute ist dies kaum mehr unter Fr. 8’000.- zu haben.

Der Bauch meiner Frau wuchs und wuchs. Schon bald sollte unser aller großer Tag kommen. Auch meine Schwiegermutter ist schon längst auf unsere Seite gezogen. Langsam hat sich das alte Sprichwort. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ durchgesetzt. Meine Frau war immer noch am Arbeiten. Dies hat sie eigentlich bis kurz vor der Geburt unserer Tochter Claudia am 10 Juli 1967 getan.

Ich entsinne mich noch ganz genau. Mit meinem Cousin Peter und seiner Frau Doris sind wir am Sonntag vor der Geburt auf die Schwägalp gefahren. Beide Frauen hoch schwanger. Gut möglich, dass der Höhenunterschied einen Einfluss gehabt hat. Jedenfalls brachte Doris am Montagmorgen ein gesundes Mädchen zur Welt. Die kleine Maya. Damals machte man noch keine Ultraschall Untersuchungen, was unser großes Glück dereinst ausmachen sollte, war keineswegs bekannt. Man ging noch mit einem männlichen und einem weiblichen Namen ins Spital. Man kannte vom hören sagen so Sprüche wie spitzer Bauch ein Junge, runder Bauch ein Mädchen (vielleicht auch umgekehrt).

Mich hat etwas anderes viel mehr gefreut. Schon damals durften Väter bei der Geburt anwesend sein und diesen neuen Trend hat man dann auch wirklich gefördert. Dies finde ich eine der positivsten Entwicklung während einer Schwangerschaft. Das Erlebnis einer Geburt bei der eigenen Frau mit zu erleben, ist dann doch etwas ganz anderes als das Verfolgen an einem Fernsehbildschirm. Ich würde dies jedem Mann wärmstens empfehlen, auch wenn es das erste mal erst einmal auch eine Belastung ist. Die Geburt unserer Tochter hat sich dann ziemlich in die Länge gezogen, wie das beim ersten Kind halt vielfach ist. Man ist in sehr großer Aufregung und fährt dann meistens all zu früh ins Spital. Man schickte mich jedenfalls wieder nach Hause und versprach mir, dass man mich bestimmt früh genug anrufen würde. Dies ist genau so geschehen.

Ein letztes Pressen unter der Anleitung der erfahrenen Hebamme nachdem die nassen Haare des Kopfes schon sichtbar waren, das sanfte ziehen am Kopf des neuen Erdenbürgers und unsere Tochter war mit ihrem stattlichen Gewicht von 5 Kilogramm geboren. Es folgte das Aufheben des kleinen Körpers an den Unterschenkeln, der obligate Klatsch auf den Hintern. Mit Freudentränen von uns Beiden quittierte sie auch prompt diese Attacke mit ihrem ersten Schreien. In weiche Tücher gelegt und erst einmal getrocknet, dann folgte das Wiegen und schon wurde Claudia in die Arme ihrer Mutter gelegt. Alles war überstanden. Trotzt der sicherlich auch grossen Erschöpfung meiner Frau strahlte (nicht nur sie) vor Freude. Ich glaube seit dem Zeitpunkt der Einlieferung bis zur Geburt waren neun Stunden vergangen. Das allerwichtigste war für uns beide, dass unsere Tochter einen äußerst gesunden Eindruck machte, keineswegs selbstverständlich. Nachdem ich das kleine Geschöpf auch noch schnell in die Arme nehmen durfte, verabschiedete ich mich bis zum Abend. Jetzt war nämlich schon bald einmal der Arzt gefragt, der all die Untersuchungen auszuführen hatte, um mit letzter Sicherheit die völlige Gesundheit festzustellen.

Die Organisation im Geschäft war eigentlich ideal. Es gab pro 4-5 Chauffeure einen soge-nannten Seniorchauffeur. Dieser kannte sämtliche Touren in seinem Rayon und konnte auf diese Weise alle Touren ablösen. Sei es bei Ferien, Krankheit oder freudigen und traurigen Anlässen gewesen. So konnte auch ich die Geburt meiner Tochter feiern, was der angespannten Finanzlage wegen, eher bescheiden ausfiel. Es gab auch so genügend zu tun. Und natürlich ist auch die Kindsmutter dankbar um jede Unterstützung und Zusprache.

Ja, die Arbeit als solches hat mir wirklich gut gefallen. Auch wenn die Touren in einem wöchentlichen Turnus abgefahren werden musste, und es somit nicht all zu viel selbst zu gestalten gab. Der Kontakt mir der Kundschaft hat mir von Beginn an sehr gefallen. Die Firma war amerikanischen Ursprungs, das spürte man in jener Zeit sehr gut. Führung und Marketing waren sehr professionell. Man verstand es auch sehr gut die Mitarbeiter zu begeistern.

Ein Gedanken ging mir allerdings schon damals durch den Kopf. Konnte das alles wirklich noch lange bestehen? Eine Logistik aufrecht zu erhalten mit 3 Produkten, Coca Cola, Fanta und Sprite in der kalten Jahreszeit noch mit Orangen- und Rumpunsch ergänzt. Dabei auch noch alleine im Kanton Zürich 2 Betriebe aufrecht zu erhalten, in Dietlikon und Dietikon. Schon Ende der 60-er Jahre war es nämlich sehr aufwendig das Gebiet des Großraums Zürich zu durchqueren. Der Technik wegen sogar noch mit separaten Fahrzeugen für Großkunden. Die wollten die Getränke schon in jener Zeit ab Zapfhahn beziehen. Die ganzen Anlagen mussten naturgemäß auch gewartet werden. Das die Brauereien dafür kein großes Interesse bezeugten ist verständlich. Außerdem versuchten sie schon beim Markteintritt von Coca Cola, Gegensteuer zu geben. Schon schnell einmal gab es einen neuen Markenartikel: Pepsi Cola. Die schweizerischen Marken wie Vivi Kola, Aproz etc. verloren schnell einmal an Bedeutung. Ein brutaler Verdrängungskampf setzte ein. Die schweizerischen Mineralwasser-Quellen hatten ja auch einiges zu verteidigen.

Ein paar Jahre später konnte niemand mehr verstehen, dass jeder für sich alleine „wurstelte“. Die Brauereien übernahmen immer mehr die gesamte Logistik des Getränkehandels in der Schweiz, und dies war auch eine kluge Entscheidung. Was machte es schon für einen Sinn, dass zum Beispiel die bekannte Quelle in Elm, jeden Getränkehändler noch selbst angefahren hat ?

Ich aber habe das Unternehmen schon nach meiner vertraglichen Pflichtzeit verlassen. Die „großzügig“ finanzierte Fahrerprüfung wurde in dieser Zeit mit einem geringeren Lohn rückerstattet. Und alles schrie ….nach Angestellten jeglicher Art. Die Wirtschaft entwickelte sich in dieser Zeit unglaublich.

Alleine wegen meines guten Berufszeugnisses wegen glaubte ein neuer Arbeitgeber in Zürich, dass ich eine gute Position im Außendienst anstreben sollte. Wir hatten die Aufgaben junge Mädchen in der Stadt Zürich in eine große Verkaufsausstellung zu führen. Locken wäre vermutlich die bessere Bezeichnung. Das Konzept war verführerisch. Jeder „Vertreter“ konnte einen neuen Ford 17 M beziehen. Natürlich mit einer grandiosen Stereoanlage ausgerüstet. Den jungen Mädchen sollte Eindruck gemacht werden. Das hob natürlich auch das Vertrauen in die Firma, und wir lernten sehr schnell recht treuherzig in ihre Augen zu gucken.

Am Morgen wurden jeweils die Termine für den Abend verabredet. Weil es dann aber bis mindestens 16 Uhr nichts mehr zu tun gab, wurde die Zeit mit dem Spiel an einem „Töggelikasten“ buchstäblich tot geschlagen. Ein ziemlich neuartiger Tagesablauf für mich. Das Ziel war klar. Die junge Mädchen waren volljährig, träumten naturgemäß von ihrem Traummann und wollten natürlich nicht unvorbereitet in eine spätere Ehe gehen. So versuchte man Ihnen sogenannte Sparverträge zu verkaufen. Sie sollten damit später ihre Wäscheaussteuer ansparen, oder zu einem verdoppelten Preis auch Möbel beziehen. Die Verträge konnten in unterschiedlicher Höhe abgeschlossen werden.

Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass die Idee nicht so schlecht war. Wenigstens wurden die Mädchen „gezwungen“, einen Teil ihres Einkommens zu sparen. Unser Team entsprach indessen schnell einmal nicht mehr meiner Vorstellung. Es kamen bei solch einem Job auch ziemlich fragwürdige Charakteren zusammen. Mir reichte es dann endgültig, als ich mithören durfte, wie sich die einten über die Frauen der anderen her machten. Meine moralischen Grundsätze in jener Zeit waren halt noch ziemlich ausgeprägt. Eines muss noch angesprochen sein. Die Kundinnen waren absolut tabu, für irgend welche Verhältnisse. Den die abgeschlossenen Verträge wären ansonsten ziemlich angreifbar geworden.

Der Verdienst war zwar gut, aber ich begann mich schon bald einmal nach einer neuen Stelle umzusehen. Diese Entscheidung habe ich dann wirklich nie bereut. Mit meinem 3-Teiler musste ich für Koni Müller in Wallisellen einen ziemlich fragwürdigen Eindruck gemacht haben. Er fragte mich, ob ich ernsthaft daran denke Kohlen zu verführen. Und ob ich dies wollte. Wieder eine richtige Arbeit! Mein Aussehen wirkte naturgemäß nicht sehr vertrauenswürdig.

Für mich sollten diese 3 Jahre zu einer glücklichen Zeit werden. Der Lohn war gut. Trinkgeld floss der harten Arbeit wegen reichlich. Das Verhältnis zu meinen Patrons schnell einmal ausgezeichnet. Ich war jung und stark wie ein Stier. Wir waren, sofern es auch Arbeit gab zu Dritt. Zwei ältere Pensionierte und ich. Die Arbeitsteilung naturgemäß die folgende. Der älteste ein Schwager des Seniors rückte die Säcke auf dem Laster zu recht, Werner der 2. Mann verteilte die Kohlen im Keller. (die staubigste Arbeit), während ich mich mit dem Buckeln der 50 Kilo-Säcke begnügte. Grins … Ich glaube ich hätte diese Arbeit noch gerne lange gemacht. Alleine der „Fortschritt“ machte mir wieder einmal einen kräftigen Strich durch die Rechnung. Immer mehr Leute wollten nichts mehr von Kohlen als Heizmaterial wissen. Es wurde immer mehr auf Heizöl umgestellt. Allerdings waren wir als Team vermutlich ziemlich wettbewerbsfähig, so dass man das Ganze noch eine Weile betreiben konnte.

Die Firma versuchte dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und kaufte einen neuen Tanklastwagen. Das ganze Geschäft blieb allerdings ziemlich saisonabhängig. Und der Seniorchef hatte ganz klare Vorstellungen von Rendite. Er hatte altes Geld und konnte sich erlauben den neuen Tanklastwagen stehen zu lassen. Ohne Rendite verzichtete dieser alte Hase lieber auf Arbeit. Koni sein Sohn entwickelte sich in die gleiche Richtung. Das ganze war vermutlich nur machbar, weil man für etliche Gemeinden der Umgebung das sich immer mehr entwickelnde Abfuhrwesen betreiben durfte.

Koni war übrigens Kommandant einer Transport-Kompanie und äußerst charmant. Niemand hat sich dann gewundert, dass er eines Tages die Tochter einer grossen Maschinenfabrik in der Ostschweiz ehelichte. Ein Disponent wurde angestellt. Er war ein toller Typ, konnte allerdings auch nicht verhindern, dass vor allem die Bahncamionage sehr schnell an Bedeutung verlor. Diese zusätzliche Standbein der Firma gab mir in dieser wichtigen Übergangszeit noch manche Stunde Arbeit beim Verteilen der Güter. Niemand dachte allerdings daran meine Person in Frage zu stellen. Die große Befriedigung von einst konnte ich allerdings nicht mehr finden. Mit großer Dankbarkeit denke ich auch heute noch an die schönen Jahre bei der K. Müller AG in Wallisellen Damals hatte die Firma ihren Sitz noch an der Riedenerstrasse, unmittelbar unter dem Restaurant Schmiedstube.

In dieser Zeit kam es dann auch noch zu Nachwuchs in der Familie. Am 28. April 1969 erblickte unser Sohn Andreas das Licht der Welt. Er war buchstäblich mein größtes Geburtstagsgeschenk. Heute darf man ja darüber berichten. Eigentlich kam der kleine Schatz ja erst in den ersten Minuten des 29. April auf die Welt. Der anwesende Arzt im Spital war jedoch so aufmerksam, dass er meinen Geburtstag nicht übersehen hatte. Genau genommen hatte er beim festhalten des Geburtstermins mit einem Auge gezwinkert und den 28. April eingetragen. Ich nehme an, dass das Bundesamt für Statistik mit solchen kleinen Schummeleien auch ganz gut leben konnte.

Inzwischen hatte man im neu erbauten Auenring in Bassersdorf eine 4-Zimmerwohnung bezogen. Die Wohnungen waren damals noch relativ günstig. Ich glaube wir bezahlten CHF 428.– plus Nebenkosten. 40 Jahre später sollten dann die gleichen Wohnungen, allerdings renoviert viermal mehr kosten. Da mein Arbeitsweg in der Nähe lag verzichtete man für eine kurze Zeit auch auf ein Auto. Eine Vespa wurde angeschafft. In dieser ganzen Zeit bei Müller arbeitete ich jeweils am Samstag bei der Migros in Wallisellen. Frl. Schaffner war ja immer noch die Filialleiterin. Dies gab der jungen Familie auch den nötigen finanziellen Zustupf. Noch bis zu meinem 28. Lebensjahr waren auch die Ferien gestrichen.

3 „fette“ Jahre im Ausstellungs-Standbau

Es kamen die drei guten Jahre im Ausstellungsbau. Nicht das der Lohn so wahnsinnig hoch gewesen wäre. Aber es gab auf den Messeplätzen Europas einiges an Spesen. Wer sich da zurück hielt konnte recht gut davon leben. Vor allem waren diese Arbeiten naturgemäß ständig unter Zeitdruck auszuführen, auch Überstunden mussten reichlich geleistet werden. In dieser Zeit wurde auch das erste neue Auto angeschafft. Es war ein bescheidener Opel Kadett. Von nun an konnte man auch wieder die Schwiegereltern in Konstanz besuchen.

Eigentlich war ich in dieser Firma als Chauffeur angestellt worden. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass man den grossen Möbeltransporter nur zu Werbezwecken angeschafft hatte. Das Fahrzeug übrigens ein Büssing hatte einige Jahre auf dem Buckel. Der Schalthebel ließ sich problemlos mit einem Radius von 80 cm im Kreise drehen. So wurde er bald einmal nur auf kurzen Distanzen eingesetzt. Das Risiko eines Ausfalles war in dieser hektischen Branche nicht zu verantworten.

Auch hier sollte sich dann zeigen, dass jemand mit 2 geschickten Händen eigentlich überall eingesetzt werden kann. Die Schreinerei führte ein Italiener. Er war äußerst fähig in seinem Beruf und hatte eine unglaubliche Leistungsfähigkeit. Sein Name war Luciano Osele. Er kam aus dem Friaul. Wir waren schon bald beste Freunde. Auch zwischen unseren Familien stellte sich bald einmal eine gute Freundschaft ein. Er verdiente wirklich sehr gutes Geld in der Firma, hat aber auch jeden Franken wirklich verdient. Und wenn anstehende Termine auch immer eingehalten wurde, war er natürlich auch kaum zu ersetzen. Seine Aussage habe ich noch heute in den Ohren. Wenn er einmal die Stelle wechseln sollte, dann „ Verdiene natürli doppel“. Wie die meisten Italiener kämpfte er auch noch nach 25 Jahren mit den Tücken der deutschen Sprache. In meinem 2. Jahr in dieser Firma konnte man sich zum ersten Mal Zeltferien am Gardasee leisten. Als Luciano davon erfuhr, war für ihn sonnenklar, dass wir bei ihm einen Besuch in seinem Elternhaus machen mussten. Hier hatte er sich schon eine Altersresidenz gebaut. Das Ganze war wirklich nicht von schlechten Eltern. Seine Frau war übrigens Deutsche, ein richtig blonder Engel.

Die Kinder durften wir in die Obhut meiner Schwiegereltern geben, welche zur gleichen Zeit Betriebsferien hatten. Zu Dritt fuhren wir in den Süden. Meine Schwester hatte sich uns angeschlossen.

Im Friaul erlebten wir dann italienische Gastfreundschaft pur. Man fuhr mit der Mutter von Luciano ins Dorf zum einkaufen. Auch die Eltern von Luciano hatten früher in der Schweiz gearbeitet. Sie füllte uns den ganzen Kofferraum mit dem Besten für Küche und Keller. Es nutzte auch gar nichts, dass ich ihr fortwährend versicherte: „Wir fahren morgen weiter an den Gardasee“. Man freute sich über den Besuch aus der Schweiz, und an einem solchen Fest sollte das halbe Dorf teilhaben. Es war ein unglaubliches Fest. Ich glaube das halbe Dorf hat früher und auch jetzt noch in der Schweiz gearbeitet. Die Leute aus dem Friaul waren sehr gerne gesehen als Gastarbeiter. Von Ihrem Charakter her waren sie mehr Schweizer als Italiener.

An diesem Fest wusste noch niemand, dass schon bald dunkle Wolken an unserem Ehehimmel aufziehen sollten. Der Gardasee war schon in ihrer Jungmädchenzeit der bevorzugte Ferienort für ihre Eltern. Gut möglich, dass der Ferienort aus diesem Grunde auch so gewählt wurde. Weibliche List eben.

Das halbe Dorf verabschiedete sich am nächsten Morgen. Schon bald einmal sollten wir das Zelt an den Ufern des Gardasees aufstellen. Im Nachhinein frage ich mich, weshalb ich mich überhaupt für dies Zelterei überreden ließ. Seit meiner Militärdienstzeit hasste ich Zelte. Entsprechend war ich auch motiviert. Gut möglich, dass Gudrun das Ganze von langer Hand vorbereitet hat. Man verbrachte die Zeit am See, erkundete die bergige Umgebung und ließ es sich gut ergehen. Mit 28 Jahren das erste Mal in den Ferien. Es gab vieles das man nachholen musste. Seit nun sechs Jahren waren wir nun verheiratet. Beide waren wir damals noch Kinder. Aus heutiger Sicht ist mir auch klar, dass das Leben im Prinzip an uns vorbei gelaufen ist. Man musste auf vieles verzichten und das im Alter, wo man noch voller Tatendrang steckt. Und jetzt war man aus dem Gröbsten raus. Eine gefährliche Zeit.

Und dann kam der tragische Abend. Unsere Ferien bei weitem noch nicht zu Ende. Gudrun hatte sich auf die WC-Anlage verabschiedet. Mein Schwester und ich quatschten im Zelt. Wie viel Zeit darob vergangen ist, ich weiß es nicht. Irgend wann vermisste man Gudrun. Ich wollte nach sehen. Dabei ertappte ich sie mit einem jungen Barmann der Anlage in einem aussagekräftigen Tête à Tête. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich wartete bis auch sie mich erblickte. Zusammen ging es dann zurück ins Zelt. Für diesen Abend war jedenfalls nicht mehr ans schlafen zu denken. Meine Schwester, die beste Freundin von Gudrun deckte sie nun mit einer wahren Schimpftirade ein. Es war wirklich schrecklich. Im Morgengrauen bauten wir gemeinsam das Zelt ab und verließen die Stätte des Grauens. Ferien hatte ich mir allerdings anders vorgestellt.

Bis Konstanz lagen aber noch mehr als 500 km Autofahrt. Geschlafen hat niemand auch nur eine Minute. Nur dank den Erfahrungen meiner Schwester als Barmaid getraute ich mich an die lange Fahrt. An diesem Ort konnte ich keine Stunde mehr bleiben. Schon bald fuhr man los. Auch der erste Espresso mit Zitronen war schnell einmal fällig. Es sollte nicht der einzige sein. Irgendwie erreichte man den Wohnort meiner Schwester. Wir aber hatten noch die Kinder in Konstanz abzuholen.

Heute entsinne mich nicht mehr, was wir unseren Schwiegereltern auftischten. Im Moment wollte wir ja nicht mit der Wahrheit heraus rücken. Die Kinder freuten sich jedenfalls, auch wenn sie ein äußerst guter Verhältnis mit Oma und Opa hatten. Die Rückfahrt in die Schweiz verlief dann ziemlich schweigsam.

Seit diesen Tagen war dann allerdings nichts mehr wie es einmal war. Das Leben aber geht weiter.

Schon bald hat wieder die Arbeit gerufen. Man drehte wieder kräftig am Rad der boomenden Wirtschaft. Es kam mein drittes Jahr in der Expografic. Inzwischen arbeitete auch mein kleiner Bruder in der Schwesterfirma. Er war zuständig für die Bereitstellung der Ausstellungsmöbel.

Irgendwie wollte wollte mir der Geschäftsführer Hermann Steinmetz eine Freude machen. Dieses Jahr war eine große Messe in Ottawa, und ich durfte mitfahren. Schon letztes Jahr durfte ich an die ITMA nach Paris. Während der Messezeit sollten wir Ferien in Kanada machen. Bei vollen Spesen notabene. Das erste mal ging diese Firma nach Übersee. Alles musste fachgerecht in 2 40 Fuß-Seecontainer verpackt werden. Dies war mein wirklicher Job. Das dabei die Logistik eine tragende Rolle hatte dürfte jedem klar sein. Nichts durfte vergessen werden. Allfällige Reserven mussten eingerechnet werden.

Dass dann die „technische Leitung“ nicht einmal wusste, dass das Stromnetz in Kanada nur eine Spannung von 110 V hatte, wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings niemand. Dass die Seecontainer auch nicht selber ausgeladen werden durften auch nicht. Zu streng die kanadischen Gewerkschaften. Aber all die Probleme wurde glanzvoll gelöst. Und Rudi Attinger, er arbeitete früher einige Jahre für den Schweizer Film hat die Probleme mit der unterschiedlichen Spannung bravourös erledigt. Und die Messe begann rechtzeitig, dies war so sicher wie das Amen in der Kirche.

In jener Zeit hatte ich spezielle Vorstellungen von Kanada. Generell dachte ich, dass man sich in erster Linie mal warm anziehen sollte. Was ich dann in der Provinz Quebec im Süden des riesigen Landes erlebte war alles andere als kalt. Die Luftfeuchtigkeit im Sommer für meine Begriffe fast unerträglich. Mit dem Ausladen der riesigen Seecontainer hatten wir nichts zu tun, genau genommen durften wir nicht einmal zuschauen. Die Transportgewerkschaft hier in Kanada ist ein Machtfaktor sondergleichen. In den USA soll es angeblich genau so sein.

Also beschränkten wir uns vorerst auf das Vorbereiten der Standplätze. Rudi ging an die Lösung der Stromversorgung. Vielleicht bringe ich jeden Elektriker jetzt zum schmunzeln. Ich glaube mich allerdings daran zu erinnern, dass er ganz einfach die Phase doppelt geführt hat. Und aus den 110 V sind deren 220 V geworden. Die Geschichte hat funktioniert. Alle unsere Maschinen liefen wie am Schnürchen. Die Lichtelemente, es waren Kassetten mit jeweils 4 Neonröhren erstrahlten in altem Glanz, die Sicherungen schienen auch nichts gegen Rudi zu haben. Auch ein Langzeittest verlief absolut problemlos. Irgend etwas hat den Lichtkassetten dann doch nicht ganz gefallen. Sie haben ihren Dienst angeblich ganz normal erledigt, zu Hause in der Schweiz stellte ich dann allerdings fest, dass die Etiketten an den Steuerungselementen alle abgefallen waren. Aber was sollen solche Kleinigkeiten, bei so einer grossen Ausstellung.

Eine Geschichte muss hier speziell erwähnt werden. Für einen Kulinarisch verwöhnten Schweizer ist , oder war zumindest die kanadische Küche eine wahre Katastrophe. Hätte es nicht noch wenigstens eine Pizzeria gegeben…… Tagelang waren wir auf der Suche nach einem guten Lokal. Noch heute sehe ich den Attinger Rüdel rohe Selleriestangen in sich hinein raffeln, einem Hasen nicht ganz unähnlich. Sein jeweiliger Kommentar: „Ich weiß überhaupt nicht, was ihr habt“. Ein äußerst gemütlicher Kerl der Rüdel, auch wenn sein Umfang die Körperhöhe überstieg. Ein spezieller Spruch, nach seinem Gang zu Toilette war jeweils: “Es war nicht speziell, aber 15 Kilos werden es gewesen sein“.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich eine äußerst robuste Gesundheit genieße. Schon bald sollte ich erleben, dass meine eigene Dummheit diesem Zustand ein brutales Ende bereitete. Beim Arbeiten floss uns der Schweiß in Strömen ins Gesicht. Meinen Kollegen schien das nichts aus zu machen. Sie warteten einfach bis der Körper das Zuviel an Wasser ausgeschieden hatte. Ich kam dann auf die idiotische Idee einen Kessel kaltes Wasser zu holen, klatschte mir mit den Händen das kalte Wasser viertelstündlich ins Gesicht. Wie viel Zeit verging weiß ich nicht mehr, dass ich mir damit aber ein Kopfweh eingehandelt habe, dass ich buchstäblich glaubte ich stehe kurz vor dem Wahnsinn. Ich sputete in eine Apotheke, schilderte mein Problem auf französisch, und verabschiedete mich freundlich und zuversichtlich. Eine ganze Schachtel Schmerztabletten wird es dann schon richten. Ich glaube ich hätte genau so gut 100g Mehl hinunter würgen können. Die Tabletten waren absolut wirkungslos. Das Team, vor allem die Erfahrenen lösten das Problem auf ihre Art. Du hast nur eine Chance. Gehe ins Hotel, verschließe alle Fenster lege dir ein Tuch auf die Augen und versuche zu schlafen.Wenn sich aber die Schädeldecke fast vom Rest des Kopfes ab zu heben droht, ist nicht auf Schlaf zu hoffen.

Ich glaube mit gutem Gewissen sagen zu dürfen, dass man die Krankheitstage meiner letzten 10 Jahre an einer Hand abzählen konnte. Arbeitseinsätze im Ausland schienen mir diesbezüglich kein Glück zu bringen. So kam mir hier in Ottawa wieder in den Sinn, was ich letztes Jahr an der ITMA in Paris fabrizierte. Es ging darum in einem Möbeltransporter einen Tresor über der Kabine zu verstauen. Das ging des grossen Gewichtes naturgemäß nur mit entsprechendem Anlauf. Wenn dann beim aufsetzen die Finger nicht aus dem Gefahrenbereich kommen …….Mein Mittelfinger hatte die ganze Energie aufzunehmen. Unglücklicherweise konnte das Blut nicht entweichen. Wie so ein Finger darnach aussieht, ist noch am ehesten mit der Kabine eines Jumbojets zu vergleichen. Ich tanzte wie ein räudiger Hund auf der Ladebrücke umher.

Das Finale kam kurz darauf. Arthur (Turi) Mattle ein erfahrene Schreiner, er hatte auch nur noch 3 Finger an seiner rechten Hand, forderte mich auf mit Ihm zu kommen. Seelenruhig holte er einen neuen kleinen Bohrer aus der Schatulle. Er wollte mir ein Loch durch den Fingernagel ins Fingerbeet bohren. Das war dann doch zu viel für mich. Mir wurde kotzübel. Ein Arzt hätte vermutlich das selbe gemacht, mir aber vorgängig eine Lokalanästhesie gesetzt. Ich stürmte von dannen. Wieso ich nicht wirklich zu einem Arzt ging ist mir noch heute schleierhaft. Ich habe den Finger mit Essig saurer Tonerde eingeschmiert. Das hat auch in meiner Kindheit geholfen. Die nächsten 2 Tage verdrückte ich Schmerztabletten, hielt meine linke Hand möglichst hoch über dem Kopf und schlenderte durch die Straßen von Paris. Niemand beneidete mich um diese unerwartete Freizeit. Mit einer gewissen Einschränkung konnte ich am dritten Tage die Arbeit wieder aufnehmen. Irgendwann hat sich der Fingernagel gelöst und ich konnte ihn selbst entfernen.

Die Messe in Ottawa wurde wie immer pünktlich eröffnet. Es wurde ein Piquet dienst eingerichtet. Zu zweit haben wir einen Amischlitten gemietet und stellten uns an, Ontario zu erkunden. Für einen Europäer und erst recht für einen Schweizer eine unglaubliche Erfahrung. Du fährst auf den Highways stundenlang mit einer Hand am Steuer durch dieses riesige Land. Kaum ein Auto, dass dir begegnet. Greyhound-Busse überholen dich, keine Hektik kein Drängeln, auch nicht in den Städten. Du tuckerst deine 80 – 90 Meilen und bist der glücklichste Mensch auf Erden. Wälder und Seen, wohin du auch kommst. Es waren herrliche Tage in diesem großartigen Land. Wir machten Bootsausflüge, picknickten und schauten den schwarzen Bären zu, die sich fast bis zu uns wagten. In den Seen gab es Fische in Hülle und Fülle.

Schon bald musste wir an die Rückreise denken. Wir wollten noch an die Niagara-Fälle fahren. Diese Entscheidung hat sich dann sehr gelohnt, auch wenn wir uns auf die kanadische Seite beschränkten mussten. Der Rheinfall ist vom Ausmaß her im Vergleich dieser unglaublichen Wassermassen ein kleinerer Fluss. Landschaftlich aber sicher eben so schön. Wir hatten dann noch das Vergnügen eine nordamerikanische Polizei jagt auf irgendwelche Gangster zu beobachten. Da kennt man gar nichts. Links und rechts wird überholt. Die Sirenen haben eine Akustik, dass ein Mitteleuropäer schon deswegen anhalten würde. Mir lief es jedenfalls kalt den Rücken runter. Wir waren zum Glück nicht die Gejagten. Als wir Beide die gefahrene Strecke noch einmal der Karte zurück legten, musste wir schmunzeln. Vielleicht 2 % dieses riesigen Landes haben wir einigermaßen gesehen, und waren doch 10 Tage unterwegs.

Die schönste Zeit geht leider immer besonders schnell zu Ende. Nun hieß es noch abbauen. Mir oblag es den kanadischen Transportarbeitern die nötigen Anweisungen beim Verladen zu geben. Nur bitte nichts anfassen…..Es war schon gewöhnungsbedürftig.

Beim Hinflug benutzten wir die Swissair und landeten in Ottawa. Ein Nordatlantikflug als solches ist schon eine riesige Belastung. Es wird allerdings ziemlich erträglich, wenn man vor dem Aussteigen ein heißes Erfrischungstüchlein bekommt von der Swissair – Stewardess. Was es darin für Kräuter hatte wusste ich nicht wirklich. Die geistige Erfrischung erfolgt dann sofort.

Der Rückflug dann mit der Air Canada ab Toronto. Es waren allerdings Welten zwischen dem Service an Bord. Die Swissair hob da ziemlich ab. Dies empfand ich mit Sicherheit nicht nur so weil ich ein Schweizer bin. Und diese klasse Airlines wurde später zu Tode gemanagt. Ich könnte noch heute heulen darüber. Vielleicht war das Ganze mit den Flügen auch umgekehrt, an meiner Aussage ändert sich deswegen gar nichts.

Noch etwas darf nicht unerwähnt bleiben. Für diesen speziellen Einsatz wurde ein eigenes Spesenreglement aufgelegt. Für einen einzigen amerikanischen Dollar mussten 1972 CHF 4.28 hingeblättert werden, für ein britisches Pfund CHF 12.50. Das waren noch Zeiten. Heute (im Jahre 2013) kostet der Dollar noch knapp über 90 Rappen, das britische Pfund ca. 1.50. Wir aber konnten mit unseren Spesen noch Ferien machen, den Kindern und der Frau ein kleines Geschenk nach Hause bringen. Ich glaube noch zu wissen, dass darüber hinaus noch mehr als hundert Franken übrig blieben. Es herrschten noch goldene Zeiten.

12. Kapitel

Das Ende

Die Rückkehr war dann sehr speziell. Heute darf ich es sagen. Am liebsten wäre ich sofort wieder zurückgekehrt. Im Moment hielten mich die Kinder noch zurück. Unsere Beziehung aber war auf einem trostlosen Punkt angekommen. Es sollte bald eine Lösung geben. Und da war noch meine Schwester. Auch sie hatte sich in den Kopf gesetzt ihren Sohn alleine aufzuziehen. Frauen können in solchen Situationen ziemlich erfinderisch und kreativ werden. Man begann an ein Zusammenleben zu Dritt in Erwägung zu ziehen. Schwester, Frau die Kinder und ich. Man hielt schon Ausschau nach einer grossen 6-Zimmerwohnung. Und noch etwas bahnte sich an. Ich wollte den Wiedereinstieg in meinem angestammten Beruf wieder riskieren.

In dieser Idee wurde ich auch kräftig von meinem neuen Arbeitgeber unterstützt. Man stellte mir für wenig Geld eine ältere Wohnung in Wallisellen zu Verfügung. Sie war Eigentum des Migros Genossenschafts-Bundes.

Meine Frau aber hatte sich entschieden ihr eigenes Leben zu führen. Vorerst wollte sie deswegen sogar auf die Kinder verzichten. Alles zureden, auch ihrer Eltern konnte daran nichts ändern.

So zogen dann meine Schwester, die Kinder und ich in die Wohnung in Wallisellen und irgend wann in dieses Zeit trat ich erneut in die Dienste der Migros Zürich ein. Ich hatte zu dieser Zeit meine ersten Sporen ja schon abverdient. So startete ich als Stellvertreter des MM Schwamendingen. Dies war ein umsatzstarker Markt mit M-Restaurant und eigener Hausbäckerei. Schon bald fühlte ich mich pudelwohl in meinem angestammten Job. Auch das Verhältnis zum Chef den Mitarbeitern und dem restlichen Kader äußerst professionell.

Das Leben musste irgendwie weitergehen. Auch meines. So kann ich nicht leugnen, dass ich schon bald einmal nach einer neuen Frau Ausschau hielt. Dass ich dies dann vorwiegend am Abend tat mag zwar logisch sein, dass ich deswegen die Kinder am Abend auch schon alleine ließ allerdings auch.

Zwei Ereignisse traten dann zusammen auf. Im Geschäft stand der Personalausflug an. Die Reise ging ins Toggenburg. Mein diesjähriger WK fand zur gleichen Zeit in Alt St. Johann statt. Das ganze konnte ich mit meinem Urlaub verknüpfen. Es gab nicht vieles, dass mich mehr geschmerzt hat in meinem Leben. Erst einmal stand ich nach meiner Trennung schon richtig schön neben den Schuhen. Meine Arbeitskameraden waren mir schon in kurzer Zeit zur Ersatzfamilie geworden. Und von Ihnen sollte ich mich heute auch noch trennen für diesen idiotischen Militärdienst. Schweren Herzens stieg ich an der Talstation zur Sellamatt Bahn aus, und fuhr zusammen mit meinen Dienstkollegen hinauf in die militärische Unterkunft. Die Anlage war in jener Zeit noch nicht renoviert, der Kompaniekommandant auch noch der gleiche. Die Situation keineswegs motivierend.

Der Dienst dann entsprechend. Jeden Morgen lagen 30 cm Neuschnee. Es lag schon dermaßen viel auf einander, dass alleine durch den Druck die Gesamtschneemenge trotzdem nicht mehr anstieg. Jeden Morgen stapften wir durch den Neuschnee mit der Ausrüstung komplett hinauf zu den Schießplätzen, um unseren Dienst fürs Vaterland zu absolvieren. Wir waren in erster Linie dafür verantwortlich, dass die Munition der nötigen Fluktuation ausgesetzt war. Dabei gab es auch Kameraden, welche sich für das Ganze begeistert haben.

Es kam der Kompanieabend. Dies war dann mit unserer Küchenmannschaft immer ein Topereignis. Das Essen jeweils erstklassig, so dass man sich echt fragen musste wie der Fourier dies jeweils zu Stande brachte mit dem wenigen Geld. Alkohol floss an solchen Anlässen in Strömen. Die Gastronomie im Toggenburg generell hatte damals noch gute bis sehr gute Zeiten. Vor allem aber füllte das Militär in jenen Jahren auch die schwachen Nebensaisons. Dabei konnte auch nur in dieser Zeit mit den Minenwerfern geschossen werden. Heute würde man dem Win-Win Situation sagen.

Irgendwie ging auch dieser WK zu Ende. Run, abtreten, das übliche eben. Zu Hause angelangt, dann erst einmal den ganzen Gerümpel verstaut, ein Bad genommen und dann ist es passiert. Meine damals achtjährige Tochter kam zu mir ins Badezimmer: „Papi mein Mami kommt wieder nach Hause“. Was dies zu bedeuten hatte war mir schnell einmal klar. Meine Frau hat eingesehen, dass das Leben ohne Kinder nicht so einfach zu bewerkstelligen war. Allerdings war damit auch klar wo mein Leben in Zukunft stattfinden würde. Auf die andere Seite war mir auch schnell bewusst, dass es für die Kinder besser war, wenn die Mutter wieder zu Hause war. Sie haben sie natürlich sehr vermisst.

Ich aber habe in der Zwischenzeit auch erfahren dürfen, dass Frau nicht gleich Frau ist. So gesehen war es ein gutes Erlebnis der erlebten Gefühlskälte zu entfliehen. Zum ersten Mal machte ich dann auch die Erfahrung einer menschlichen Schwäche. Du streichst für dich die Negativpunkte, freust dich über die Veränderung und übersiehst im Augenblick nur all zu gerne andere Schwachstellen. Das Ganze verläuft dann meistens nicht so gradlinig.

Irgendwann wurden wir dann mit großem Einvernehmen geschieden. Wir machten eine richterliche Konvention und besiegelten das Ganze friedlich bei einem Kaffee. Die Scheidung sollte nicht noch pompöser werden als die Hochzeit. Das Gericht in Bülach war vor allem daran interessiert, dass die Kinder finanziell versorgt waren und das ist auch gut so. Es gab deswegen nie irgendwelche Diskussionen, die Alimenten wurden ja auch indexiert. Und die miesen Erfahrungen, welche ich in meiner Jugendzeit gemacht hatte, sollte dann wenigstens meinen Kindern erspart bleiben. Gudrun hat dann schon bald einmal wieder geheiratet und dies war auch gut so.

Im Geschäft lief es vorerst noch wie am Schnürchen. Es zeichnete sich allerdings ein gröberer Störfaktor ab. Die Jahresteuerung erreichte Rekordwerte und die Löhne mussten entsprechend angepasst werden. Solange die Umsätze bei diesem Zyklus mitziehen, ist das Ganze kein großes Ereignis, wenn dann die Teuerung wie damals über 10% anzieht, wird alles zu einem mächtigen Problem.

Vorerst haben wir uns in den Filialen noch keine grossen Sorgen gemacht. Wir hatten ganz einfach noch nie etwas von Inflation gehört. Seit ich im Arbeitsprozess stand, ging es stetig aufwärts, vor allem, und das ist das wichtigste, bei den Erträgen. Umsatz alleine betrachtet mag Spaß machen, was am Schluss im Portemonnaie bleibt hat allerdings die größere Aussagekraft.

Die Blitzkarriere

Langsam aber stetig entwickelt sich die Migros von einem Familienbetrieb hin zu einem modernen Großverteiler. Das Glattcenter wurde unter Federführung der Migros gebaut und eröffnet. Für mich ist dieses Center auch heute noch wegweisend. Zu jener Zeit gab es schon die beiden Einkaufscenter westlich der Stadt Zürich, Spreitenbach und Tivoli. Dies ist allerdings ein kurioses Konstrukt, werden doch die beiden Center von der Kantonsstrasse getrennt.

Etwas ist speziell aufgefallen. Immer mehr sah man über den grossen Teich, wenn man das Geschäft weiter entwickeln wollte. Nicht immer geschah dies nur zum Vorteil. Man ver-suchte meiner Meinung nach dortige Systeme noch zu überholen, hat aber etwas entscheidendes nicht berücksichtigt. Amerikanische Kultur hat sich in keiner Weise mit den hiesigen Gepflogenheiten vertragen. Hire and Fire auch nicht mit dem sozialen Kapital eines Gottlieb Duttweiler vereinbar. Gott sei Dank. Etwas war dann allerdings fast über Nacht in aller Leute Munde. Man redete nicht mehr vom Einkaufen. Einkaufserlebnisse sind das neue Zauberwort. Heute bin ich mir überhaupt nicht mehr sicher, ob das Ganze nicht gewaltig übertrieben wurde, denn etwas ist so klar wie frisches Bergwasser, solche Träume kosten auch Geld, und wie!

Seit ein paar Jahren war Eugen Hunziker Geschäftsführer der Genossenschaft Migros Zürich. Er war damals familiär genauso verbandelt wie sein erster Verkaufsleiter Rolf Frieden, der aber schon bald einmal zum Direktor der Migros Luzern aufrückte. Von all diesen Leuten hatte ich eine große Achtung. Ein jeder kannte das Unternehmen von der Pike auf. Entsprechend weitsichtig fielen dann auch ihre Entscheidungen aus. Man hatte noch immer das Gefühl, dass das Geld noch so behandelt wurde, als wäre es das eigene.

Draußen an der Front genoss dann bald einmal ein neuer Mann grossen Respekt. Er kam, meiner Meinung nach ein Novum, von der Wirtschaftshochschule St. Gallen. Hermann Hasen. Wir spürten es bis in den kleinsten Zeh. Die Zukunft brauchte auch in der Migros gewaltige neue Entscheidungen. Die Kosten liefen bald einmal gewaltig aus dem Ruder. Verkaufsläden mit 10’000 m² brauchten völlig neue Strategien. Erstens kosteten sie gewaltig an Kapital, erreichten dann aber keineswegs den nötigen Ertrag. Ein wirklich aussagekräftiger Messpunkt war dann erst einmal der erzielte Umsatz je Quadratmeter, logischerweise dann auch der Ertrag auf das eingesetzte Kapital, die verbrauchte Energie usw. Die wirklichen Träger des Unternehmens waren die Migros Märkte, teilweise auch noch die K-Läden.

In jener Zeit machte sich etwas immer mehr bemerkbar in der Schweiz, nicht nur in der Migros. Je mehr Kapital im Einsatz war, je mehr entwickelte sich auch eine ausgeprägte Schönrederei. Praktiker, und aus denen bestand das Unternehmen nun einmal, und vor allem sie haben das Unternehmen getragen, wurden in den folgenden Jahren immer mehr belächelt.

In diesem Umfeld bat mich Arthur Däppen der Marktleiter zu einem Gespräch. Schon seit einiger Zeit hat er mir das Du angeboten. Man merkte ihm an, dass ihm das ganze nicht allzu gelegen kam, zu problemlos war unsere Zusammenarbeit. Er sollte mir eine Idee der Verkaufsleitung unterbreiten. Man suchte für eine spezielle Aufgabe Praktiker von der Front. Er sah für mich eine ungeheure Chance. Vermutlich wusste er auch nicht bis ins Detail um was es überhaupt ging. Schon bald sollte ich mich bei Walter Krüsi, unserem Personalchef melden, der sollte dann erst einmal mein Einverständnis einholen.

Der finanzielle Notanker hieß APK , Arbeits- Planungs- und Kontrollsystem. Der Migros Genossenschafts-Bund hatte das System bei einer amerikanischen Firma gekauft. Die Migros Zürich sollte das System auf schweizerische Verhältnisse anpassen und einführen.

Es wurde ein Team zusammen gestellt unter der Leitung von Werner Krüsi. Er war, wen wundert es der Bruder unseres Personalchefs. Er hatte den entscheidenden Vorteil, dass er ein perfektes Englisch sprach, eine absolute Voraussetzung um mit den Amerikanern überhaupt zu kommunizieren. Wir in der Schweiz begannen erst langsam die Bedeutung dieser Sprache zu begreifen. Wir waren ja meistens im Welschland, ich habe darüber berichtet. Auch leitende Angestellte waren in jener Zeit keineswegs in der Lage englisch zu sprechen. Die Ausnahme bildeten Kinder aus besseren Häusern, denen man schon damals ermöglichte die Sprache in England oder auch in den USA zu lernen. Leute wie Rolf Frieden und Hermann Hasen waren dieser Sprache natürlich mächtig. An der Front aber waren nach dem Kriege andere Stärken gefragt. Durchsetzungsvermögen oder zunehmend auch die Kommunikationsfähigkeiten wurden angestrebt.

Um es vorweg zu nehmen Werner Krüsi, er arbeitete als Küchenchef jahrelang in Südafrika hatte noch einen entscheidenden und immer mehr gefragten Charakterzug. Er war der geborene Team-Player.

Die Amerikaner hatten uns zur „Unterstützung“ einen Mitarbeiter hier gelassen. Noch heute habe ich seine stetige „englisch-deutsch“ Aussage in den Ohren: „Mister, eine Idee ist for besser Planing“. Diesen Spruch durften wir dann täglich mehrere Dutzend mal hören. Etwas wirklich brauchbares konnte er uns in keiner Weise vermitteln. Er war buchstäblich nur ein „Easy Worker“, wie Werner stets betonte, will eingedeutscht etwa bedeuten: „Er arbeitet zwar den ganzen Tag, nur musst du ihm erst einmal erklären, was zu tun ist“. Unwichtig war er trotzdem nicht für das Team, hatten wir dadurch doch einiges zu schmunzeln. Und für Zeitstudien an der Front war er absolut perfekt. Auch für die dann folgenden „Fleißarbeiten“ beim Zusammenzug der Daten war er gut einsetzbar.

Nun war ich an einem Punkt angelangt in meinem Berufsleben wo meine mathematischen Fähigkeiten voll zum tragen kamen. Die EDV war in rasantem Tempo fortgeschritten. Aus der Geschäftsleitung wurden wir perfekt unterstützt. Schon bald einmal wurden Zeitstudien und EDV – Auszüge zu unserem täglichen Brot. Man konnte uns Daten liefern über die Liefermengen auf Monate zurück. Auch auf die Lohnkosten und die eingesetzten Arbeitsstunden hatten wir uneingeschränkten Zugriff. Dies war natürlich ungeheuer wichtig für die Beurteilung der nachfolgenden Schritte. Wohl gab es gleichgelagerte Filialen, gewisse Eigenarten waren aber trotzdem gebührend zu berücksichtigen.

Wo die Zahlen größer sind, darf man auch davon ausgehen, dass da die größten Einspar- effekte zu erzielen waren. Aus diesem Grund machten wir uns in einem ersten Schritt an die grossen Brocken. Die MMM und MM waren Ziel der größten Begierde. Speziell zu erwähnen ist dabei, dass hier naturgemäß die erfahrensten Leiter im Amt waren. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, vor allem wen es auch noch Verkaufschefs gab, die uns mächtig in die Knie schossen. Dies wurde dann von den Herren Hunziker und Hasen in beeindruckender Weise noch gleichen tags abgestellt.

Vorerst war alles reine Fleißarbeit. Dann kam allerdings die anspruchsvollste Arbeit. In den USA mag alles einiges leichter sein, man hat mindestens den sozialen Parameter den man getrost weglassen kann. In der Schweiz aber ….

Wir haben des öfteren auch bis spät in die Nacht über der Datenflut „gehangen“. Das Ganze wurde in sogenannten Man-Loads zusammen gefasst. In einer Woche sollten wir mit den Informationen in den Filialen beginnen. Und dann kam der Abend als Werner das ganze Bündel erst hoch über den Kopf hielt und dann auf den Boden schmiss. Uns hat es fast von den Stühlen gerissen. Wir anderen drei hatten die ganze Anspannung mit einem grossen Gelächter beerdigt, und das solange bis auch Werner uneingeschränkt einstimmte. Es muss dabei auch berücksichtigt werden, dass er dabei der Leader war. Solche Geschichten haben einen tollen Nebeneffekt, sie schweißen ein Team noch mehr zusammen. Es gelang mir noch an diesem Abend eine beruhigende Strategie zu verbreiten: Eigentlich geht es bei diesen Arbeiten nur um eines, um irgend eine Leistung zu vollbringen, braucht es zuerst einmal ein entsprechende Forderung. Genau bei diesem Punkt gab es allerdings genügend Schwachpunkte an der Front. Auch hatten wir nebenbei die Aufgabe, komische, teilweise lustige aber immer auch störende Schwachpunkte zu notieren. Dies brachte uns bei der Einführung in den Filialen auch manches Lächeln ein. Und über die eigene Betriebsblindheit kann man bekanntlich am besten lachen.

Am nächsten Morgen machten wir dann Nägel mit Köpfen. Die Gutschriften für den Stundeneinsatz in den Filialen haben wir unterteilt in fixe, variable und periodischen Stunden. Das Ei des Kolumbus aber war ein flexibler Leistungsgrad. Auf diese Weise war alles darstellbar, und in den Filialen vor allem zu verkaufen. Jeder wurde sein eigener Chef, und konnte so weitgehend selbstständig am Rädchen drehen. Das ganze wurde zu einem durchschlagenden Erfolg. Es gab allerdings gewaltige Leistungsunterschiede. Aber das wichtigste blieb dabei, dass das ganze als Hilfe ausgelegt war, und die wurde in dieser schwierigen Zeit auch dankbar angenommen.

Wir haben tausende von Beurteilungen vorgenommen. Stellvertretend sei auf eine einzige eingegangen.

Im Glattcenter wurden damals 35% des Umsatzes in den 3½ Tagen von vom Montag bis Donnerstagmittag gemacht. Die restlichen 65 % in den verbleibenden 2½ Tagen. Die Verkaufsfläche in jenen Tagen gute 10’000 m². Das dies ungeheure Anstrengungen beim Personaleinsatz mit sich brachte versteht sich beim Betrachten dieser Zahlen. Denn auch bei schwachen Frequenzen sollten die Kunden nicht alleine gelassen werden, erstens nicht wegen den Diebstählen und zweitens wegen der Beratung. Hier konnte der verordnete Leistungsgrad dann auch gewollt auf 35% absinken. Davon waren vor allem die Non-Food – Bereiche getroffen.

Die Stundenvorgaben wurden also bis in die einzelnen Abteilungen hinunter gebrochen. Auch für die Dienstleister im Hintergrund wurden exakte Einsatzpläne ausgearbeitet. Das Glattcenter hatte damals eine eigene Dekorationsabteilung. Alleine für den Rückschub der Einkaufswagen mussten wöchentlich 145 Arbeitsstunden aufgewendet werden. Der Leiter des Centers war damals Herr Leupp ein ehemaliger Verkaufschef der GMZ, sein Stellvertreter ein ehemaliger MM-Leiter. Es waren auf jeden Fall ganz neue Dimensionen.

Vielleicht noch ein Wort zur Schönrederei. Dieses gewaltige Einkaufscenter konnte bei den Quadratmeter-Umsätzen nicht mithalten mit den gutgehenden Migros-Märkten. Von den immensen Investitionskosten wollen wir an dieser Stelle schon gar nicht reden, von den futuristischen Nebenkosten auch nicht.

Es ist also nicht erst seit der Eurokrise so. Unangenehme Sachen wurden auch in den 1970er Jahren totgeschwiegen. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass vom Andenken bis zur Eröffnung rund 20 Jahre vergangen sind. Man hat sich in jener Zeit sehr stark an den USA orientiert, das ganze aber auf „schweizerische Verhältnisse“ aufgemotzt. Eine Spur Bescheidenheit wäre meiner Meinung nach der Migros besser angestanden. Mindestens baumässig setzen deutsche Discounter bestimmt eher die richtigen Maßstäbe. Ich fürchte man wird bei den beiden Großverteilern noch einige Jährchen in einer massiven Kostenfalle verharren. Und wenn man in Betracht zieht, dass solche Center nach 20 Jahren bereits total renoviert werden und dabei meisten schon wieder mit den Entstehungskosten des Neubaus konkurriert wird, mag ich eher nur noch schmunzeln.

Wie sagte aber schon der amerikanische Systemüberbringer mit einem Grinsen zu uns. Die Neubeurteilung der Kosten ist ein Dauerauftrag, wenigstens in den USA. Ob dem hierzulande noch das nötige Augenmerk geschenkt wird ?

In der Stadt Zürich aber tickte schon die nächste Investitions bombe. Migros City war im Bau begriffen. Auch hier wollte man neue Maßstäbe setzen, diesmal aber für ein großes Center mitten in der Stadt Zürich. Während die Warenhäuser in den Städten zunehmend an Bedeutung verloren habe, Stichwort Jelmoli, Epa aber auch Globus glaubte man bei der Migros an den eigenen Erfolg. Vermutlich träumte man in der GMZ nur noch davon, möglichst schnell die zweite Umsatzmilliarde zu schaffen. Ob man dabei auch an die zukünftigen Kosten nachdachte, will ich stark bezweifeln. Zunehmend wurde nun das Ruder von Akademikern übernommen, Stabsstellen im entsprechenden Umfang geschaffen. Was waren wir dagegen für ein bescheidenes Trüppchen.

Noch 2 Jahre sollte ich den alten MM Löwenstraße leiten. Dabei musste ich eine weitere Lebenserfahrung machen. Um solche Jobs längerfristig wirklich erfolgreich weiter zu bewältigen, musst du in erster Linie ein gutes familiäres Umfeld haben, zu groß die Gefahr, dass du ansonsten vermehrt einsame Entscheidungen triffst. Oder mit deinem Stellvertreter aus lauter Blödsinn Vögel fütterst, mit Brotbrocken welche vorgängig mit Alkohol getränkt wurden.

Irgendwie stand ich trotzt meiner Körpergröße noch längere Zeit auf wackligen Beinen, und das sollte auch noch mindestens 4 Jahre so bleiben. Beim Ausüben solcher Stellen brauchst du massenhaft Energie, die irgendwo wieder aufgetankt werden muss. Du musst dich auch mental abgleichen können. Für mich war dies mit meinen 2 nächsten Lebenspartnerinnen in keiner Weise der Fall. Mein Traumfraueli sollte aber erst in ein paar Jahren an meine Seite treten. Wie oft habe ich später daran gedacht, wie meine Karriere in der Migros weiter gegangen wäre, oder ich sogar die ungeheuren Erfahrung in der Arbeitsplanung weiter entwickeln und auf selbständiger Basis an Firmen hätte vermitteln können. Es hat nicht sollen sein, deshalb heute darüber zu verzweifeln wäre völlig daneben.

Grundsätzlich waren die 2 Jahre an der Löwenstraße, erstens völlig interessant, und zweitens auch wieder sehr lehrreich. Wie kann man sich darüber freuen, wenn man in dem alten 3-stöckigen Laden zur Weihnachtszeit zusammen mit dem Glattcenter echte Pelze verkauft, respektive in Kommission verkaufen lässt, und dabei den Umsatz des neuen Konsumtempels noch übertrifft. Da konnten mein Stellvertreter Roland Riedweg aus dem Glattcenter, welcher dort die Kolonialabteilung geleitet hat und ich die Hände zu einem „Gib my Five“ zusammen knallen.

Oder wenn wir aus alten Schwartenbrettern zum Muttertag in unserer Freizeit einen Verkaufsstand erstellten, ihn mit einer Lötlampe anbrannten, das ganze auf den Gehsteig stellten, und dieses Jahr den Blumenumsatz gegenüber dem Vorjahr um fast 300% erhöhten. Dabei darf allerdings nicht verschwiegen werden, das unser Fachberater Blumen mit Namen Weber, fast den ganzen Tag als Nachtlieferant missbraucht worden war.

Irgendwie war auch noch vieles möglich, was heute bestimmt nicht mehr machbar wäre.Jedenfalls war die alte „Chrüpf“ ein Auslaufmodell. Es gab keine Parkplätze. Der Kundenfranken 3x kleiner im Vergleich zu einem modernen MM. Trotzt unseren Anstrengungen reduzierte sich der Umsatz kontinuierlich um einige Prozent. Die Kunden mussten alles zu Fuß nach Hause tragen. Schon aus diesem Grund war mir die Idee mit dem neuen Warenhaus äußerst suspekt.

Die Geschäftsleitung hat uns auch nie Vorwürfe wegen dem Umsatz gemacht, ich glaube man hat eher darüber gelächelt. Etwas anderes sollten wir in den Griff bekommen. Die Inventare waren seit Jahren, auch schon bei meinem Vorgänger katastrophal. In diesen Schwachpunkt wurde schon mal die ganze Energie gesteckt. Wieso auch immer, das erste Inventar war dann sogar hervorragend. Alles triumphierte. Das zweite dann allerdings miserabel. Wie war das möglich ? Ich konnte das ganze nicht glauben. Setzte mich dutzende von Stunden, auch öfters in meiner Freizeit ins Büro, kontrollierte Fakturen stapelweise.

Dabei muss ich sagen, dass ich eine äußerst zuverlässige Bürokraft von meinem Vorgänger übernehmen durfte, auch wenn sie mir nie wirklich in die Augen schauen konnte. Ich hätte für sie die Hand ins Feuer gelegt ……auch wenn wir uns menschlich gar nicht vertragen konnten.

In ihrem Leben war Platz für 2 Dinge, für die Migros und ihren Mann, sicher aber nicht für angetrunkene Vögel. Auch wenn das sicher nicht sehr intelligent war, ich sollte schon bald fühlen, dass diese doofe Geschichte aus der Filiale getragen wurde. Dieser APK Heini soll nicht glauben ….wäscht auch nur mit Wasser.

Auch unser Chefmetzger, welcher der Chef der Chefmetzger-Vereinigung in der GMZ war, hatte das Heu mit Sicherheit nicht auf der selben Bühne. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass mein Stellvertreter ihn an einer Kadersitzung arg attackiert hat, (wegen Sauberkeit und Präsentation). Er fabrizierte allerdings auch den größten Umsatzverlust. Wie will aber so ein junger Schnösel einen Walter Binkert in den Senkel stellen. Durch seine Hände gingen die ersten Fleischstücke, welche die Migros überhaupt im Angebot hatte. Natürlich, Kritik gehört zum Leben, sollte aber meiner Meinung nach bestimmt nicht zu Kränkung führen und schon gar nicht im Kollektiv angebracht werden. Der Mitarbeiter sollte immer im Gefühl belassen werden, dass die Veränderungen von ihm selbst gekommen sind. Solche Taktiken sind sicher einiges anspruchsvoller, allerdings auch um einiges effizienter. Ja der Rolli, er war halt schon noch sehr jung….und gesagt war gesagt.

Für mich aber kam die Nacht der Nächte. Wie meine spätere Frau schien ich die Begabung für Zahlen mit dem „Löffel gefressen zu haben“. Das Ganze kam so. Vor Beginn der Skisaison wurden uns und ein paar anderen Filialen die Skis des Vorjahres zum Ausverkauf zugeteilt. Sie hatten einen Warenwert von CHF 87’000.– und ein paar Zerquetschte. Genau dieser Betrag tauchte dann 2x in der Fakturierung auf. Einmal maschinell und…. einmal manuell eingegeben. Diese Möglichkeit hatten damals wegen der gewünschten Flexibilität auch noch jede einzelne Marketingabteilung.

Noch einmal erhielt ich eine große Anerkennung von meinen Vorgesetzten. Meine Sekretärin reagierte mit noch mehr Abneigung und einem roten Kopf, obwohl ich ihr wegen der Fakturenkontrolle nie auch nur den geringsten Vorwurf machte. Für sie war ich vermutlich nur ein ganz simpler Technokrat. Das diese Geschichte nicht an die große Glocke gehängt werden durfte, war mir natürlich klar. Schnell hätte daraus eine ungeheure Unzufriedenheit entstehen können. Zu groß waren die Mankos der Inventare in den Filialen. Dass ein großer Teil von ihnen „verrechnet“ wurde, zu Gunsten einer besseren Marge ist eine Behauptung, die ich noch heute vertrete. Für solche Behauptungen braucht man auch keinen Doktortitel, eine große Erfahrung in Sachen menschlicher Schwächen allerdings schon.

Nach diesem Vorfall und einer Aussprache mit Hermann Hasen, waren meine Batterien allerdings leer, vor allem wenn besoffene Vögel zum Thema gemacht werden. Ich quittierte meinen Dienst, wieder ein Mal. Mit der Drohung: „Die Voraussetzungen für einen Wiedereintritt bestimme dann ich“, akzeptierte mein großes Vorbild meine Kündigung. Als sein Ziehsohn hatte ich ihm mit meinem Austritt auch genügend Unannehmlichkeiten verursacht.

Nur wenige Jahre später hörte ich, dass er über eine äußerst banale Geschichte gestolpert ist. Vielleicht hat auch ihm die weibliche Basis gefehlt…. Und bist du erfolgreich, musst du dich auch nicht aktiv um Feinde kümmern, sie fallen dir automatisch in den Schoss.

In Sachen Migros halte ich nun mal die Schnauze und genieße weiter meinen Ruhestand. Denn Scheiße habe auch ich genügend gebaut.

Und wieder ein Neuanfang

Vorerst machte ich mir noch einige Gedanken. Wird es mir gelingen mein doch relativ gutes Einkommen bei der GMZ aufrecht zu erhalten. Ein letztes Mal in meinem Berufsleben sollte mir mein exzellentes Abschlusszeugnis als Berufsmann helfen. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass dies in meinem Alter nicht mehr wirklich von Bedeutung war.

Ich wohnte mit meiner neuen Partnerin und ihren 2 Kindern in einer teuren Attikawohnung in Wettingen. Aus purer Lust am Geld verdienen, hatte ich mein Einkommen noch mit dem Verkauf von Vorhängen aufgemöbelt. Ich kann ja wohl nicht schreiben „aufgevorhängt“. Und das kam so. Mein Ex-Partnerin hatte mal Schneiderin gelernt. Sie wollte für mich auch weiterhin Vorhänge nähen um ihr Einkommen zu Hause auf zu bessern, denn sie war alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Und die Zeit, als Ihr Exmann auch für sie Alimente zahlen musste ist abgelaufen. Auch sie tat sich vorerst mit meiner Schwester zusammen. Weil sie auch eine wirklich gute Arbeit machte, lief das ganze wie am Schnürchen. Die Margen darauf ebenfalls nicht von schlechte Eltern. Hätte sie nur nicht ihren Sohn immer wieder als eine verteufelte Satansbrut angeschrien. Ja, alleinerziehende Frauen, darüber ließe sich alleine ein Buch schreiben. Und gerade sie kreuzen naturgemäß immer wieder das Leben eines geschiedenen Mannes in meinem Alter. Wegen meinem intensiven Berufsleben konnte ich leider auch nicht die nötige Ruhe in die Erziehung dieses Kindes bringen. Ich sah die Beiden übrigens ein paar Jahre später wieder in einem Einkaufszentrum. Sie hatte nun einen neuen älteren Partner. Jean-Pierre den Jungen erkannte ich nicht wieder. Er schien nun kein Wässerchen mehr trüben zu können. Es wäre also möglich gewesen, musste ich neidvoll feststellen. Ja, die Welt war mitten in den Patchwork-Familien angekommen.

Ich denke nun bin ich abgeschweift, auch wenn ich auch noch etwas von der Vorgängerin erzählen musste. Wer würde das Ganze ansonsten noch verstehen. Es ist schon für mich selber fast nicht mehr zu verstehen.

Verständlicher wird das Ganze für dich in keiner Weise, wenn deine Neue dich schon bald einmal mit einem Messer in der Hand, auf einem Stuhl stehend bedroht. Dabei ging meine sprichwörtliche Gutmütigkeit sogar so weit, dass ich noch die Schulden meines Vorgängers beglichen habe, und ihr einen nagelneuen Toyota Starlet gekauft habe. Hält das Weib die Beine auseinander und lutscht dir ab und zu noch einen, läuft Mann Gefahr noch das letzte bisschen Verstand zu verlieren.

Solche Attacken widerfuhren mir meist, wenn meine Kinder zu ihrem monatlichen Besuch erwartet wurden. Sie wollte mich offensichtlich für sich alleine haben. Dabei sollte ich ihren Kindern einen möglichst guter Ersatzvater abgeben. Weibliche Wesen ticken eben anders. Auch diese Erfahrung sollte ich in späteren Jahren wieder machen.

Bis Süseli endlich in mein Leben treten wurde, wird dieser Wahnsinn allerdings noch 2 Jahre so weiter gehen.

Vorerst sollte der Nachschub des Geldes gesichert werden. Ich bewarb mich als Vertreter bei der Nationalversicherung. Das Limmattal sollte neu bewirtschaftet werden. Ich glaube, dass mit der richtigen Frau an meiner Seite, das ganze zu einer Erfolgsstory geworden wäre. Auch staunte ich nicht schlecht, als mir der Chef ohne mit der Wimper zu zucken zusagte den Lohn der Migros zu übernehmen. Kam dazu, dass ich im Außendienst auch noch noch den Anspruch auf fixe Spesen hatte.

Was mir allerdings schnell einmal klar wurde: Dieses Geschäft beruht auf Beziehungen. Wir hatten auf der GA in Baden einen bekannten Sportsmann. Ihm wurden die Geschäfte in seinem Gebiet nur so zu getragen. Mein Chef verbrachte fast die ganze Zeit auf dem Tennisplatz wo er mit meist Selbstständig erwerbenden seinem Hobby frönte. Auch sonst pflegte er sich in solchen Kreisen zu bewegen. Auch diese Klientel brauchte eben eine Altersvorsorge. Wenn ich an meine Zeit in der Migros zurück dachte und an die damals schon 15%, welche vom Lohn in die Altersvorsorge geflossen sind, wurde mir sehr schnell klar, um welche Beträge es hier ging. Eigentlich habe ich das Ganze sehr schnell begriffen.

Die Versicherungen boten schon damals sehr interessante Produkte an, auch in Bezug auf Steuerersparnisse. Das Geld wäre mit dem notwendigen Einsatz und der erforderlichen Seriosität buchstäblich auf der Straße gelegen. Die meisten meiner Kollegen gaben sich dann allerdings mit dem Massengeschäft zufrieden, will heißen mit dem versichern von Autos, Mobilien und Sachversicherungen. Auch davon ließ es sich leben, der große Reibach wurde allerdings mit Personenversicherungen gemacht.

Dies hat mir mein Onkel Adolf schon vorgelebt. Er war fast sein ganzes Berufsleben bei der Winterthur Leben im Geschäft, und betrieb Jahrzehnte deren Hauptagentur in Olten. Was aber in den 60er mit kleinen Lebensversicherungen begann, entwickelte sich schnell einmal Richtung Altersvorsorge mit dem entsprechenden Volumen.

Man war sehr großzügig, auch in Sachen Ausbildung. Erst einmal glaubte ich, dass ich die verschiedenen Sachgebiete in der GA zu studieren hätte, wo ich auch allfällige Fragen beim Leiter des Innendienstes an den Mann bringen konnte. Dies wurde aber schnell einmal als erfüllt, für nicht mehr nötig erachtet. Die Erfahrung sollte den Rest dazu beitragen. Ich durfte Rendez-Vous in meinem Gebiet arrangieren. Mein Chef persönlich begleitete mich dann bei delikaten Geschäften. Dies wären ideale Voraussetzungen gewesen. Die Zahlen stiegen und stiegen. Ich wäre schon bald einmal soweit gewesen, dass ich mein garantiertes Gehalt und die Spesen mit meinen Verträgen abgedeckt hätte. Die Umsätze verdoppelten sich monatlich. Ein Jahr aber hat in dieser Branche jeder Neuling Zeit.

Um das große Glück zu erleben, musst du allerdings am Morgen mit einem Lächeln erwachen und voller Tatendrang ans Werk gehen. Noch nie aber in meinem Leben war ich so haltlos. Ich verpennte sogar 2x die Personalsitzungen, obwohl die jeweils äußerst lehrreich und immer bei einem geselligen Essen verbracht wurden. Ich glaube es war das erste Mal, dass ich jegliche Motivation verloren habe. Ich drehte mich buchstäblich im Kreise, meine Partnerin aber verstand nur „Bahnhof“.

Unter solch Voraussetzungen konnte ich diesen Job einfach nicht mehr weiter führen. Heute würde man dem Burn-out sagen, in jener Zeit wusste man nicht einmal was dies war. Wieder einmal verstand ein Chef meine Entscheidung in keiner Weise. „Er läuft doch alles nach Plan“. Ich aber war der Verzweiflung nahe. In dieser Zeit entstand meine Überzeugung : „Sex als Lebensinhalt bring dich an den Rand des Abgrundes“, Männer scheinbar noch mehr als Frauen. Hoffentlich kann ich daraus wenigstens etwas lernen. Sex aber hat vor allem immer wieder auch mit übersteigerten Besitzansprüchen zu tun. Dies scheint mir immer mehr, vor allem in der Damenwelt so zu sein. Frei unter dem Motto: „Ich gebe dir ja alles was ich habe“……. Vielen Dank !!!

Schon vor meinem Austritt bei der National hatte ich vorsichtshalber schon einmal mit unserem Wohnungseigentümer gesprochen. Er war ein weiser Mann. Meinte das Leben wird sich wieder einrenken, ich solle mir keine Gedanken machen. Trotzdem für mich wurde das Risiko langsam zu groß. Sehr zum Leidwesen des Eigentümers wechselten wir schon einmal die Wohnung. Eine Zukunft mit dieser Frau sah ich je länger je weniger. Sie sollte nach einer Trennung ja auch die Wohnung selbst finanzieren können. Den Vertrag hatte aus naheliegenden Gründen, nur ich unterschrieben. Dies war schon einmal eine kluge Entscheidung. Den erlebten Terror noch lange über mich ergehen lassen, wollte ich auf jeden Fall nicht mehr.

Einnahmen würde ich aber auch in Zukunft brauchen.

So kaufte ich am Bahnhof Enge ein Grillwagen. Der Besitzer gehörte zu Beginn der 1970er Jahren zu den armen Kerlen die in der damaligen Baukrise die Stellung als Hochbauzeichner verloren hatte. Die Arbeitslosenkasse riet zur Umschulung. Die Betroffenen konnten das kleine Wirte patent machen. Es waren die Jahre als überall solche Grillwagen auftauchten.

Das Geschäft lief ganz passabel, auch wenn ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich mehr Geld mit den Spielautomaten verdiente. Vor 10.30 Uhr musste ich allerdings nicht auf dem Platz sein, so dass ich am Morgen früh noch bei einer Transportfirma arbeitete. Erst einmal Frischprodukte an Denner geliefert, anschließend noch meist in einer Großbank Großcomputer transportiert und umgestellt. In diesen Jahren entstanden die grossen Rechenzentren in Zürich-Altstetten, und Alex mein Brötchengeber schien sehr gute Kontakte in die Bankenwelt zu haben. Was aber vielleicht noch wichtiger war. Seine Frau hatte ein unheimliches Talent Aushilfen zu organisieren. Finanziell musste ich also nicht darben.

Eines Tages stand dann allerdings die Gewerbepolizei vor meinem Grillwagen. Man hatte heraus gefunden, dass ich kein Wirte patent hatte. Mein analytischer Verstand sagte mir allerdings, dass der Hintergrund an einem anderen Ort zu suchen war. Der Sohn eines sehr bekannten Rechtsanwaltes in der Stadt Zürich hatte vermutlich etwas zu viel Geld in meine Spielkasten geworfen. Sich mit solchen Leuten dann aber anzulegen erschien mir nicht erfolgversprechend. Ich erhielt eine kleine Ordnungsbusse und hatte noch 30 Tage Zeit. Immer diese 30 Tage….. Die Wirtefachschule (immerhin 3 Monate) auf meine Kosten zu machen, schien mir dann aber doch nicht zweckmäßig.

Es gelang mir den Betrieb ohne grossen Abschreiber an ein älteres Ehepaar zu verkaufen. Es war ja auch so, dass das Ganze einen guten Ertrag abwarf. Die Beiden waren auch über die Rendite überrascht. „Mit so einem Ertrag hätten sie ihre Beiz nicht aufgegeben“. Sie hatten vor allem ein Patent. Man wollte meine Angaben noch überprüfen,verabredete sich ein paar Tage später, machte den Verkaufsvertrag und wickelte das Ganze in bar ab. Noch einmal Schwein gehabt.

13. Kapitel

Ein bescheidener Neuanfang

Irgendwie brauchte ich wieder Arbeit. Weil ich keineswegs wusste was ich nun machen sollte, entschied ich mit auf altbewährtes. Weil ich aber möglichst schnell beginnen wollte, nahm ich einen Job bei Manpower an und startete für ein paar Wochen in einer Getränkehandlung in Wettingen als Chauffeur.

Schon bald sollte aber ein Einsatz in der SFO, einer Großmetzgerei in Othmarsingen erfolgen. Zusammen mit einem zweiten Fahrer sollte ich im Schichtbetrieb Blut aus fast allen Schlachthöfen der deutschen – und der welschen Schweiz einsammeln. Die Tankanlagen, Pumpen und Schläuche mussten täglich gereinigt werden. Das Ganze eine gewöhnungsbedürftige Arbeit. Am Freitag war dann unser längster Arbeitstage, denn wir fuhren an diesem Tag zu zweit. Nach dem obligaten Reinigen musste die ganzen Anlagen auch desinfiziert werden, denn Blut ist noch delikater in der Behandlung als Milch. Es musste auch immer der Nachweis der Keimfreiheit erbracht werden, weshalb das Unternehmen auch ein eigenes Labor zu betreiben hatte.

Man brauchte das Blut für die Produktion von Lebensmittel- und Tierfutter Plasma. Das hier die Hygiene einen absoluten und genau überprüften Inhalt hatte, musste man mir als Lebensmittel- Fachmann nicht speziell einimpfen. Die Plasma Abteilung verarbeitete das Ganze sofort zu diesem begehrten Rohstoff, indem sie dem Blut das Hämoglobin entzog. Und Blut besteht aus weiß ich was allem, im wesentlich aber aus Eiweißverbindungen und eben Hämoglobin. In frühen Jahren schütteten die Bauern, wenn sie geschlachtet haben, den Rest des nicht gebrauchten Blutes (Blutwürste) in den Garten, denn vor allem das Hämoglobin galt als vorzüglicher Dünger. Wer weiß dass heute noch? Es isst ja auch niemand mehr Grick, Schweinefüße und Ohren. Sogar die feinen Kutteln sind bald einmal unbekannt.

Und so wurden diese beiden Grundbestandteile getrennt, das Hämoglobin zu Pulver verarbeitet und der Düngeindustrie verkauft, das Plasma auf einer Tiefkühltrommel schockgefroren. Plasma war, weil stark bindend sehr begehrt in der Lebensmittelindustrie aber auch bei der Herstellung von Tierfutter, dabei wegen des Eiweißes äußerst begehrt. Beides wurde absolut getrennt verarbeitet.

Ja der Erich Marti. Er hat eine Karriere hingelegt, welche es in der Schweiz in so kurzer Zeit wohl nicht mancher erreicht hat. In einer kleinen Metzgerei, welche an das noch heute bestehende Restaurant Marti angebaut war hat alles begonnen. Zusammen mit seinem Kompagnon Heinrich Schmid und ein paar Angestellten hat alles angefangen. Das Dorf Othmarsingen war den beiden jungen Berufsleuten schnell einmal zu klein, was den Fleischabsatz anging. Man wollte auch in die Westschweiz liefern und tat dies offensichtlich immer erfolgreicher. Schnell einmal wurde expandiert und hinter dem Restaurant Pflug ein Schlachthaus gebaut. Fast während der ganzen Zeit der SFO musste angebaut und erweitert werden. Noch viele Jahre nach dem Umzug betriebt ein Metzger mit seiner Frau noch die ehemalige Metzgerei. Links, wenn man zur Türe reinkam, gab es ein „Büro“ von der Größe einer Telefonkabine. Von hier aus verkaufte Erich Marti das Fleisch. Diese Eigenart hat er auch im neuen Schlachthof aufrecht erhalten. Den Verkauf der guten Stücke hat er auch später aus seinem Minibüro getätigt, auch wenn es dann zumal ein eigenes Verkaufsbüro gab. Auf diese Weise blieb er auch mit seinen inzwischen 180 Angestellten im Kontakt mit seinen Kunden.

Erich Marti aber hat etwas sehr früh erkannt. Mit Fleisch wäre in der kleinen Schweiz bald einmal kein Geld mehr zu verdienen. Er konzentrierte sich immer mehr auf die Verarbeitung der Schlachtnebenprodukte und führte diese auch in großem Stile noch zu. Der große Teil wurde für die Futtermittelindustrie verarbeitet, aber auch die Firma Geistlich brauchte die veredelten Bestandteile der Knochen. Wie und was in der Produktion alles gemacht werden musste, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch das Fett der Tiere war übrigens ein solches Produkt.

Es ließ sich eigentlich wirklich gut arbeiten in dieser erfolgreichen Firma, wäre nicht ausgerechnet mir ein tragischer Fehler im zwischenmenschlichen Bereich passiert. Man pflegte in diesem Betrieb einen fast familiären Umgang. Wie auch in anderen Betrieben wurde jährlich ein Fest organisiert. Dabei wurde das Ganze Abteilungsweise abgehalten. Ein Kollege von mir wollte das Fest in einer Waldhütte inszenieren und fragte mich, ob ich ihn dabei unterstützen würde. Es war dann in der Praxis so, dass die Organisation und Durchführung zu 80% an mir hängen blieb. Meine Stimmung an diesem Abend auch wenn es äußerst lustig war, eher gereizt.

Irgendwann zu fortgesetzter Stunde erschien dann Erich Marti mit einem befreundeten Geschäftsmann aus dem Tessin und machte uns seine Aufwartung. Eigentlich machte er uns allen damit natürlich auch eine große Freude. Die Beiden mussten schon arg zusammen gebechert haben, fuhr er doch seinen Jaguar beim Wenden im Wald über einen Wassergraben auf einen Reisighaufen und war natürlich nicht mehr zu bewegen.

Solche Bagatellen löste unser Chef auf seine ihm eigene Art. Er drückte den Schlüssel dem dienstältesten Chauffeur in die Hand und bat um dessen Schlüssel für die Heimfahrt. Der Anlass war übrigens an einem Samstagabend, sein Fahrzeug sollte der Chauffeur einfach am Sonntag morgen bergen. Was meinen Festkompagnon bewegt hat, kann ich auch nicht sagen, jedenfalls sagte er, wahrscheinlich um sich selbst wichtig zu machen, vor den Beiden. Sag bitte noch ein Wort des Dankes. Dies wäre mir unter normalen Umständen nicht schwer gefallen. Hatte er sich doch für diesen Anlass äußerst spendabel gezeigt. Nach allem was vorgefallen war, riss ich mich zu der Äußerung hin: „Das würde ich lieber nächste Woche erledigen“. Dies war, ich muss es zugeben vor meinem Chef und natürlich seinem Geschäftspartner eine ungeheure Beleidigung. Wollte etwa heißen: Ich bedanke mich, wenn er wieder nüchtern ist.

Von dieser idiotischen Aussage an, hatten mein Chef und ich das Heu nicht mehr auf der selben Bühne. Bis dahin konnte ich wirklich von einem sehr guten Verhältnis ausgehen. Sehr schade das Ganze. Von nun an wurde ich nur noch schikaniert. Ich musste die Konsequenzen ziehen und kündigen.

Die 30 Tage der Kündigungszeit musste ich mit allen Schmutzarbeiten im Schlachthof absitzen. Natürlich hätte ich mich dagegen wehren können, war ich ja als Chauffeur und nicht als Metzger angestellt. Diese Freude wollte ich dann aber meinem Chef nicht machen. So wurde ich in das elektrische Betäuben der Schweine angelernt, musste Freilaufstiere zum Schießplatz treiben, 8 Stunden Schmärfett ziehen usw. usw. Wenigstens mutete man mir nicht auch noch zu, die Schweine am Ausblute-Karussell zu stechen.

Der Monat ging auch vorbei, und ich konnte mich neuen Aufgaben zuwenden. Viele Jahre hat dieser tüchtige Unternehmer nicht mehr gelebt. Er war so glaube ich wenigstens, gerade mal 62 Jahre als er verstarb. Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass ich mir deswegen noch Gedanken hätte machen müssen. So bedeutend war unser Knatsch dann sicher auch nicht für ihn. Wieso das Unternehmen dann unter der Leitung seiner Witwe und seinem Sohn nicht mehr sehr lange überlebte kann ich leider auch nicht sagen. Man munkelte schon seit Jahren, dass der Betrieb nicht mehr EU Konform sei. Gut möglich, dass ohne Geschäfte mit diesem grossen Wirtschaftspartner ein weiteres Überleben des Betriebes gar nicht mehr möglich war. Vorerst verlegte man die Schlachterei noch nach Zürich. Das Ende kam aber immer näher. Wirklich schade das Ganze. Weil man von Gerüchten höchstens lügen lernt, beendige ich an dieser Stelle die Beschreibung eines grossen Selfmade Unternehmers.

Von meiner Partnerin in Wettingen habe ich mich in diesem Jahr auch getrennt. Ich bezog vorerst das Zimmer Nr. 1 im Gasthof Pflug. Mit den Wirtsleuten verband mich seit ein paar Monaten eine Freundschaft.

Noch einmal inszenierte meine Ex einen grossen Auftritt. Sie schlich um den Gasthof, wo ein Kollege und ich uns verabredet haben. Wir waren kurz vor dem abfahren, als ich sie entdeckte. In rassiger Fahrt ging es Richtung Hendschiken. Es kam zu einer regelrechten Verfolgungsjagd durch sie. In der Hauptstraße des Nachbardorfes bogen wir nach der Stop Straße links ab und sahen schon bald niemand mehr im Rückspiegel. Sie allerdings muss dieses Signal übersehen haben.

Bei diesem Fluchtmanöver hatten wir den dritten Mann in Othmarsingen lassen müssen. Also mussten wir noch einmal zurück, nachdem wir in Dottikon noch eingekehrt waren. Dabei sahen wir die Bescherung. Meine ehemalige Partnerin war, weil nicht ortskundig in Hendschiken einfach geradeaus gefahren, zwar schon abgebremst, aber immer noch mit rechter Energie mit einer Mauer kollidiert. Inzwischen war schon das Sanitätsfahrzeug da und leistete im Haus gegenüber erste Hilfe. Vorsichtshalber nahm man sie mit ins Spital Baden, um sie einem eingehenden Check zu unterziehen.

Es war halt typisch für diese Frau: Augen zu und durch. Emotional durchgeknallt bis zum geht nicht mehr. Es war zwar das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, die letzte Konfrontation war es nicht. Es begab sich nämlich in jener Zeit …… Mein Auto war jedenfalls eines Tages nicht mehr vorhanden. Wo ich zu suchen hatte, wusste ich allerdings schon. Sie hat es schlicht weg entwendet und etwa 800 m von ihrem Wohnort versteckt. Weiber!!! Vorerst hatte ich die Schnauze gründlich voll.

Lange sollte allerdings meine Sololauf nicht andauern. Außer 2 kurzen Begegnungen in Zimmer 1 gab es nur noch einen versuchten Zwischenfall. Die Dame glaubte mich ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag noch an baggern zu müssen. Dieser Versuchung konnte ich dann allerdings als von ihr eingeladener Hochzeitsgast in der Waldhütte problemlos widerstehen. Es gab wirklich einige Turbulenzen in meinem Leben…..und es waren auch wilde Zeiten damals im Restaurant „Zylinder“ in der Hölli Othmarsingen. Dieses legendäre Restaurant hieß eigentlich…??? ,es war einfach der Zylinder und wurde etwa 3 Jahre später abgerissen. Die Spenglerei Oppliger realisierte an diesem Standort eine neue Überbauung.

Dieses Lokal war der Treffpunkt von allen. Auch Frauen hatten keinerlei Probleme auch alleine dort auf zu kreuzen. Ida die schon 73-jährige Wirtin mochte allen ein zuhause geben. Die meisten allerdings waren verheiratet oder lebten in einer Partnerschaft. Sie „betreute“ alle gleichermaßen. Und in dieser Kneipe wurde gejasst, damals noch vielfach der Pandur. Später wurde dann das „Kratzen“ eingeführt, ein Glücksspiel, bei dem es massiv in die einte oder andere Richtung gegangen ist. Die Kneipe auch unter der Woche am Abend immer gut besucht, am Wochenende dann auch tagsüber.

Hier lernte ich auch meine spätere Frau Susi kennen, vorerst allerdings nur als Jasspartnerin. Sie war verheiratet und die Beiden wohnten in Mägenwil. Genau genommen war es eher ihr Mann, welcher gerne spielte. Die zwei hatten keine Kinder, konnten seinetwegen gar keine haben. Also haben sich beiden auf ihren Job konzentriert, beide übrigens äußerst erfolgreich. Sie arbeitete als rechte Hand des Chefs in einem bekannten Treuhandbüro in Aarau. Allerdings hatte sie schon damals größeres im Sinn, sie wollte das eidg. Buchhaltediplom machen. Auch sie war, wie schon angedeutet eine absolute Zahlenfrau, vermutlich ein Erbstück von ihrem Vater. Er war in der AVOR bei einer grossen Couvertfabrik. Ursprünglich hatte er Buchdrucker gelernt. Die Beiden kannten sich schon von Kindesbeinen an. Beide hatten dann ihre Lehre in Solothurn abgeschlossen.Er muss eine arg schlimme Jugend gehabt haben, hatte dann allerdings das Glück, dass er bei einem Metzgermeister als Pflegekind aufgenommen wurde.

Ein neuer Anfang

Der Wirt vom Gasthof Pflug hatte früher als Chauffeur gearbeitet, bevor er die Tochter des Seniorwirtes geheiratet hatte. Die Eltern zogen sich ins Wallis zurück und die beiden haben den Betrieb übernommen und waren sehr erfolgreich dabei. Ich entsinne mich noch gut an die Betriebsübergabe. Man machte dies sehr werbewirksam mit Plätzli und Koteletten aus dem Gusspfännchen zu Preisen wie vor ? 30 Jahren? Es war ein Riesenfest, auf zusätzlich Werbung konnte ruhig verzichtet werden. Sehr positiv war dabei der Umstand, dass seine ehemaligen Berufskollegen schnell einmal zu seinen Stammkunden zählten. Da war aber etwas, was für mich damals ganz entscheidend war. Seine Ferien hat er jeweils bei Auslandseinsätzen bei der Firma Dreier in Suhr verbracht. Ihm behagte das Fahren im Ausland auch noch in seinen Wirte tagen.

So genügte dann ein Telefon von ihm und ich hatte einen neuen Arbeitgeber, und was für einen. Ich entsinne mich genau an den Werbespruch: „Dreier Suhr auf ihrer Spur“. Wieder war ich in einem Familienbetrieb angekommen. Die beiden Seniorchefs waren Brüder, der einte zuständig fürs Kaufmännische, der andere eher fürs Technische. Auch 3 Söhne waren schon im Betrieb. Die Nachfolge im gleichen Stil eigentlich schon geregelt. Ich denke, dass damals etwa die Hälfte der Fahrzeuge im Auslandseinsatz waren, was mich allerdings nie groß gereizt hat. Der Rest für verschiedene Firmen im Inland im Einsatz.

Unter anderem betrieb man die ganze Logistik der Jowa Großbäckerei in Gränichen. Solche Arbeiten waren sehr sicher, allerdings nicht sehr fürstlich entschädigt. Die Löhne deswegen eher durchschnittlich. Das Arbeitsklima war in diesem Betrieb hervorragend. Es gibt in der Transportbranche einen klaren Gradmesser diesbezüglich. Wenn du am Samstagmorgen auf dem Betriebsareal regelmäßig Angestellte herum schleichen siehst, teils um kleinere Arbeiten an den Fahrzeugen zu machen, oder auch nur um miteinander zu kommunizieren arbeitest du in einem solchen Betrieb.

Mein Job, während ca. 9 Monaten im Jahr sollte auf einem 3-Achser sein. Ein Saurer B 330. Es war eines von 2 Silofahrzeugen. In der Saison sollte ich in der Maxit AG in Stetten arbeiten. In dieser Zeit allerdings drehte ich am Rad wie ein Irrer. Ich generierte einen Umsatz, dass man das Fahrzeug den Winter durch auch stehen lassen konnte. Dazu durfte man allerdings, in der Saison den Schlüssel nicht nach 9 Stunden drehen. Den Rest des Jahres brachte ich das eigene und auch andere Fahrzeug wieder auf Vordermann. Immer öfters musste ich allerdings im Winter, wenn die grossen Kanalisationen gemacht wurden für die Fa. Favre Röhren transportieren. Bald einmal beherrschte ich das Rückwärts fahren mit dem Anhängerzug wie kaum ein zweiter. Zu jener Zeit wurden unter anderem die grossen Kanalisationsarbeiten im solothurnischen Wasseramt ausgeführt. Es galt dabei kilometerweit auf Feldwegen rückwärts zu fahren. Wer es da nicht lernte, lernte es mit Sicherheit gar nie.

Es war die Zeit, als die Firma Saurer die Produktion einstellen wollte. Rührend versuchten schweizerische Transportunternehmer damals ein paar Milliönchen zur Rettung des grossen Traditionsunternehmens zu sammeln. Mit solchen Trinkgeldern konnte man das Überleben von Saurer natürlich nicht sichern. Es war eine schöne Geste, mehr aber auch nicht. Wer nicht global auftreten konnte wie eben Mercedes sollte bald einmal keine Chance mehr haben auf dem hart umkämpften Markt. Aber wenn sogar Scania 2 Jahrzehnte später Mühe bekommen sollte, obwohl man auf dem ganzen Kontinent präsent war.?…. Es war der Beginn der Globalisierung.

Heute darf ich darüber sprechen. Schon bald einmal begann ich dem sehr robust gebauten Saurer alles ab zu verlangen. Auch war ich der einzige Chauffeur bei Dreier, welcher auch für die Überstunden entschädigt wurde. Die Umsätze ließen sich wirklich sehen. Ich aber hatte noch immer Alimenten zu zahlen. Der Senior kam mir auch hier entgegen und ich durfte jeweils am Samstag in der Frühe noch zwei Fuhren Brot nach Luzern fahren. So konnte man abwechslungsweise einem Fahrer am Samstag frei geben. Ich habe sehr gerne in diesem Betrieb gearbeitet, nicht nur weil Daniel Dreier, jeweils eine Bundesrat Schaffner Torte offeriert hatte. Daniel war übrigens zusammen mit einem 2. Mechaniker ein begeisterter und erfolgreicher Schwinger. Gegen die Beiden wirkte ich mit meinen gut 100 Kilo als wäre ich unterernährt.

Nach 3 Jahren, inzwischen wohnte ich mit meiner späteren Frau zusammen verabschiedete mich der Seniorchef mit den Worten: „Man kann nicht immer Glück haben“, unten vor seinem Büro in Suhr. Ich wechselte für 3 Jahren noch direkt zur Firma Maxit AG in Stetten. Man hat hier ein neues Stellfahrzeug angeschafft. Mit diesem neuen 4-Achser wurden die Silos auf die Baustellen gebracht, gezügelt von einer Baustelle zur anderen und natürlich jeweils auch wieder abgeräumt. Als Fremdfahrer, der ich bei der Fa. Dreien nun mal war, wurde man bei den Arbeitseinsätzen nur in der Saison eingesetzt. Dieser Umstand hat mich, auch wenn ich nicht einen Nachteil daraus gezogen hatte immer „gewurmt“. Ansonsten hat sich nicht vieles geändert. Man hatte jetzt einfach das Privileg des Besitzers, man konnte in jedem Fall zuerst die eigenen Fahrzeuge auslasten. Dies hat sich naturgemäß auch auf den Lohn ausgewirkt. Die Arbeit war natürlich auch unterschiedlich, ich war jetzt eher für das bereit stellen der Infrastruktur zuständig.

Unser Chef, Herr Wetzel war Deutscher und wohnte in Baden Württemberg. Er war ein Arbeitstier sondergleichen, fleißig und sparsam, wobei zu sagen ist, dass er bei der Entlohnung der Mitarbeiter keineswegs kleinlich war. Die Maxit AG gehörte einem riesigen Kies und Kalkwerk. Die Carlo Bernasconi AG in Birsfelden war zwar der eigentliche Besitzer, weshalb die Firma sich anfangs auch Carlo Maxit AG nannte. Wie sich die Anteile an der Firma genau zusammen setzte, musste nicht unser Problem sein, wir waren ja gut gehalten. Die Bernasconi AG war jedenfalls in der Schweiz auch ein bedeutender Player auf dem Bausektor.

Wenn ich heute zurück schaue muss ich immer wieder feststellen, in welchem horrenden Tempo die Wirtschaft und der tertiäre Sektor sich verändert haben. Allerdings gehörte ich definitiv einer privilegierten Generation an. Immer gab es Arbeit in Hülle und Fülle. Man hat dafür dann auch einiges unternommen. Und wenn es einer Branche mal nicht so gut ging, wie der Bauindustrie zu Beginn der 90-er Jahre, konnte man sich in einer anderen Sparte nützlich machen.

Ich habe zu dieser Zeit nicht mehr in der Maxit gearbeitet. Ein solcher Wandel in der Geschichte ist jetzt angestanden. Die deutsch Wiedervereinigung. An dem zu erwartenden Boom wollte auch die Maxit AG, respektive das deutsche Mutterhaus partizipieren. Es wurden neue Werke im Osten erstellt. Mein Ex-Chef war bald nur noch unterwegs, tat was er mit seiner gewaltigen Erfahrung im Bereitstellen solcher Werke immer getan hat. Seine Gesundheit hat dies allerdings massiv überfordert. Er vergaß jeweils schon in der Schweiz fast das Durchatmen vor lauter Tatendrang.

Du kannst groß sein und stark,es gibt immer irgendwo jemand der dich in den Schatten stellt. Die Heidelberg Zement in Deutschland ist zwar nicht so groß wie der Schmidheiny Konzern in der Schweiz, war aber keineswegs bereit sich im ehemaligen Osten, die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Ich glaube die Maxit AG hat sich jedenfalls mächtig vertan. Die Renditen blieben unter Erwartung, dies war dann für meinen ehemaligen Chef des guten zu viel. Er verstarb noch vor seiner Pensionierung. Hätte ich das ganze früher erfahren ich wäre nach Deutschland zu Abdankung gefahren. Ich war zu dieser Zeit allerdings schon länger nicht mehr im Betrieb. Kontakt zu den ehemaligen Kollegen hatte ich noch zu Hauff.

Was genau passierte wusste ich nicht. Jedenfalls ist in der Schweiz ein völlig neues Firmen Konglomerat entstanden. Meine hochverehrte gute alte Maxit AG ist darin aufgegangen. Solche Sachen sind dann für mich kaum mehr verständlich, auch wenn ich sagen muss, dass ich die Hintergründe in keiner Art und Weise kenne. Die Granol hat das Zepter übernommen, die deutschen Fa. Weber wurde auch noch integriert und natürlich die Maxit AG. Man wollte alles aus einer Hand anbieten und Granol hatte schon lange einen guten Ruf bei den Fertig putzen. Investieren oder untergehen, dies scheint immer mehr die Devise zu sein. Noch etwas wurde dabei geändert. Die ganze Logistik wurde ausgelagert. Ein Wort, welches man noch des öfteren hören wird. Ich glaube den nächsten Schritt in diesem Riesenpoker schon in den Ohren zu haben.

14. Kapitel

Des einen Freud des anderen Leid.

Jeder hat seine Geschichte, das ist die Geschichte hinter dieser Geschichte. Jedenfalls ist Heinz von seiner Frau weggezogen und hat bei einer anderen Frau mit 2 Kindern sein neues Zuhause gefunden. Scheinbar konnte er sich nicht damit abfinden, dass er keine Kinder haben konnte. Was genau in seinem Kopf vorgegangen ist vermag niemand mehr zu erfahren. Er hat jedenfalls alles aufgegeben, seine ihn liebende Frau den ganzen Kollegenkreis, schlichtweg alles. Noch so ein Beziehungsdrama hat dann im Dorf statt gefunden. Weil sie beide zu meinen Freunden gehörten, mag ich allerdings nicht darüber schreiben.

Für Susi war das Ganze ein gewaltiger Schock. Sie aber wollte die Sorgen nicht allein mit sich herumtragen und suchte wieder Schutz…..Ich war der Glückspilz für die nächsten 23 Jahre. Wir wurden ein Liebespaar und als solches auch wahr genommen in Othmarsingen Nach all den Wirren in meinem Leben hatte ich von allem Anfang an, erstens eine neue Heimat gefunden und seit langem ein richtiges zu Hause. Tragischerweise hat man nie erfahren, was bei Heinz schlussendlich schief gelaufen ist. Er beendete sein verspieltes Leben freiwillig. An seinem Grab allerdings mochte Susi nicht stehen.

Noch kurze Zeit wohnten wir in Mägenwil. Susi hatte schon bald einmal im Sinn etwas eigenes zu kaufen. Dafür musste sie allerdings ihr Grundstück in Kriegstetten erst einmal verkaufen. Die Banken, das musste ich auch erst einmal lernen, akzeptieren keinen ausserkantonalen Besitz. Der wahre Grund war vermutlich eher der, dass wir beide nicht verheiratet waren. Dies wollten wir vorerst auch gar nicht tun. Es sollte jedenfalls noch 7 Jahre dauern bis wir dann doch geheiratet haben.

Mein neues Fraueli war sehr zielorientiert. Schon 2 Jahre war sie an den Arbeiten zu ihrem Buchhaltediplom. Vermutlich können nur die wenigsten Leser verstehen, was dies bedeutet. Ich allerdings war seit dem Absolvieren meiner Handelsschule bestens informiert. Ich hatte sie noch heute vor Augen, die Absolventen dieses Buchhaltediploms. Es gab nämlich ein spezielles Merkmal, die hervorstehenden Venen und Arterien an den Schläfen. Dagegen war jedenfalls die „Handeli“ ein Klacks.

Auch wenn ich mit der Finanzierung dieses Hauses vorerst gar nichts zu tun hatte. Es war sofort das Ziel unserer Begierde. Es war eine Erbengemeinschaft, welche das Haus anbot. Allerdings waren die Termin zur Besichtigung schon alle vergeben, jede Viertelstunde in Interessent. Mein Fraueli von Natur aus eher scheu wollte das ganze schon aufgeben. Doch so schnell wollte ich bei diesem Objekt dann doch nicht die Flinte ins Korn werfen.

Zwei drei mal schlichen wir buchstäblich um das Objekt unserer Begierde, bis Susi mir die Erlaubnis erteilte noch einmal mit dem Rechtsvertreter der Erbengemeinschaft Kontakt auf zu nehmen. Es gelang mir ihm einen zusätzlichen Termin vor den anderen ab zu schwatzen. Dies war die Chance. Das Haus sollte CHF 245’000 kosten. Die Kreditgarantie der Bank hatte Susi schon einmal eingeholt. Auf der Außentreppe zum Keller habe ich dann mit dem Mann eingeschlagen. Auch wenn damit noch nicht verschrieben war, die Freude in unseren Augen hatte den Mann überzeugt, dass wir das Haus mit Sicherheit schätzten. Ein wichtiger Punkt, wenn es um den Verkauf des Elternhauses geht. Der Handschlag war ein Ehrenwort. So versuchte man auch gar nicht mehr für das Objekt mehr zu lösen. Ein schlechtes Geschäft war es für die Erben dann doch nicht, auch wenn man auf dem „freien Markt“ noch mehr hätte lösen können.

Schon bald einmal war die Stipulation. Unser junges Glück von Tag zu Tag größer. Dieses Haus hatte für uns d e n entscheidenden Vorteil. Man konnte auch noch leben dabei, und Susi konnte ihre Schule beenden, indem sie den Job auf 50% reduzierte.

Anfangs hatte ich noch bei Maxit gearbeitet. Bald sah ich eine neue Chance. Nach der Arbeit wurde gespitzt, neue Leitungen verlegt, der Kaninchenstall reaktiviert, der Hühnerhof wieder in Stand gestellt und wieder in Betrieb genommen. Nur wer schon erlebt hat, wie man nach der Arbeit von gackernden Hühnern begrüßt wird kann unser großes Glück verstehen. Die lieben Viecher haben zu schnell begriffen, dass man ihnen einen oder zwei Würmer in den Hof werfen würde.

Noch etwas entscheidendes ist am Anfang passiert. Wir hatten inzwischen eine äußerst gute und auch lehrreiche Beziehung zu unseren Nachbarn, Anna und Fritz Seiler. Die beiden haben ihr ganzes Leben bei Bally in Dottikon gearbeitet. Das Eigentum dieser Häuser hatte einen eigenwilligen Hintergrund. Das Land konnte nach dem Krieg für CHF 1.00/m² von der Gemeinde erstanden werden. Auf dem Gelände hatte früher die „Güselgrube“ bestanden. Die Eidgenossenschaft subventionierte die Häuser mit CHF 5’000.–, stellte dabei aber ein paar einschneidende Bedingungen. So durften nur bestimmte Quadratmeter bebaut werden. Auch die Wohnfläche wurde limitiert, die wichtigste Einschränkung war: Es durfte kein Badezimmer eingebaut werden, dies sollte für ein paar Jahre noch das Privileg von Herrschaften sein. Die Häuser kosteten zwischen 46 und 54’000 CHF. Einen Kran brauchte es nicht und wer den Handaushub wie Fritz auch noch selbst bewerkstelligte konnte nochmals ein paar Tausender einsparen.